Australien Der unentdeckte Südwesten
"Es gibt bei uns eine Redensart", sagt Richard, der Barkeeper im "City Hotel": "In Walpole regnet es neun Monate im Jahr, die anderen drei Monate tropft es von den Bäumen." Doch offenbar ist momentan der 13. Monat des Jahres: Bäume sind genug da, doch der Himmel über Walpole, einem Küstenort 400 Kilometer südlich von Perth, zeigt ein tiefes Blau - von Regenwolken keine Spur.
Da bereitet eher schon der Wind Sorgen, der den "Tree Top Walk" schwanken lässt: 40 Meter über der Erde können die Besucher dieser Attraktion bei Walpole erleben, wie das Leben in den Baumkronen ist. 600 Meter lang ist der Weg über schmale Aluminiumstege. Die sieben Pylone, an denen die Konstruktion hängt, haben dem Wald nur vier Quadratmeter Bodenfläche geraubt. "Wir wollten es den Menschen ermöglichen, die Bäume zu sehen, und zugleich den Druck vom Waldboden nehmen", sagt "Tree Top Walk"-Manager Trevor Burslem. In den Jahren zuvor hatte der Besucheransturm das Wurzelwerk stark beschädigt.
Zu sehen gibt es vor allem "Red Tingles". Diese Eukalyptusart wird bis zu 400 Jahre alt, bis zu 75 Meter hoch, erreicht Stammumfänge von bis zu 16 Metern und kommt ausschließlich im Raum Walpole vor. "Es ist deshalb besonders wichtig, diese Bäume zu schützen", sagt Burslem. Einst war die ganze Region mit Karri- und Jarrah-Eukalyptusbäumen bewachsen. Doch im Hinterland wurde vor allem um 1900 kräftig abgeholzt. Die Regierung hat nun beschlossen, die Rodungen stark einzuschränken.
Den meisten Reisenden fällt der Kahlschlag im Hinterland aber kaum auf: Die kurvige Hauptstraße von Walpole nach Pemberton führt abwechselnd durch Nationalparks und Staatswälder. Unter dem dichten Dach der Baumkronen gibt es weder Radioempfang noch ein Handynetz - und auch schon einmal 30 Minuten Autofahrt lang keinen Gegenverkehr. Pemberton wird von den Touristen vor allem wegen des "Gloucester Tree" angesteuert. Dieser 61 Meter hohe Karribaum war von 1947 bis 1974 in ein System von Beobachtungsposten einbezogen, mit dessen Hilfe Waldbrände entdeckt werden sollten. Heute klettern Urlauber über die 153 dünnen Metallstäbe, die im Stamm verankert sind, bis in die Spitze - für Auf- und Abstieg ist Schwindelfreiheit wichtig.
Auf dem Weg von Pemberton weiter nach Westen werden die Wälder lichter. Und schon viele Kilometer vor Margaret River sind die ersten Weinplantagen zu sehen - im Südwestzipfel des Fünften Kontinents wird nicht zuletzt mit Merlot, Shiraz und Cabernet Sauvignon das Geld verdient. Der Weinanbau hier begann erst kurz vor 1970, doch rund 60 Weingüter gibt es inzwischen - und in jedem Jahr kommen neue dazu.
Als einer der größten Produzenten von westaustralischen Weinen hat sich das Gut Leeuwin Estate für das allgemeine Publikum geöffnet: Drei Mal am Tag werden Touren angeboten. "Das Klima ist für eine Weinbauregion optimal", sagt Führer Dougal Moore, während sein Blick über das hügelige Land streift, das in alle Richtungen von Rebstöcken bewachsen ist. "Es gibt auch im Winter keinen Frost, und es fallen 1200 Millimeter Regen pro Jahr. Die Trauben sind sehr klein und von besonderer Intensität", erklärt er das Erfolgsgeheimnis.
Zu sehr sollten Besucher von Margaret River dem Wein allerdings nicht zusprechen - mit einem schweren Kopf ließen sich die anderen Attraktionen nicht genießen: Für versierte Surfer bieten die Strände des Indischen Ozeans manche Herausforderung. Hobby-Forscher haben mehrere Höhlen im Kalkstein-Untergrund der Region zur Auswahl. Und wer gerne "extreme Orte" aufsucht, wird sich Cape Leeuwin nicht entgehen lassen. Der 1895 erbaute Leuchtturm auf einer Landzunge nahe der Stadt Augusta markiert den südwestlichsten Punkt Australiens.
Auf der Fahrt vom Kap nach Margaret River sind es noch einmal die Karriwälder, die den Besucher staunen lassen. Tausende Exemplare des "Eukalyptus diversicolor" stehen Spalier. Besonders schön ist eine Spazierfahrt am späten Nachmittag, wenn die Sonne von Westen her ihre Strahlen fast horizontal durch den Wald wirft. Australiens Südwesten als Ort, an dem es ständig regnet oder von den Bäumen tropft? Barkeeper Richard wird sich etwas Neues ausdenken müssen.
Von Christian Röwekamp, gms