Bahamas Tanzen wie einst die Sklaven
Raquella Tirelli seufzt: "Ich habe meinen Freund im letzten halben Jahr kaum gesehen, nur ab und zu mal in dem Schuppen seiner Gruppe". Der Hotelangestellten geht es wie vielen Frauen auf der Bahamas-Hauptinsel New Providence: In der zweiten Jahreshälfte befinden sich ihre Männer und Partner immer länger im Verborgenen.
In Schuppen und Garagen basteln sie an prächtigen Kostümen und großen tragbaren Festwagen, immer in der Sorge, dass das Motto des geplanten Auftritts ihrer Gruppe vorzeitig an die Konkurrenz durchsickert. Es gilt, sich auf das größte Ereignis im Inselleben vorzubereiten, das Junkanoo-Fest. Früher hieß das mal John Canoe und geht auf die Sklaven zurück, die seit dem frühen 19. Jahrhundert immer zu Weihnachten Dampf abließen.
Drei Tage hatten sie frei, und da wurde zu lauter Musik in bizarren Kostümen durch die Straßen der Hauptstadt Nassau getanzt. Heute ist Junkanoo eines der farbenprächtigsten Spektakel der Karibik, und im Gegensatz etwa zum Karneval in Trinidad richtet es sich nicht vorrangig an Touristen, sondern ist ein Fest der Einheimischen. Dutzende, ursprünglich aus den einzelnen Stadtteilen Nassaus stammende Gruppen konkurrieren mit ihren Kostümen, ihrem Auftritt und ihrer Musik gegeneinander um Geldpreise, manche Gruppen bestehen aus mehr als tausend Mitstreitern.
Es wird eng auf der Bay Street, Nassaus Haupteinkaufsstraße, über die sich tagsüber Hunderte von beleibten amerikanischen Kreuzfahrt-Touristen schieben. Um ein Uhr in der Nacht vor dem Boxing Day, dem 26. Dezember, ist sie dagegen fest in der Hand der Bevölkerung. Es bläst ein starker Wind vom Hafen herauf und macht es der ersten Gruppe gleich doppelt schwer.
Viele Kostüme sind meterhoch, aber doch nur aus Pappe, buntem Krepppapier, Draht und leuchtenden Kugeln und damit leichtes Spiel für Windböen. Die "Saxons" gehören zu den alteingesessenen Junkanoo-Gruppen, die sich jedes Jahr für beide Paraden ein neues Thema wählen. Heute steht Patriotismus im Vordergrund, "Paying Tribute to our National Heroes" ist das Motto, dass dem starken Auftritt in bunten Lettern vorausgetragen wird.
Neben Politikern und der beliebten Musikgruppe Baha-Men wird vor allem den "Golden Girls" gehuldigt, jenen Staffelläuferinnen der Inselnation, die bei der Olympiade in Sydney Gold für die Bahamas geholt hatten, eine Sensation für ein Land von gut einer Viertelmillion Einwohner. Doch immer wieder schlägt der Wind zu, faltet einige der über 50 Kilo schweren Kostüme und Aufbauten zusammen.
Bei Junkanoo gelten strenge Regeln: Was anderswo als Festwagen unterwegs ist, darf hier nur getragen werden, und zwar nur von einem Mann. Immer wieder sieht man schweißüberströmte Kraftprotze unter einem prächtigen Aufbau hervorkriechen und einen anderen übernehmen. Karneval ist hier mitunter Schwerstarbeit.
Auch Aufbau und Ablauf jeder Vorführung sind genau vorgeschrieben - erst kommen die Tänzer, später die Musik: Aufgeblasene Backen lassen Trompeten und Posaunen erklingen, dazu sorgen Hörner, Pfeifen, Goombay-Trommeln und so genannte Cowbells aus Blech für eine ohrenbetäubende Kulisse.
Mittendrin tummeln sich rund 50 Preisrichter in roten Westen. Auch ihre Aufmachung ist manchmal sehenswert, etwa bei Elaine, die über die Musik urteilt und neben ihren kunstvoll zu einem Turm gedrehten schwarzen Haaren sicher auch die längsten und buntesten Fingernägel in ganz Nassau zur Schau stellt. Auffallen um jeden Preis, das ist hier oberstes Gebot.
Am Straßenrand der Bay Street sitzen bei jeder Gruppe jubelnd die Glücklichen, die Tickets ergattert haben, auf provisorischen hölzernen Tribünen, das gemeine Volk drängt sich dazwischen oder in angrenzenden Straßen, über die der Zug anschließend weiterzieht. Ausschreitungen oder Kriminalität wie bei anderen vergleichbaren Veranstaltungen sind in Nassau die Ausnahme.
Kerzengerade in ihrer blau-roten Uniform und mit stolzgeschwellter Brust der Inbegriff amtlicher Würde, so stolzieren die Insel-Polizisten in ihrem Kolonial-Look neben der Parade her und ziehen schon mal ein paar Übermütige von den angrenzenden Dächern herunter, Ordnung muss sein.
Gegen halb fünf Uhr morgens dann der Höhepunkt: Der Auftritt der Valley Boys, einer der größten Gruppen, die hier als Favoriten gelten. Während sich bei den anderen Darbietungen nach einigen Stunden alles im Farbenrausch irgendwie zu ähneln scheint, bringen die Valley Boys ein neues Thema auf die Straße - den Orient. Als chinesische Tänzer oder Reisbauern verkleidet marschieren sie durch die Bay Street.
Und sie begehen in den Augen der Preisrichter eine Todsünde: Am Rande der tragbaren Pagode mit ihren Lichterketten explodieren immer wieder kleine Feuerwerkskörper. So etwas führt zu Minuspunkten, doch die Performance der Valley Boys ist so mitreißend, dem kann sich keiner entziehen. Die Junkanoo-Parade geht noch stundenlang weiter, gegen zehn Uhr morgens, von Radio und Fernsehen live auf alle Inseln übertragen, wird schließlich das Ergebnis verkündet: Verdienter Gesamtsieger sind die Valley Boys.
Information
Die Junkanoo-Parade findet jedes Jahr in der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember sowie in der Neujahrsnacht in Nassau statt. Ganzjährig können Kostüme im Junkanoo-Museum am Hafen besichtigt werden, viele Hotels organisieren auch Vorführungen für ihre Gäste. Interessenten können eine E-Mail an Junkanoo@batelnet.bs schreiben.