Arbil im Nordirak - DER SPIEGEL
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Arbil in Kurdistan-Irak: Wiederauferstehung der Schönen

Foto: � Azad Lashkari / Reuters/ REUTERS

Arbil im Nordirak Zitadelle der Zukunft

Arbil will zur Tourismusmetropole aufsteigen - im vom Terror erschütterten Irak eine heikle Aufgabe. Doch die Stadt im kurdischen Teil des Landes bietet gute Voraussetzungen: Die Sicherheitslage ist stabil, die Wirtschaft boomt. Jetzt soll die aufwendig restaurierte Zitadelle Reisende anlocken.
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Wer wissen will, wie touristisch unberührt ein Ort auf dieser Welt noch ist, der kann sich an der Postkartenquote orientieren. Wo es viele Touristen gibt, da sind auch die Drehständer mit den abgegriffenen Motiven und vorgedruckten Greetings from nicht weit. In Arbil kann davon keine Rede sein, auch wenn sich das bald ändern könnte.

Die Region Kurdistan-Irak im Norden des kriegsgebeutelten Landes ist entschlossen, der Welt einen neuen Irak zu zeigen. "2006 gab es hier keine Infrastruktur, kein Fünf-Sterne-Hotel, jede einzelne Wasserflasche musste importiert werden", erzählt der Chef der Investitionsbehörde, Herish Muharam. Doch im kommenden Jahr trägt die Stadt den Titel "Arab Tourism Capital". Zudem bereitet man sich auf ein Filmfestival vor, die Kinos dafür sind gerade im Bau.

Überall in der Stadt entstehen Hotels und Shoppingmalls, Luxus hinter Glasfassaden, an jeder Ecke wird gebaggert und gebohrt. Seit ein paar Jahren schon ist die 800.000-Einwohner-Stadt für internationale Geschäftsleute ein Fixpunkt in einer unbeständigen Region, die Fachmessen in Arbil gelten als sicherer Treffpunkt für Verhandlungen mit Partnern aus dem arabischen Raum.

Restaurierung nach Unesco-Richtlinien

Arbils Kapital ist die stabile Sicherheitslage. "Der andere Irak" - so bezeichnet sich die autonom regierte Region Kurdistan gern. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amts gilt für dieses irakische Gebiet, in dem rund fünf Millionen Kurden leben, nur eingeschränkt. Auf der Homepage heißt es vorsichtig: Aufenthalte können hier nach Prüfung der aktuellen örtlichen Gegebenheiten in Betracht gezogen werden. Während es im nur knapp hundert Kilometern entfernten Kirkuk und Mosul beinahe täglich zu tödlichen Anschlägen kommt, hat die Region Kurdistan-Irak den Terror eingedämmt.

Vor allem die sandfarbene Zitadelle zieht Touristen an. Imposant thront ihre Festungsmauer fast 30 Meter über der lärmenden Stadtmitte. Die Burg gilt als eine der ältesten dauerhaft bewohnten Siedlungen der Welt. Seit mehr als 7000 Jahren siedeln Menschen hier, das Gelände steht auf der Anwärterliste der Unesco zum Weltkulturerbe, aber momentan gleicht es wie der Rest der Stadt einer Großbaustelle.

Betonmischer, Stützbalken und Absperrbänder dominieren das Bild in den Straßen. Die Restaurierung der halbverfallenen Gebäude ist mühsame Handarbeit. Im Kuppelbau des Hamam, des öffentlichen Bades, werden übermalte Deckenverzierungen freigelegt. Stein um Stein müssen die Fassaden und Grundmauern vermessen, abgetragen und wieder aufgebaut werden. Dabei dürfen nur Originalmaterialien verwendet werden, um den Unesco-Titel nicht zu gefährden.

In den dämmrigen Gassen des Basars

Derzeit sind erst 15 von rund 180 Gebäuden instand gesetzt. "Natürlich gibt es noch viel zu tun", sagt Dara al-Jakubi, Leiter der Zitadellen-Kommission, "aber wir sind auf einem guten Weg. Vergessen Sie nicht, dass wir bei null angefangen haben." Schon der Großvater von al-Jakubi besaß einst ein Haus hier oben. Jahrzehntelang bröckelte die Zitadelle vor sich hin. In wenigen Wochen, so hofft der Enkelsohn, wird nun das Zitadellen-Café eröffnen, im Innenhof eines alten Kaufmannshauses, "das wird ein Treffpunkt für alle Touristen".

Noch ein perfekter Ort für Touristen, um in den irakischen Alltag einzutauchen, ist der alte Basar mit seinen geschwungenen Eingangstoren. Von der Zitadelle aus schaut man in die dämmrigen, verwinkelten Gassen, in denen sich die Arbiler mit Lebensmitteln, Kleidung und Schmuck versorgen. In der Schneidergasse türmen sich die Anzugsstoffe bis zur Decke; bei den Schreinern, die an traditionellen Kinderwiegen aus Holz feilen, duftet es nach frischen Sägespänen.

Der Kontrast zu den tiefgekühlten Einkaufszentren, in denen sich die modernen Arbiler bei westlichen oder türkischen Modeketten einkleiden, könnte kaum größer sein. Urlauber, die nach typisch irakischen Mitbringseln Ausschau halten, werden zunächst enttäuscht. Die Kinderjeans und die Kopftücher auf dem Basar stammen aus China oder der Türkei, die Henna-Paste aus Indien, die Zimt-Seife ist made in USA.

Stattdessen gibt es heimische Mandeln in blauer Zuckerhülle und scharfe Gewürze in Großfamilienmengen zu erstehen. Und genau das ist es, was die Stadt für Reisende noch so interessant macht: Hier gibt es keine aufdringlichen Postkartenverkäufer und keine Kamel-Safari-Anbieter. Dafür den heißen, staubigen Alltag, der in seinen besten Momenten nach Kebab und Rosenwasser duftet.

Traum von Ferienressorts und Wanderwegen

Kurdistans Wirtschaft boomt, und was den Tourismus betrifft, hat die Regierung große Pläne. "Es gibt hier enormes Potential", meint Herish Muharam von der Investitionsbehörde. Er ist sichtlich stolz auf den Wiederaufbau, die schicken Hotels mit den unterwürfigen Kellnern aus Südindien, der internationalen Cocktail-Karte, den vergoldeten Polstersesseln wie aus Dubai.

Noch stammen die meisten Touristen in Kurdistan-Irak aus den Nachbarländern Iran, Syrien oder der Türkei. Doch wenn es nach Muharam geht, soll sich das bald ändern. Er hat auch schon konkrete Pläne, wie man internationales Publikum nach Arbil locken könnte. Er träumt von ausgewiesenen Wanderrouten in den kühleren, bewaldeten Bergen, Ferienressorts an den großen Stauseen mit malerischem Panoramablick. So etwas wäre doch auch für Individualtouristen aus Europa interessant, sagt er. Noch sind das alles nur Pläne. Aber Herish Muharam sagt: Die Herzen der Menschen hier sind offen.