Aussteiger-Debatte: Der letzte Freigeist - DER SPIEGEL
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Aussteiger-Debatte Der letzte Freigeist

Was heißt hier Flucht? Der Abschied vom Alltag ist ein Aufbruch, ein Wagnis, der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben. Christian Schüle philosophiert in 21 Fragmenten über die Identität der Aussteiger.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

EINS

Niemand kann besser Auskunft geben über den Zustand einer Gesellschaft als der, der aus ihr aussteigt. In der Art des Ausstiegs und der Weise der Reaktion darauf lässt sich das Wertesystem eines Gemeinwesens lesen. Der Aussteiger ist die Rache der Gesellschaft an sich selbst.

ZWEI

Neuer Konsens scheint dieser Tage zu sein, das Hoheitsgebiet des alten Konsenses respektabel zu verlassen. Wer aus dem angestammten Koordinatensystem, festen Stellungen und Anstellungen aussteigt, ist kein Rebell, kein Desperado, Zivilisationsflüchtling, Weichei, Hallodri oder sonst ein asoziales Element mehr. Er ist jemand, der von seinem kulturell verbrieften Recht auf Selbstverwirklichung Gebrauch macht. Er tritt auf als Kommunarde, der in die Kleingemeinschaft steigt, oder als Solitär, der, im Gegenteil, jede Gemeinschaft meidet. Es gibt den Ideologen, den Idealisten, den Enttäuschten, den Sektierer und Anarchisten. Einen Prototypen des Aussteigers gibt es nicht. All seinen Verkörperungen gemein ist der Wille zur Selbststeigerung. Theoretisch betrachtet, ist der Aussteiger an sich der aufmüpfige Bürger einer durchregulierten Gesellschaft. Er ist das mündige Individuum par excellence.

DREI

In der Spätmoderne vermittelt sich Welt medial. Was der Fall ist, ist televisionär. Ob es visionär ist, bleibt zweifelhaft. Das Fernsehen in seinem Streben nach Simplizität (nichts ist gewinnbringender als die Stimulation und Ausschlachtung niederer Instinkte) okkupiert auf seiner Suche nach Verwertbarem die letzten Reservate menschlicher Intimität. Unersättlich organisiert die allmächtige Entertainmentindustrie über den Weltinnenraum des Bildschirms wohlkalkulierte Sehnsuchts- und Fantasieräume, die als Neidräume durchemotionalisiert werden.

Seit Kurzem also werden deutsche Durchschnittsfamilien in eine neue Existenzform geschickt, mit dem Ziel, Erwartung, Leid, Trauer, individuelles Ungeschick und Überforderung in exotischen Extremsituationen auszubeuten. RTL, der Marktführer für lukrative Trivialität, hat vor drei Jahren das erste Glied einer Kette von sogenannten "Auswandererdokus" gesetzt, als das Magazin "Extra" den vermeintlichen Ausstieg der Familie Reimann in eine amerikanische Kleinstadt inszenierte. In diesem Geist folgten Sendungen auf Vox, ProSieben, Kabel eins ("Mein neues Zuhause XXL"), ARD ("Deutschland ade"), ZDF ("Kanada, oh Kanada") und wiederum RTL ("Umzug in ein neues Leben").

Die medial arrangierten Ausstiegsszenarien indizieren, dass das Ex und Weg aus dem bewohnten Kulturraum den Nerv der kritischen Masse trifft, sonst würden sich derartige, dem Quotenfetisch ergebene Sendungen nicht halten können. Das Abenteuerlich-Verwegene ist geradezu en vogue. In jedem Fall ist der "Ausstieg" auf den Boulevard gekommen, auch wenn die Figuren des angeheuerten TV-Personals nichts mit dem zu tun haben, was im Folgenden mit dem Begriff "wesenhafter Aussteiger" gemeint sein wird.

VIER

Immer schon stand der Aussteiger unter dem Verdacht der Welt-, Ich- oder Lebensflucht, der Zivilisationsmüdigkeit, gar -untauglichkeit, unter dem Verdacht auf Protest, Verweigerung und Kritik. Offensichtlich sind all diese Zuschreibungen negativ konnotiert. Sie setzen voraus, dass der Aussteiger sich bewusst gegen das Allgemeingültige wendet.

