Baikal-Insel Olchon (3): Im Rausch der vollkommenen Lautlosigkeit - DER SPIEGEL
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Baikal-Insel Olchon (3) Im Rausch der vollkommenen Lautlosigkeit

Wir fahren nach Choboj, an die Nordspitze der Insel Olchon, und folgen dem sanft ansteigenden Weg zum Felsen. Wer sich hier niederlässt und die Beine über den Rand der Klippe baumeln lässt, bekommt eine Idee davon, was diese eigentümliche Landschaft vermag.
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Endlos erstreckt sich der Baikal in bleiernem Blau, das grausige Tiefe und beruhigende Weite harmonisch vereint. Es ist still, so still, dass der Flügelschlag einer vorbeisegelnden Krähe so laut wirkt wie das energische Ausschütteln von Bettlaken in einem morgendlich verschlafenen Ohr. Das Flattern klingt lange nach, bevor wieder Ruhe einkehrt und der Betrachter wie im Rausch erkennt, dass die vollkommene Schönheit der Natur erst in der Lautlosigkeit ihre Perfektion erreicht.

Zusammen mit zwei weiteren Spots bildet Choboj das ebenso magische wie touristisch reizvolle Dreigespann der faszinierenden Küstenlandschaften: Nur wenige Kilometer südlich vor Choboj strecken die "Drei Brüder" sehnsuchtsvoll ihre Arme dem "Kleinen Meer" entgegen. Die leicht abfallende Klippe erlaubt surreale Perspektivenspiele mit dem steil ins Wasser ragenden Kalkfelsen-Trio, das, von korallenroten Flechten überzogen, in der Sonne leuchtet.

Die wohl berühmtesten Felsen findet man an der Küste von Chuschir, der "Hauptstadt" der Insel. Wie gigantische Mammutzähne ragen die beiden Felsen der "Schamanka" in die klare Baikalluft. Am Fuße der Klippen tummeln sich Kinder und Kühe, während die Felsenspitzen fest in der Hand der Möwen sind. Massige Luftsegler, denen es auf Grund der Fischvielfalt offenbar ausgezeichnet geht: Satt und zufrieden schauen sie in die Ferne und hinterlassen riesige Krallen-Hieroglyphen im weißen Sand des Küstenstreifens. Lässt man sich im Schlauchboot auf dem See treiben, ist ihr Gekreische allgegenwärtig.

Frauen dürfen die "Schamanka" nicht besteigen - es sei denn, sie bitten den Burjaten-Gott Burchan hinterher um Vergebung. Denn der hat hier das Hausrecht, weil sein Geist von jeher in einer schwer zugänglichen Höhle lebte, die sich in den Felsen verbirgt.

In der 1939 gegründete Arbeitersiedlung Chuschir stehen einstöckige Holzhäuser zu beiden Seiten der Hauptstraße stramm. Angesichts der Weite und Einsamkeit der Landschaft nimmt sich der Kiosk am Ende der Buckelpiste wie das Tor zu einer anderen Welt aus. Für weniger metaphorisch Orientierte gibt es gleich nebenan eine Kneipe. Wer in Chuschir nicht mit Fischfang, Fischverarbeitung oder Schafzucht sein Geld verdient, hat ein Problem - und löst es nicht selten in Spiritus.

"Wir versuchen, wenigsten einige junge Burjatinnen vom Trinken abzubringen und ihnen zu vermitteln, dass man auch arbeiten und aktiv leben kann", erklärt Nikita Bentscharow, der mit seiner Frau Natascha nach langen Kämpfen mit Verwaltung, Dorfbewohnern und ewig Gestrigen so etwas wie ein gesellschaftliches Zentrum in Chuschir aufgebaut hat. Was mit einem bescheidenen Gästehaus begann, hat sich zu einem quirligen und in den Sommermonaten hyperkommunikativen Touristenhort irgendwo zwischen Hippie-Kolonie und gut funktionierendem Datscha-Dorf entwickelt.

Sonnige Rotschöpfe mit gesundem Appetit: In Nikitas Restaurant treffen sich alle Bewohner der Anlage

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Foto: A. Langer
Kristallklares Wasser, das viele Einheimische direkt aus dem See trinken

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Foto: A. Langer
Kirchtum kurz vor der Vollendung: Nikita ist stolz auf seine Kirche

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Foto: A. Langer




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Das mag dem Touristen auf der Durchreise als romantische Einfachheit erscheinen, ist aber in Wahrheit kein Zuckerschlecken. Nikita kennt die Probleme von Arbeits- und Perspektivlosigkeit in einer Siedlung, in der es weder fließendes Wasser noch Elektrizität gibt und einige Bürger mit Fisch oder anderen Lebensmitteln bezahlen, weil sie kein Geld besitzen. Er beschäftigt Bewohner des Dorfes in der Küche, im Restaurant oder Garten und setzt sie bei der Instandhaltung der in wüstem Stil-Mix in die Landschaft gepurzelten Häuschen ein. Lois Fischer-Ruge unterstützt die jungen Benscharows bei ihren karitativen Unternehmungen mit ihrem Projekt "Von Tür zu Tür".

"Querelen gab es zu Beginn viele, weil wir Fremde waren und das mit der Akzeptanz auf dem Lande so eine Sache ist", berichtet Nikita. Neid habe es gegeben, auf den Versammlungen der Dorfältesten habe man auf ihnen herumgehackt, weil keiner verstand, wieso in dem Hütten-Dorf alles zum Besten stand. "Aber dann" - und hier geht ein Lächeln über sein Gesicht - "hatten wir die Idee, eine Kirche zu stiften." Einige wohltätige Besucher gaben, was sie gerade an Dollars in den Hosentaschen hatten, und heute steht das Gotteshaus fast fertig auf einem von Chuschirs Hügeln und wartet auf ein "weiß-blaues Dach mit goldenen Kreuzen drauf", wie Natascha stolz berichtet. Seitdem ist man von der Rechtschaffenheit der beiden Zugereisten auch in Chuschir überzeugt.