Charleston und Co.: Geschichte, Gärten, Plantagenkultur
South Carolina "Fackeln im Sturm" lässt grüßen
Charleston - Sam Jervais zieht an den Zügeln. Bevor seine Maultiere die Touristenkutsche durch Charlestons Altstadt ziehen dürfen, notiert eine junge Frau den Namen und weist ihnen eine Route zu. "Pro Zugtier sind maximal sechs Touren am Tag erlaubt", sagt der Kutscher. Und es dürfen höchstens 20 Fuhrwerke gleichzeitig im historischen Distrikt unterwegs sein. So soll die Balance gehalten werden "zwischen einer lebendigen Stadt und einer reinen Urlauberattraktion", sagt Sam. Dann lockert er die Zügel, und der Ausflug in eine längst vergangene Welt beginnt.
Zur Zeit der Amerikanischen Revolution in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts lebten neun der zehn reichsten Familien der neugegründeten USA in Charleston . An der East Bay Street können Reisende heute die längste noch erhaltene zusammenhängende Häuserzeile aus vorrevolutionären Zeiten bewundern. Manche Straßen der Hafenstadt wurden aus den schweren Ballaststeinen jener Schiffe gebaut, die von Europa leer gen Westen segelten und gefüllt mit Baumwolle, Tabak und Reis zurückkehrten.
Zeitweise wurden mehr als zwei Drittel des Welthandels mit Reis über Charleston abgewickelt. Er wuchs auf den fruchtbaren Feldern des subtropisch-warmen amerikanischen Südens und wurde von schwarzen Sklaven geerntet. Von jenen, die aus Afrika über den Atlantik verschleppt wurden, betrat mehr als jeder Dritte erstmals hier amerikanischen Boden - um sogleich an einen Plantageneigner verkauft zu werden.
Der älteste öffentlich zugängliche Garten Amerikas
Einige der Anlagen, auf denen einst das "Gold der Carolinas" angebaut wurde, sind noch erhalten und für Besucher geöffnet. Drei von ihnen - Magnolia Plantation , Middleton Place und Drayton Hall - liegen eine kurze Autofahrt außerhalb der Stadt an den Ufern des Ashley River, über den der Reis einst zum Überseehafen transportiert wurde. Lange Zeit war es einfacher, die Plantagen per Schiff zu erreichen als mit Pferden. Die Fronten der Herrenhäuser richteten sich deshalb auch meist zum Fluss.
In Middleton zeigt ein Demonstrationsfeld, wie mühsam der Reisanbau damals war. "Dreimal zwischen der Saat im Mai und der Ernte im September mussten die Felder künstlich überflutet werden. Dann wurden die Früchte in mehreren Schritten in Handarbeit von den Hülsen getrennt, bevor sie in Fässer gefüllt wurden", erklärt Fremdenführer Sean Hartness.
In Magnolia liegt heute Entengrütze auf den überfluteten Feldern, ab und zu steckt ein Alligator seine Nase heraus und beäugt die vielen Wasservögel und Schildkröten ringsum. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts öffnete die Eigentümerfamilie ihre Gärten, um an Geld zu kommen. Es heißt heute, Magnolia sei der "älteste öffentlich zugängliche Garten in Amerika". Auch der Herrenhausneubau von 1891, der bis 1975 eine private Wohnresidenz war, kann besichtigt werden.
Aus Boone Hall wurde Mont Royal
Noch eindrucksvoller ist die 1681 gegründete Boone Hall Plantation in Mount Pleasant, östlich von Charleston. Hier wurde früher vor allem Baumwolle angebaut. Die lange Allee aus 93 Eichen, die 1743 gepflanzt wurden, sowie das 1936 neu gebaute Herrenhaus dürften viele Touristen wiedererkennen: Umbenannt in Mont Royal war es in den achtziger Jahren ein Schauplatz der Serie "Fackeln im Sturm", mit Patrick Swayze und Lesley-Anne Down.
Interessant sind hier auch die Präsentationen der Gullah-Kultur, die täglich bei den Sklavenhütten aus Ziegelsteinen ein paar Meter von der prächtigen Allee entfernt stattfinden. Einst standen hier fast 50 solche Hütten, neun sind noch vorhanden. Die Sklaven nutzten die Gullah-Sprache, um sich singend geheime Botschaften zu übermitteln. Wie das klingt, demonstriert zum Beispiel Jackie Mickel, eine von vier Geschichtenerzählern auf Boone Hall: Mit hohem Tempo geht sie durch den Text, viele Buchstaben werden einfach weggelassen.
In Boone Hall schufteten die Sklaven auch in einer Ziegelfabrik. Die meisten Ziegel, die einst für den Bau von Fort Sumter verwendet wurden, stammten von hier. Das Fort in der Mündung des Naturhafens von Charleston ist für geschichtsbewusste Touristen eine wichtige Attraktion: Am 12. April 1861 begann mit seinem Beschuss durch Südstaatensoldaten der US-Bürgerkrieg. Heute führen Nationalpark-Ranger über die Insel, die von Charleston per Ausflugsboot erreichbar ist.
Natur in Cypress Gardens und auf Hilton Head Island
Wer statt Geschichte lieber Natur erleben möchte, sollte Cypress Gardens besuchen. Knapp eine Autostunde nördlich von Charleston gelegen, bietet der Park Möglichkeiten für Spaziergänge und Kanutouren durch eine Sumpflandschaft voller Seerosen, sich im Wasser spiegelnden Bäumen und kleinen Alligatoren. Als Strand empfiehlt sich dagegen Hilton Head Island , 170 Autokilometer von Charleston in Richtung Südwesten.
Die grüne Insel wirkt extrem gepflegt, ständig sind Mähmaschinen nicht nur auf den 20 Golfplätzen im Einsatz. Hohe Bäume beschatten die Anwesen und Hotelanlagen, von denen viele in Gated Communities liegen, besonders bewacht und abgeschirmt vom Rest South Carolinas .
Urlaubsanlagen wie Sea Pines im Westen der Insel erscheinen manchmal so perfekt inszeniert, dass die Gäste sich vorkommen wie im Film "Truman Show" - man wartet förmlich darauf, dass einem ein Scheinwerfer von der Studiodecke vor die Füße fällt. Und der Atlantik rauscht in warmen Wellen an die Strände, über denen abends die Pelikane ihre Kreise ziehen.
Doch auch in dieser heilen Urlaubswelt wird das Erbe der Reispflanzer sichtbar: Mitten in Sea Pines liegt ein kleines, von Rad- und Wanderwegen durchzogenes Waldgebiet. Von einem Beobachtungsturm und einem Bohlenweg aus ist das Old Lawton Rice Field zu sehen, auf dem etwa vom Jahr 1700 an Sklaven das "Gold der Carolinas" schürfen mussten.