Was aber, wenn Aussteigen weder Müdigkeit noch Flucht, schon gar nicht Verweigerung, wenn es viel einfacher, nämlich die höchste Form der Zivilisiertheit ist: der geistig bewusst vollzogene Bruch des Bürgers mit den bürgerlichen Freiheiten aufgrund dieser Freiheiten? Wenn der Ausstieg also eine Entscheidung für etwas ist?

FÜNF

Im Jahr 1886 zog ein 38-jähriger Mann sehr bürgerlicher Herkunft in eine avantgardistische Künstlerkolonie in Pont-Aven in der Bretagne. Das Bukolisch-Einfache, Unverstellt-Authentische der bretonischen Menschen reizte ihn mehr als jede urbane Zivilisiertheit und metropolitane Behaglichkeit. Nach nur vier Jahren spürte er aufs Neue jene quälende Unruhe, sich nicht begnügen zu wollen. Zur Befriedigung der wiedererwachten Sehnsucht nach dem Paradiesischen schwankte er zwischen den Inseln Madagaskar und Tahiti.

1891 stieg der französische Impressionist Paul Gauguin zum zweiten Mal aus. Er verließ seine Familie, wurde Expressionist und malte in satter Buntheit ozeanische Frauen. Im zivilisatorisch unverderbten Tahiti wollte er seinen Traum eines "Tropenstudios" verwirklichen, hier, hoffte er, würde er ein glückliches Leben führen können, ein Leben ohne wirtschaftliche Zwänge, in der Reinheit des Ursprungs, der schönen Harmonie der Elemente. Sein Eden war provisions- und kostenfrei, Wasser und Strom inklusive. Schmerzen hatte er trotzdem. 1902 siedelte er auf die Marquises-Insel Hiva Oa über und starb, nach einem Selbstmordversuch, als Alkoholiker und mit krankem Herzen, am 8. Mai 1903 in Atuona mit 54 an der Geschlechtskrankheit Syphilis.

Gauguins Poesietafeln vom Leben in polynesischer Glückseligkeit aber wurden Ikonen der modernen Malerei und Sinnbilder der Selbstbefreiung. Durch sie avancierte Ende des 19. Jahrhunderts die Südsee zum Massenmythos, als überspannter Gegenentwurf zur hereinwehenden Industrieepoche, ein von Malern und Schriftstellern stets aufs Neue befeuertes Fantasie-exil für den europäischen Ennui.

SECHS

Aussteigen setzt notwendig Drinsein voraus. Wer nirgendwo "drin" war, kann nicht aussteigen; wer sich dennoch Aussteiger nennt, obwohl er nicht drin war, ist ein Prahler oder ein Loser. Der Aussteiger im wesenhaften Sinn entwertet durch seinen Ausstieg etwas, das für ihn lange von großem Wert war; sein Streben nach Distinktion ist der gezielte Versuch, jener Zivilisation zu entkommen, deren Errungenschaften ihn bisher stabilisierten. Der wesenhafte Aussteiger, der ein theoretischer Idealtyp ist, hatte bis zu seinem Ausstieg ein funktionierendes soziales Umfeld, eine funktionierende Wohnung, einen funktionierenden Arbeitsplatz.

Mit seinem Ausstieg widersetzt er sich eben dieser Funktionstüchtigkeit, dem Funktionalen und den oktroyierten Funktionen. Gezielt unterläuft er das Gesamtarrangement eines funktional verwalteten Lebens. Er ist der radikalste Individualist innerhalb eines radikalindividualistischen Systems, das im Glück des Einzelnen den höchsten Wert erkannt hat. Er strebt danach, den Objektstatus als austauschbares Mitglied der allgemein anerkannten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu verlassen und unverwaltetes Subjekt zu werden. Dass der Aussteiger durch seinen Ausstieg immer zugleich in ein neues Normen- und Koordinatensystem einsteigt, ist eine dem Aussteigertum innewohnende Inkonsequenz. Dem Systemzwang entkommt nicht einmal der aufgeklärte Freigeist.

