Australien Die Raptoren von Queensland
Mareeba - Vor einem Vierteljahrhundert war Cairns noch eine kaum beachtete Provinzstadt. Dann kam mit aller Macht der Tourismus in den tropischen Norden von Queensland. Ein munteres Nachtleben mit Pubs und Küchenkunst aus aller Welt sowie ungezählte Ausflugsangebote zum Great Barrier Reef locken heute Heerscharen von Urlaubern in die Stadt in Nordost-Australien. Viele Touristen bleiben tagelang in Cairns und an der Küste des Pazifik, fahren aber nicht ins Hinterland. So verpassen sie eine Region, die für manche Überraschung gut ist: das Atherton Tableland.
"Bleiben Sie ruhig und laufen Sie nicht davon", hatte das Schild am Nationalpark-Eingang gewarnt für den Fall, dass ein Helmkasuar den Weg kreuzen sollte. An die Möglichkeit solch einer Begegnung geglaubt hatten die Besucher nicht. Schließlich gibt es in ganz Queensland nur noch etwa 1500 Exemplare dieses bedrohten, flugunfähigen Vogels, der im dichten Regenwald lebt. Warum also sollte ausgerechnet hier am Mount-Hypipamee-Krater im Atherton Tableland einer zu sehen sein?
Doch ganz plötzlich steht ein Cassowary, wie die Australier ihn nennen, zwischen den Bäumen: 1,50 Meter groß, mit blauem Hals, dem charakteristischen Kehllappen - und den messerscharfen Krallen an den Füßen, die einen Menschen aufschlitzen können. Der Vogel ist nur drei Meter entfernt. Der Puls beschleunigt sich, Schweiß tritt auf die Stirn. Jetzt nur nicht nervös werden, das Tier nicht reizen - und verdrängen, dass der Helmkasuar ein wenig so aussieht wie die blutrünstigen Raptoren in den "Jurassic Parc"-Filmen.
Rundflug über Krater und Regenwald
Zum Glück verläuft die Begegnung friedlich. Neugierig blickt der Cassowary den Besuchern hinterher, die zum Rand des Vulkankraters weiterziehen, der im Mount-Hypipamee-Nationalpark vor etwa 15.000 Jahren durch eine gewaltige Explosion entstanden ist. Der Blick in den schmalen Vulkanschlund ist durchaus sehenswert: 58 Meter geht es lotrecht nach unten, dann ist die Wasseroberfläche erreicht. Darunter ist der Krater mindestens weitere 80 Meter tief. Eindrucksvoll wirkt der Mount-Hypipamee-Krater auch aus der Luft. In Atherton startet der Hubschrauberpilot Joshua Bryant regelmäßig zu einstündigen Rundflügen über die sattgrüne Landschaft, die so gar nicht zum Bild vom australischen Busch mit seiner rostroten Erdfarbe passen mag.
Nur ein paar Flugminuten entfernt ist vom Regenwald allerdings nicht mehr viel zu sehen: Kakadu-Schwärme ziehen über die großen Weideflächen hinweg, die dem Urwald hier seit dem 19. Jahrhundert abgerungen worden sind. Das leicht hügelige Atherton Tableland, das von der Küste durch die höchsten Berge Queenslands wie den 1622 Meter hohen Mount Bertle Frere getrennt wird, ist eine Agrarregion. Im südlichen Teil werden vor allem Mais, Avocados und Macadamia-Nüsse angebaut, Rinder und Pferde haben enorme Grünflächen abzugrasen.
Touristen finden dazwischen immer wieder Attraktionen wie die Millaa-Millaa- und die Mungalli-Wasserfälle. Bei Yungaburra ist der "Curtain Fig Tree" einen Besuch wert: Eine große Würgefeige hat hier einen Baum auf die Seite gedrückt und lässt aus etwa 18 Meter Höhe ihre Luftwurzeln wie einen Vorhang daran herunterhängen. Rund um dieses Naturphänomen befindet sich "Mabi-Rainforest", in dem viele Baumkängurus leben. Nur noch zwei Prozent der einstigen Fläche dieser besonderen Regenwald-Art sind im Tableland erhalten geblieben.
