Australien Blitzschläge im Schluchtenlabyrinth
Port Hedland - Nur mit Badehosen und Trekkingboots bekleidet, springen die Männer aus fünf Metern Höhe ins Wasser. Sie schwimmen einige Züge und waten dann weiter. Ein Italiener, ein Brite und ein Deutscher sind es, die sich von Steve Gillespie durch die Schlucht im westaustralischen Karijini Nationalpark führen lassen.
Steve, ein 42-jähriger Ex-Armeefeldwebel, macht seinen Job seit vier Jahren und kennt die Tücken der Weano Gorge gut. "Die Stiefel bleiben an, hat er befohlen. "Wir müssen den Weg wieder hochklettern, und unter Wasser gibt es scharfe Steine.
Die Weano Gorge ist eine von fünf Schluchten, die sich im Karijini Nationalpark treffen und eine der spektakulärsten Szenerien Australiens formen. Trotz der Faszination, die von den bis zu 100 Meter hohen rostroten Felswänden ausgeht, ist der Park nicht von Urlaubern überlaufen. Tagelange Autofahrten trennen die Pilbara-Region, in der Karijini liegt, von den touristischen Hauptrouten des Fünften Kontinents.
Neben Individualurlaubern auf der Fahrt zwischen Perth und Darwin steuern vor allem kleinere Tourveranstalter den Nationalpark an. Die meisten operieren von Karratha oder Port Hedland aus, zwei schmucklosen Industriestädten am Indischen Ozean. Die Unternehmen sprechen vor allem Rucksackreisende an. Versprochen werden Nächte unter den Sternenhimmel, abenteuerliche Wanderungen und jede Menge Spaß - und den kann man in Karijini wirklich haben.
In Port Hedland beginnen auch die Touren mit Steve Gillespie. Auf den ersten 200 Kilometern gibt es nicht viel zu sehen: Halbwüste, so weit das Auge reicht. Kurz vor Mittag wird das Munjina Roadhouse erreicht. Schnell noch einmal den Tank füllen und dann weiter von hier aus sind es nur noch gut 60 Kilometer bis zum Nationalpark. Der Asphalt endet am Besucherzentrum, danach gibt es nur noch staubige Pisten. Die erste führt zur Dales Gorge mit dem Fortescue Wasserfall. Rostbraune Hügel an der Strecke, grün-gelb bewachsen mit Gras und dürren Büschen, dahinter ein tiefblauer Himmel mit weißen Wolken - in Karijini greift die Natur wirklich tief in den Farbkasten.
Karijinis Schluchten sind Orte von Feuer und Wasser, Plätze des Werdens und Vergehens. In der Regenzeit strömt das Wasser mit enormer Wucht durch sie und reißt Bäume und Sträucher mit. Äste, die sich in zehn Metern Höhe in den Felsen verklemmt haben, zeigen an, wie hoch die Fluten dann sind. Im übrigen Jahr ist der Flusslauf ein kleines Rinnsal. Blitzschläge lösen immer wieder Buschfeuer aus, doch schon nach wenigen Monaten wächst das Gras wieder kniehoch.
Gleich drei Schluchten stehen am zweiten Tag der Tour mit Steve Gillespie auf dem Programm, und in jede führt ein steiler, Schweiß treibender Abstieg. Libellen umschwirren die Wanderer auf dem Weg in die erste: die Knox Gorge, die auf den letzten 300 Metern immer enger wird. Die Fortbewegung funktioniert am Ende nur noch, indem man sich mit dem Rücken an die eine Felswand drückt und mit den Füßen an die andere. Wie Brücken überspannen die Abenteurer den Bach, der über einen Wasserfall in die Red Gorge plätschert.
Den besten Blick auf die Schluchten haben Besucher am Oxers Lookout. Hier treffen sich Weano, Joffre und Hancock Gorge und bilden die Red Gorge. Jede hat ihre Besonderheiten. In der Hancock kommt nur im "Spiderwalk - im "Spinnengang - voran, wer am Ende der Schlucht in "Kermit's Pool ein Bad nehmen will. Die spitz zulaufenden Wände sind in der Höhe, wo man noch gehen kann, zum Teil nur 30 Zentimeter entfernt. Also müssen die Hände oben links und rechts in die Felsen greifen, während die Füße unten auf schmalen Vorsprüngen trippeln.
In der Weano Gorge schließlich waten die vier Männer in Badehosen und Trekkingstiefeln 45 Minuten lang durch das Wasser, bis sie an der Abbruchkante des Wasserfalls in die Red Gorge stehen. "Es gibt Gruppen, die hier einfach herunterklettern, sagt Steve. "Aber das sind Verrückte. Wer nicht wieder hochkommt, müsse mehrere Kilometer Umweg laufen, um zu der abgelegten Kleidung zurück zu gelangen.
Die Rückfahrt nach Port Hedland führt über Wittenoom - nahezu eine Geisterstadt. Weil hier die Minen, in denen bis 1966 Asbest gefördert wurde, nicht richtig versiegelt wurden, gilt der Ort in Australien als Synonym für ein hohes Krebsrisiko. Rund 20 Einwohner trotzen den Versuchen der Behörden, den Ort komplett abzureißen. "Wir bleiben hier, sagt die Ladenbesitzerin Lorraine Thomas. In der Luft sei die Asbest-Konzentration 100 Mal geringer als der Grenzwert für Arbeitsplätze. Die Wittenoom Gorge und die Yampire Gorge, die von hier aus in den Nationalpark führen und in denen die alten Minen betrieben wurden, sind für Touristen allerdings vorsorglich gesperrt.
Christian Röwekamp, gms