SIEBEN - Eine Art Metaphysiker

Der Aussteiger ist keineswegs ein besserer Mensch. Er ist ein mutigerer. Er lässt den Insassen zurück und verlässt das wohlfahrtsstaatlich abgesicherte Gehege. Er unterläuft jenes System, in dem der Insasse ein korrektes, aber womöglich haltungsloses Leben führt, obwohl dem Insassen die Möglichkeit zum Ausstieg in die scheinbare Unabhängigkeit natürlich ebenso zur Verfügung stünde. Der Aussteiger spiegelt dem Insassen den oppositionellen Lebensentwurf als Projektionsgehege angesammelter Träume vom Eintritt in eine Sphäre noch erfüllbarer Sehnsüchte. Der Aussteiger schafft es, dem Insassen das Gefühl des Scheiterns zu vermitteln. Er macht sich ostentativ zum Außenseiter, weil er den Neid der Innenseiter auf sich zieht.

Die Insassen sind Verlassene, in gewisser Weise Zurückgewiesene. Das Resultat ist eine narzisstische Kränkung. Neid ist mehr als nur die dritte der sieben Todsünden, sie ist eine anthropologische Konstante, die durch keinerlei Vernunft zu zähmen scheint, weil die Natur per definitionem auf Vorteilsnahme aus ist.

Der Aussteiger aber lehnt es ab, Vorteil materiell zu begründen. Er sieht den Vorteil spirituell. Wert hat nicht, was sich zählen, messen und anhäufen lässt. Wert hat, was unter dem Verdacht auf inneren Frieden steht. Was das ist, entscheidet er allein. Der Aussteiger ist insofern eine Art Metaphysiker.

ACHT

Ein Senegalese, der erschöpft und dehydriert in einer überfüllten Barke an der spanischen oder italienischen Küste anlandet, hat zwar auch Freiheit und Frieden im Sinn. Sein Ausstieg aus der Exotik des Einfachen aber unterliegt dem existenziellen Imperativ einer Flucht aus der unverschuldeten Unfreiheit. Der Ausstieg des wesenhaften Aussteigers dagegen ist die luxuriöse Lust des Wohlstandsbürgers ohne Nöte auf selbst verschuldete Freiheit inmitten einfacher Exotik.

Sowohl beim Flüchtling als auch beim Aussteiger sind Kehrtwenden aus ökonomischer oder politischer Motivation zu bemerken, nur sind sie gegensätzlicher Natur. Wer an den Rändern des Wohlstands landet, begehrt Einlass ins Reich jener Güter, die für den Aussteiger gerade keine Objekte des Begehrens mehr darstellen. Auf der Suche nach dem paradiesischen Ursprung steigt der Aussteiger aus eben den Paradiesen aus, die der Auswanderer in seiner Not aufsucht. Der Aussteiger verzichtet auf das, was der Flüchtling erhofft. Er ist nicht Opfer der Umstände, sondern ihr Gestalter.

NEUN

Der Aussteiger wartet nicht, bis die bessere Welt zu ihm kommt. Er stellt ihr nach. Er setzt sich der Paradiesvermutung aus, ohne zu wissen, ob sein Ziel das Paradies sein wird. Er kann scheitern, gewiss, aber er ist offen fürs Wagnis. Er lässt sich ein auf die hygienische, soziale, politische, religiöse Unwägbarkeit. Sich auf etwas einzulassen ist das Schwerste, was heutigen Subjekten abverlangt werden kann.

In diesen Tagen, da die meistgepriesene Errungenschaft der liberaldemokratischen Bürgerrechtlichkeit in der Freiheit besteht, selbstverantwortlich zwischen multiplen Optionen und Lebenswelten wählen zu können (und zu müssen), ist die scheinbar höchste Freiheit nichts als eine Form neuer Unfreiheit. Keiner hat den freien Wählern das Entscheiden beigebracht, weswegen es für Ernährung, Stil, Spiritualität, Fitness, Kommunikation, Motivation, Ehe und Sexualität Herden gut verdienender Berater und Coaches gibt.

Der Aussteiger hingegen bringt sich das richtige Leben selbst bei. Er ist Produzent, Regisseur, Drehbuchschreiber, Kameramann und Beleuchter seines Seins in einer Person. Wie immer man über ihn urteilen mag: Er hat Haltung und wirft sein Herz in die Waagschale. Er übt Verzicht, weil er scheidet und entscheidet. Er ist es, der in hohem Maß Verantwor-tung für sich übernimmt. Womöglich ist er sich bewusst, dass es das Paradies gar nicht gibt, weil der Mensch sich an jeden Ort, zu dem er geht, mitnimmt; seinem Ich entkommt man nicht.