Per "Skyrail" über den Regenwald
Ohne weiteres einen ganzen Tag verbringen lässt sich auch in den Mareeba-Wetlands. Das 2200 Hektar große Gelände bietet wieder ein ganz anderes Landschaftserlebnis: Lichter Eukalyptuswald und mehrere Lagunen mit schwarzen Schwänen und anderen Wasservögeln sind hier zu finden, für Touristen werden Bootstouren und Safaris in der Abenddämmerung angeboten. "Die Mareeba-Wetlands sollen Touristen eine weitere Dimension von Nord-Queensland näher bringen, nämlich die, dass es neben Riff und Regenwald hier auch die Outback-Savanne gibt", sagt Gwyneth Nevard von der Mareeba-Wetlands-Stiftung. Im laufenden Jahr sollen 40 bis 50 Süßwasserkrokodile in den Lagunen ausgewildert werden, "die fehlen in der Nahrungskette bisher noch". Große Anstrengungen unternimmt die Stiftung auch bei der Wiederansiedlung von "Gouldian Finches", einer bunten, gefährdeten Finkenart. Von selbst kommen die Kraniche aus dem Outback, die die Zeit von Mai bis Oktober hier verbringen.
Der Weg von Mareeba nach Cairns führt über Kuranda. Dort begegnet man den Touristen wieder, die sich nicht weit von der Küste entfernen - ein Ausflug hier an den Rand des Tablelands ist für Cairns-Besucher ein Muss. Besonders beliebt ist es, mit der seit 1889 bestehenden Bahnlinie nach Kuranda zu fahren und mit der "Skyrail"-Seilbahn zurück. Die Strecke der "Skyrail" ist 7,5 Kilometer lang und führt zum Teil 40 Meter über den Baumwipfeln des Regenwaldes entlang. An zwei Stellen können die Touristen aussteigen und sich die großen Bäume aus der Nähe anschauen. "Bei uns geht es um den Regenwald, nicht um die Fahrt mit der Gondel", sagt Julie Bosanquet von der Betreiberfirma.
"Der Regenwald zwischen Cooktown und Townsville macht nur etwa ein Promille der Landmasse Australiens aus, aber hier leben 50 Prozent der Schmetterlinge und Süßwasserfische und 36 Prozent der Farne des ganzen Kontinents", sagt Julie. Die "Skyrail"-Fahrt sei eine Chance, den Regenwald kennen zu lernen und ihn zugleich zu schützen. Für den Bau der Trasse sei 1995 nur minimal in das Ökosystem eingegriffen worden. So stehen zum Beispiel die Pfeiler nicht wie üblich in einer Schneise, sondern sind rundum von natürlicher Vegetation umgeben.
Vor etwa 20 Jahren sei es noch ein typisches Regenwald-Erlebnis gewesen, "sich in ein Allradauto zu setzen und einfach reinzufahren". Heute seien die Menschen sensibler und wüssten, dass der Regenwald bei Cairns eine seiner schmalsten Ost-West-Ausdehnungen hat. "Es ist wichtig, dass der Wald hier so bleibt wie er ist, damit Tiere wie der Helmkasuar weiter einen Korridor von Nord nach Süd besitzen." Ob gerade jetzt vielleicht einer tief unter der Gondel durch den Wald zieht? "Wer weiß?", sagt Julie. "Man bekommt ja fast nie einen zu sehen, weil der Cassowary so selten geworden ist."
Die Fahrt von der Talstation nach Cairns führt an ausgedehnten Zuckerrohrfeldern vorbei. "In 10 bis 15 Jahren wird es die alle nicht mehr geben", sagt der Taxifahrer. Der Zuckeranbau lohne sich einfach nicht mehr - zu harte Arbeit und zu geringe Erträge auf dem Weltmarkt. "Wir setzen hier nur noch auf den Tourismus. Hoffentlich geht das gut."
Von Christian Röwekamp, gms