Baltimore Auf den Spuren Edgar Allan Poes
Baltimore ist seit jeher eine bedeutende Hafenstadt. Statt Werften und Werkshallen säumen heute jedoch 200 Restaurants und Läden den "Inner Harbor". Tagesbesucher aus den umliegenden Städten probieren die frischen Meeresfrüchte aus der Bay oder klettern an Bord der USS Constellation , die als einziges US-Kriegsschiff aus dem Bürgerkrieg erhalten blieb.
Doch trotz Hafenflairs ist Baltimore nicht wirklich eine ansehnliche Stadt. Im Zentrum der Arbeiterstadt war nicht viel Platz für architektonische Pracht oder schmucke Grünanlagen. Heute setzt die Stadt daher auf Abwechslung und Unterhaltung. Direkt am Hafen liegt zum Beispiel das National Aquarium (Pier 3), mit mehr als 10.000 zur Schau gestellten Meeresbewohnern, einem künstlichen Regenwald und einer beliebten Delfin-Vorführung. Nicht weit davon befindet sich Port Discovery, ein Museum speziell für Kinder (35 Market Place).
Ferner gibt es ein Science Center (601 Light Street) für naturwissenschaftlich Interessierte, das afro-amerikanische Wachsmuseum "Great Blacks in Wax" (1601-03 E. North Avenue) und ein Eisenbahn-Museum (901 W. Pratt Street) mit mehr als zwei Dutzend Dampflokomotiven. Und wem das immer noch nicht genügt, der kann einen Abstecher in das nach eigenen Angaben weltweit einmalige Zahnarzt-Museum (31 S. Green Street) wagen.
Das Tourismusbüro am Inner Harbor (451 Light Street) hält Tickets für die meisten Sehenswürdigkeiten bereit und auch für die Wassertaxen, mit denen man rasch in das Kneipen- und Vergnügungsviertel Fell's Point im Osten der Stadt gelangen kann.
Spannend ist es auch, durch die Straßen zu streifen und die Spuren des Romantikers und Gruselexperten Edgar Allan Poe zu entdecken. In Baltimore fand der Dichter ("Der Rabe", "Der Untergang des Hauses Usher") in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts seine gerade einmal 13-jährige Ehefrau Virginia Eliza. Hier schrieb er auch seine ersten Kurzgeschichten. Und in Baltimore starb Poe 1849 unter bis heute ungeklärten Umständen, nachdem er bewusstlos in der Gosse gefunden worden war.
Sein Grab befindet sich etwa eine halbe Stunde Fußmarsch vom Inner Harbor entfernt an der Ecke Fayette und Greene Street, markiert von einem mächtigen Marmorblock. Ursprünglich war der Dichter dort auf dem kleinen Friedhof der Westminster Kirche einfach in der Erde versenkt worden, ohne Grabstein oder -tafel. Denn als Poe 40-jährig starb, war es nicht weit her mit seinem Ruf. Jähzornig und ungeduldig, fand der geniale Autor nie recht zur Ruhe, lebte mal hier, mal dort, hatte zahllose Frauengeschichten und ruinierte sich durch seine Spiel- und Trunksucht.
Der enge Friedhof ist zur kleinen Pilgerstätte von Poe-Fans geworden. Ein Anhänger fühlt sich dem düsteren Talent besonders verpflichtet: Seit sechzig Jahren stattet ein Unbekannter im langen Mantel dem Grab stets in der Nacht zum 19. Januar, Poes Geburtstag, einen Besuch ab. Er oder sie deponiert drei rote Rosen und eine angebrochene Flasche Cognac auf dem Grabstein.
Eine weitere halbe Stunde Fußmarsch gen Westen, und man hat Poes Wohnhaus an der Amity Street 203 erreicht (für Öffnungszeiten die Nummer von Deutschland 001/410/396 79 32 anrufen). Poes Tante Maria Clemm lebte darin mit ihrer neunjährigen Tochter Virginia Eliza, als Poe hinzuzog. Vier Jahre später heiratete er die Minderjährige, die schon früh mit 24 Jahren starb. In der Dachkammer des Hauses soll Poe seine ersten Kurzgeschichten verfasst haben. Zeitgenössische Möbel und einige Erinnerungsstücke sind über die Zimmer verteilt, doch insgesamt wirkt die Ausstellung eher unspektakulär.
Spannender ist für Horror-Freunde das Gästebuch des Hauses. Wer darin blättert, stößt auf die Unterschrift eines modernen Nachfolgers von Poe: auch Stephen King schaute sich das Haus an. Nach einem kurzen Rundgang verschwand King aber zum Stadion Camden Yards, um sich die Orioles anzuschauen. Die Spiele von Baltimores Baseball-Profis, sagen Kenner, sind an manchen Tagen noch erschütternder als eine gute Story von Edgar Allan Poe.
Frank Rumpf, gms