Die Hypotheken im Gedächtnispalast sind nicht zu tilgen, die psychischen Prägungen nicht zu überlisten. Wer die Welt unter Lichtmangel im deutschen Angestelltenbüro negativ anschaut, wird dies auch in der Lichtflut der Südsee tun. Wer zum Kleingarten neigt, wird auch im Paradies Zäune setzen, um sein Eigentum zu schützen. Spießer bleibt Spießer. Niemand leugnet das Recht des Aussteigers auf simple Selbsttäuschung.

ZEHN - Simplicissimus, vom Schicksal zum Ausstieg gezwungen

1669 erscheint der Roman "Simplicissimus" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Der mit keinerlei Geistesgroßartigkeit gesegnete Viehhirte Simplex Simplicius quittiert, nachdem er den Wahn der heillosen, brutalen, schändlichen Wirklichkeit gesehen, erfahren und ausgestanden hat, die reale Welt höchst freiwillig und geht in die Einsiedelei. Nach allerlei Irrungen und Wirrungen zieht er schließlich wieder in die Welt hinaus, kehrt abermals zurück, steigt erneut aus und segelt nach Macao, Ägypten, Konstantinopel und Rom. Auf seiner letzten Fahrt erleidet er Schiffbruch, rettet sich auf eine südseeartige Insel und führt ein Leben in, wie es heißt, köstlichster Einsamkeit.

Die hochbarocke Geschichte des "abentheuerlichen Simplicissimus Teutsch" initiiert den deutschen Abenteurerroman. Der einfältige Simplicius liefert die erste Blaupause des Aussteigers. Mit ihm kommt das Motiv der individualistisch verfassten Selbstbestimmung in die Welt, obwohl Simplicius kein wesenhafter Aussteiger ist. Der wesenhafte Aussteiger nimmt das Schicksal in die eigenen Hände, Simplicius wird vom Schicksal zum Ausstieg gezwungen.

Grimmelshausens Leitmotiv der Einsamkeit im utopischen Idyll aber bestellt den Humus, auf dem – Mitte des 18. Jahrhunderts katalysiert durch Jean-Jacques Rousseaus epochemachende Forderung "Zurück zur Natur!" – einer der großen Sehnsuchtsmythen der Neuzeit heranwächst, dessen Kraft die Seelen bis in die Gegenwart sublim verzaubert.

Paradoxerweise auf dem ersten Gipfel der europäischen Aufklärung propagierte Rousseau, der Genfer Philosoph einer emphatischen Naturauffassung, die Rückkehr zum idealen Naturzustand, zum Status des "edlen Wilden" und attackierte die Instinktverdorbenheit und Vergesellschaftung des Einzelnen durch Vernunft und Zivilisation.

Mit den "Wandervögeln" der bürgerlichen deutschen Jugend ab 1901, spätestens aber mit den Hippies der 1960er und 1970er Jahre, fand die rousseausche Rückbesinnung ihre kulturgeschichtliche Variation, wenn nicht Erfüllung.

ELF

Der "Hippie" war das notwendige Gegenstück zum Mainstream, wie der Aussteiger das Gegenstück zum Insassen ist. Was Mainstream war, blieb der Definitions-gewalt des Hippies überlassen und war durchaus subjektiv. Wer Hippie war, entstammte den oberen Schichten der ersten "Überflussgesellschaft" in den 1960er Jahren und war Teil einer Gegenkultur, deren Prinzip in der Suspension bürgerlicher Konventionen und moralischer Normen, im Aufbruch in die Utopie experimenteller Kommunen und quasichristlicher Kommunionen gelebter Liebe bestand.

Der Aufbruch nach Osten, via Indien, Afghanistan nach Kathmandu war allerdings weniger existenzieller Ausstieg als vielmehr ein sozialromantisches Selbstexperiment. Es war der Aufbruch in ein unverbrauchtes Heilsversprechen, da die gängigen im Dritten Reich zertreten, vernichtet und verraten waren. In Indien waren die Drogen billiger, die Sorgen also geringer, die Lebenshaltungskosten niedrig, und der Buddhismus in der Lifestyleversion war leichte spirituelle Kost, weil er dem Individuum die Erlösung auf Erden in Aussicht stellte und keine Pflichten anmahnte.

Das Schweben wurde zum Lebensgefühl jungbürgerlicher Steppenwölfe, das Easy-Riderhafte, das für manche ins "Neue Zeitalter" des Wassermanns führte, wo es keinen Dualismus zwischen Leib und Seele, Kultur und Natur mehr gab. "Unterwegs", der 1957 erschienene Roman von Jack Kerouac, gab dafür den idealen Horizont einer von Jazz, Sex, Drogen und Freiheit dauerberauschten Existenz auf der endlosen Suche nach sich selbst und drosch den Beat einer Generation.

Es war der Prozess des Aussteigens, nicht der Ausstieg selbst, der solch große Verführungskraft besaß. Die meisten Hippies sind Rückkehrer und heute gute Staatsbürger im kleinstädtischen Reihenhaus; nur noch wenige von ihnen trifft man im mexikanischen Playa del Carmen oder im ägyptischen Hurghada in Flatterhosen und Leinenhemd an, die zu Bob-Marley-Sound eine Backpackerpension führen und mit rauschfreudigen Postabiturienten total entspannt einen Joint ziehen.

ZWÖLF

Für jeden Winkel der Erde gibt es mittlerweile ein geläufiges Bild, für jede Traumnische einen Slogan, für jedes Hurghada einen Billigflug. Mit der Flut jener Bilder und Slogans kreiert die Werbeindustrie eine Flut von Sehnsüchten, die sich durch ihre Inflation selbst entwerten. Schließlich lässt Google Earth den entsinnlichten iMac-User sich in alle möglichen Paradiese herabzoomen, ohne dass er die Gerüche, die Temperaturen, die Geräusche des Exotischen je erleben müsste. Eskapismus ist die bewusst vollzogene Ignoranz des Realen, die Flucht in die Scheinwirklichkeit mit dem Ziel der Sorgenfreiheit.

Der Rückzug des Eskapisten ins World Wide Web, in Meditationshöhlen oder das innere Nirwana ist ein mentaler, wie er heute zunehmend mehr auch in der virtuellen Sozialisation der Parallelwelt "Second Life" per Internet zelebriert wird. Der wesenhafte Aussteiger aber definiert sich durch eine gleichermaßen physische wie metaphysische Teilnahme am Feld, das er bestellt: Seine Sehnsucht nach Veränderung verschmilzt mit der Veränderung in ihrem Vollzug; der Aussteiger praktiziert seine Kopfreisen leiblich. Er steigt ein in eine höchst reale Wirklichkeit. Der Aussteiger ist das Gegenteil des Eskapisten.

DREIZEHN - Widerspruch zwischen Auf- und Ausstieg

Die beiden größten Verlockungen der Gegenwart bestehen im unlösbaren Widerspruch zwischen Aufstieg und Ausstieg. Aufstieg bemisst sich neben Kompetenz- oder Machtzuwachs vor allem am Grad einer Gehaltserhöhung. Der Wert des Menschen definiert sich für den Aufsteiger über die verfügbare Geldmenge; soziale Anerkennung gewinnt er durch Statussymbole. Er macht sich von jenem System abhängig, das ihm die Anerkennung er-möglicht. Ausstieg dagegen bemisst sich am Grad des Verzichts auf den Aufstieg. Der Wert des Menschen definiert sich für den Aussteiger in der Erlösung von den Schlüsselreizen des Macht- und Geldzuwachses. Soziale Anerkennung gewinnt der Aussteiger durch die Entscheidung, kein Insasse zu bleiben.

Nehmen wir an, dass der Kampf um soziale Anerkennung heute vor allem ein wirtschaftlicher um den attraktivsten Job sei und der Mensch der Gegenwart seine Identität vornehmlich an einen sicheren Arbeitsplatz rückbinde. Seine Legitimation besteht in der Selbstrechtfertigung, dem Anforderungsprofil der Lebenswelt als globalem Marktplatz zu genügen. Und wenn er es nicht will? Oder nicht mehr will? Oder nicht kann?

VIERZEHN

In der theoretischen Identität des wesenhaften Aussteigers verschmelzen drei Phänomene: Sinnverlagerung, Wertverlagerung, Selbstverlagerung. Wenn Aussteigen einen systemkritischen Impuls hätte, bedeutete es, sich der Sinnentleertheit des ökonomischen Kreislaufs durch die Entwertung der Währung, die man verkörpert, zu entziehen. Wenn Aussteigen ein Akt wahrer Selbstbestimmung ist und anders als vor 40 oder 100 Jahren heute sozialverträglich, gar salonfähig, ja geradezu cool ist – ist der Ausstieg in der weitgehend entpolitisierten, entideologisierten, entspiritualisierten Spätmoderne immer auch ein politisches Statement?

Politisch sind die Motive des Aussteigers insofern, da alles, was die Gemeinschaft, die polis, betrifft, politisch ist. Will man im globalen Kapitalismus eine Ausprägung des US-amerikanischen Imperialismus erkennen, wäre der Ausstieg aus dem Funktionssystem – abgesehen von einem antikapitalistischen – zudem ein antiamerikanisches Statement. Auch im entideologisierten Fall kommt der Ausstieg praktisch vollzogener Konsumkritik gleich: der bewusste Bruch mit dem materialistischen Weltbild, das sich den wahren Bedürfnissen des Menschen verweigert. Das lässt darauf schließen, dass Aussteigen geglückte Sinnverlagerung ist. Das Leben erhält eine neue Dimension der Wahrhaftigkeit und Achtsamkeit.

FÜNFZEHN

Mit kaum etwas anderem hat Ausstieg mehr zu tun als mit Zeit. "Highspeed" und "hurry sickness" sind die gesellschaftsprägenden Phänomene der dauererregten Leistungsgesellschaft in permanenter Zeitnot. Das Organisationssystem westlicher Industriegesellschaften fordert denflexiblen und braucht den enttakteten Menschen und arbeitet forciert an der Aufhebung von Verbindlichkeiten. Je mehr Verbindungen, Datenströme und Netzwerke angeboten werden, desto weniger verbindlich sind sie. Der Einzelne ist getrieben vom Gefühl des Zeitdrucks, von Stress und Konkurrenzdenken in hochkompetitiven Ballungsräumen.

Er ist Opfer dessen, was der italienische Philosoph Giacomo Marramao mit dem Begriff "Zeitsyndrom" als Grundlage der globalisierten Gesellschaft erfasst hat: der wachsenden Diskrepanz zwischen dem Übermaß an Erwartungen und der fehlenden Zeit zu ihrer Erfahrung. Erfahrung geschieht immer erst in der Zeit, also wäre der Ausstieg die Rückeroberung der verlorenen Zeit; die zurückgewonnene Souveränität; die Hoheit, den eigenen Takt eigenmächtig bestimmen zu können. Erst wer Zeit als solche wahrnimmt, erkennt ihren wahren Wert. Oder andersherum: Erst wer den Wert der Zeit erkennt, kann sie bewusst wahrnehmen. Im Ausstieg aus dem System vollzieht der Aussteiger eine Wertverlagerung.

SECHZEHN - Rettung der Schöpfung vor der Erschöpfung

Nichts ist in den letzten Jahren zu einer machtvolleren gesellschaftlichen Konstante geworden als die Erschöpfung. Die Zahl der Burnouts steigt stetig, Panikattacken nehmen zu, Angst im Verbund mit Depression gehört mittlerweile zur vierthäufigsten Todesursache in westlichen Industriestaaten und wird 2020 nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur zweithäufigsten aufsteigen. Mehr als ein Viertel der Europäer leiden an den zwölf häufigsten psychischen Krankheiten; 70 Prozent der Krankschreibungen in Deutschland gehen auf psychische Erkrankungen zurück.

Die spätmoderne Wirtschaftsgesamtgemeinschaft ist auch eine Ansammlung von Sozialphobikern und Angstpatienten mit prototypischem Karriereverlauf: Druckzuwachs, Überlastung, Selbstüberschätzung, Stresspegelüberschreitung, Panikattacke, Angst vor Menschen, Angst vor Massen, Angst in Zügen, U-Bahnen, Flugzeugen, Todesangst, soziale Isolation, Angst vor der Angst. Aussteigen aus einem verselbstständigten System pathologischer Umstände wäre ein Akt eigentherapeutischer Klugheit, sein Selbst zu retten. Der Ausstieg wäre somit eine Selbstverlagerung: die Rettung der eigenen Schöpfung vor der Erschöpfung in eine qualitativ neue Dimension.

SIEBZEHN

Seit geraumer Zeit profitiert eine prosperierende Erlösungsindustrie von den Krankheiten der zwangsmobilen Insassengesellschaft. Zeitcoaches bieten "Sabbatzeiten" an – den, wie es in einer Annonce heißt, "bewussten Ausstieg auf Zeit: raus aus der Routine, aus dem Alltag", hinein in einen völlig anderen Lebenskontext für eine definierte Zeit zwischen drei und zwölf Monaten; organisierte "Kurzsabbaticals" dauern zwischen einem Monat und drei Monaten.

Im Dienstleistungsportfolio des Zeitcoachs finden sich Antistressprogramme und Hilfestellungen bei Burnout und Krisen, Rechts- und Finanzberatung, Vermittlung von Reisen und Auslandsaufenthalten, Seminaren, Lebensplanung und -gestaltung. Der "Ausstieg auf Zeit" wird ebenso detailliert geplant wie der Wiedereinstieg in die bewährten und bekannten Koordinaten heimatlicher Geborgenheit. Wer für einen Monat ins Kloster geht, sich auf einen Retreat in Höhlen zurückzieht oder mit der Segelyacht zwei Jahre auf den Weltmeeren unterwegs ist, ist kein wesenhafter Aussteiger. Er ist allenfalls ein Ausklinker. Wer sinn-, wert- und selbstverlagernd aussteigt, steigt undefiniert in eine andere Sphäre und nicht mehr dorthin zurück, von wo er kam.

ACHTZEHN

"Ich beschloss, dass ich nicht nur nicht den Rest meines Lebens, sondern keine weitere Woche mit diesen Menschen verbringen wollte, und reichte meine Kündigung ein. Einfach so."

Im Sommer 1966 gibt der Engländer Bruce Chatwin seinen Job als renommierter Kunstauktionator bei Sotheby’s in London auf. Er nennt sich einen "recht widerlichen" Kapitalisten, der jeden Augenblick spürt, dass er diese "kriecherische" Existenz eigentlich hasst. Chatwin nimmt in Edinburgh das Studium der Archäologie auf, heuert als Reporter an und beendet drei Jahre später seine Mitarbeit beim "Sunday Times Magazine" mit einem Telegramm: "Für sechs Monate nach Patagonien aufgebrochen."

Er reist nach Afghanistan, Sibirien, an die Elfenbeinküste, macht sich die "Traumpfade" Australiens nah, schreibt in zehn Jahren vier berühmt gewordene Bücher und stirbt im Januar 1989 mit 48 Jahren an Aids in Nizza.

Chatwin war vieles: vor allem Rast- und Ruheloser, ein professioneller zweifelsohne, er war Geschichtenerzähler mit missionarischer Mission, ein Ideologe des nomadischen Lebens als Alternative zur Sesshaftigkeit, die den Menschen, wie er meinte, zum Gewaltwesen denaturiere. Eines war er nicht: der berühmteste Aussteiger des 20. Jahrhunderts. Er war überhaupt kein Aussteiger. Der Ausstieg ist Selbstzweck, nicht Mittel zur literarischen Weltaneignung.

NEUNZEHN - Das asketische Ideal der Demut

Womöglich entscheidet über die fragmentarische Identität des wesenhaften Aussteigers die große Unendlichkeit des Himmels. Man darf es durchaus als Neigung zum Religiösen deuten, wenn einst hochzivilisierte Männer und Frauen aus der Ära einer hochdifferenzierten Spätmoderne im Lendenschurz durch die Höhlen am andalusischen Cabo de Gata gehen – als Rückbindung an die göttliche Vorsehung der creatio aus dem Staub des Nichts. Manche Aussteiger suchen geradezu das Asketentum und laben sich am frugalen Mahl, solange sie nur selbst über seine Zusammensetzung bestimmen können.

Je nach Maß an Nüchternheit, das dem Ausstieg als Katalysator einer Selbststeigerung zugrunde liegt, ist derselbe letztlich ein Bekenntnis zur prinzipiellen Kleinheit des eigenen Ichs im unendlich großen Kosmos. Es ist ja denkwürdig: Trotz aller Selbstüberhebung, die in ihm liegt, kann der Ausstieg auch als asketisches Ideal der Demut verstanden werden. Dann läge die subjektiv verspürte Selbststeigerung in der Erfahrung des Erhabenen angesichts des unfassbar Göttlichen. Der Ausstieg wäre religiös verfasst.

Folgt man dem Königsberger Vernunftphilosophen Immanuel Kant, wird dieses erhabene Gefühl durch nichts eindringlicher befördert als durch den Anblick des tobenden Meeres.

ZWANZIG

Ausstiegsfantasien kommen selten ohne Wasser aus. Meer, See, Fluss als Grenze wie als Weg archaischer Sehnsüchte spielt in der Kulturgeschichte des Aussteigertums eine zentrale Rolle. Fernweh ist fast immer Meerweh. Das Meer ist einer der aufregendsten, ungeplantesten, erhabensten Wege, den Ausstieg zu vollziehen. Das Meer, scheint es, besitzt die Verführungskraft zum Heil, zum Glück, zum Frieden. Das Meer will nichts, es fragt nicht, lässt gewähren, es nährt, mahnt und beruhigt. Im Meer erfüllt sich das ewige Sehnen nach der unio mystica, nach dem Heil der Herkunft. Der Ausstieg in den Ursprung entspricht dem Einstieg in die Ursuppe.

Bei geografischer Betrachtung fällt auf, dass neben der Reformkolonie im Tessiner Ascona mit ihrem Versprechen auf freie Liebe und esoterische Energie der Großteil der Aussteigerziele von einst bis heute am oder im Wasser liegen: Ibiza, Mallorca, Andalusien, Santorini, Mykonos, Goa, La Gomera. Inseln in südlichen Gefilden verschwistern die Mythen des Archaischen und Naturästhetischen.

Eine hinterm Meereshorizont versinkende Sonne ist der garantierte Wechsel auf romantisches Seelenglück, der Geruch von Jasmin und das Rascheln der Palme jener auf die Kraft sinnlicher Ergriffenheit und die Lizenz zum süßen Nichtstun ohne protestantische Selbstzähmungspflicht, kurzum: auf das Leben im Hier und Jetzt, auf die Muße einer rauschenden Seinsverbundenheit, wie sie die Beck’s-Bier- und Bacardi-Industrie in ihren Werbeclips für 30 unbeschwerte Sekunden insinuiert, die einem gewöhnlich nur gegen einen abgezeichneten Urlaubszettel gestattet wird.

EINUNDZWANZIG

Der wahre Aussteiger bleibt unbekannt. Er steht nicht auf dem Laufsteg des Boulevards. Er proklamiert keine Ideologie oder kündigt unter Aplomb seinen Vertrag mit dem für ihn falschen Leben auf. Er ist kein Auswanderer, kein Eskapist und kein Aussteiger auf Zeit. Er will weder, wie Chatwin, permanenter Nomade sein, noch will er, wie Robert Louis Stevenson, auf Samoa Schätze finden. Er schert sich nicht um die Gesellschaft. Er schert sich um sein Heil. Er vollzieht, was Aristoteles als Ziel jedes Lebens vorschlug: das Streben nach Glück.

Vielleicht sitzt sie oder er in einem kleinen italienischen oder spanischen oder indischen oder bayerischen Dorf, und sie oder er kann ihr oder sein Glück kaum fassen, sie, die erfolgsverwöhnte Kommunikationsberaterin, die Fernsehen und Internet entsagt und nun als "Downshifterin" mit drei Kindern im Takt Jahreszeiten in einer Land-WG mit Plumpsklo lebt, er, der einstige Personalvorstand, der jetzt rotbäckiger Biobauer ist.

Vielleicht haben die Ausgestiegenen auch keinerlei Begabung zum Glück und merken es erst jetzt. In beiden Fällen kann der Aussteiger eines sicher sagen: Die höchste Form der menschlichen Freiheit besteht bis zum heutigen Tag darin, zu gehen, wann man will, wohin man will, wie man will. Nichts scheint leichter. Nichts ist schwieriger.