Banff-Nationalpark Whiteout in Westkanada
Banff National Park: Wedeln im Champagnerschnee
Alles erstarrt vor Kälte, Natur und Mensch. Selbst die Haare in der Nase frieren zu winzigen Eiszapfen fest, ein seltsames Gefühl. Cold snaps, typische Kälteeinbrüche, senken die Temperaturen in der westkanadischen Provinz Alberta gerne mal auf arktisches Niveau; 40 Grad Celsius unter Null sind keine Seltenheit.
In Sunshine Village allemal: Das Resort ist das höchst gelegene Skigebiet der "Big Three", die im Banff National Park inmitten der Rocky Mountains liegen. Sunshine Village erstreckt sich über drei Berge, die direkt auf dem "Continental Divide" liegen, der Wasser- und Wetterscheide der Rockies.
Felsmassive wie der 2730 Meter hohe Lookout Mountain und die Doppelspitze der Eagles zwingen die vom Pazifik heranströmenden Luftmassen zum Aufsteigen. Das hat eine Menge Niederschlag zur Folge: Das Skigebiet konnte im November mit 209 Zentimetern Neuschnee ins Winterhalbjahr starten. "Unser bester Saisonbeginn seit 1990", freut sich Doug Firby, PR-Direktor der Anlage. Schneekanonen? Unnötig bei zehn Metern Schneefall im Jahresdurchschnitt.
Doch mit den Extremen der Natur kommen eben auch ihre Launen. Als die ersten ski bums, die Skiverrückten, am Morgen vor der Talstation stehen, steht die Maschinerie der High-Speed-Gondel von Sunshine Village noch still, Schneestaub fegt über den Boden. Die Gondel muss den Betrieb ab minus 32 Grad Celsius einstellen, es ist noch zwei Grad kälter. "Das ist bei uns so im Winter", versucht Shannon, der junge Mann an der Ticket-Kasse, die Frühaufsteher zu trösten, "geht in die Creekside Bar nebenan ein paar Tassen Kaffee trinken und behaltet das Thermometer im Auge". Und tatsächlich: Gegen Mittag hat die Sonne die Skiarena so weit erwärmt, dass das Umlaufseil der Gondel wieder rotiert.
Das große Weiß
Nach 13 Minuten auf einer Höhe von 2100 Metern angekommen, raubt den Skifahrern neben eiskaltem Wind auch der Panoramablick den Atem: makelloses, stilles Weiß, darüber unzählige "rockige" Gipfel. 107 Abfahrten, verteilt auf gut 1300 Hektar, erwarten die Wintersportler - bedeckt mit leichtem, trockenem Pulverschnee, dem berühmten Champagne Powder. Nichts als Weiß. Ohne starken Augenschutz kann man auf den baumfreien Hängen leicht im Whiteout verloren gehen, in dem weder Konturen noch Schatten erkennbar sind und die Orientierung verschwindet.
Hilfreich platziert sind die Markierungen. Familien und Anfänger folgen den grünen "easiest way"-Schildern auf die sanft geschwungenen Schnee-Autobahnen; sie machen 20 Prozent der Pisten aus. Erfahrene Skifahrer und Snowboarder haben mehr Auswahl, für sie sind 55 Prozent der Downhills präpariert, zum Beispiel die Schneeschüsseln und Buckelpisten am Goat's Eye Mountain, inklusive Freeride-Trails durch den Wald. Wem dies noch zu langweilig ist, der wählt den "Delirium Dive" am Westhang von The Eagles, der die Kennzeichnung "double black diamond", doppelt schwarz, trägt - und auch verdient.
Die Flanken der "Adler"-Berge bieten mit einem Gefälle von 39 bis 50 Grad krasse Herausforderungen für Freerider: Felsabbrüche, Schneelöcher und Rinnen. "Das ist was für Abenteurer", bestätigt Jeremy Cox, Chef der Skiwacht. Diese sollten wirklich was können, denn die Abfahrt sei wie der Ritt auf einem wilden Pferd. "The real Bonanza" verlangt nicht nur großes Können, sondern auch Sicherheitsvorkehrungen: Nur Teams von mindestens zwei Personen dürfen in den Hang, die Ausstattung mit Lawinenpiepser und Schaufel ist Pflicht. Denn "hinter den Pistenabsperrungen beginnt eine andere Welt", warnt der oberste Skiwächter. "So schön die ungezähmte Natur auch ist, viele Leute wissen die Risiken nicht richtig einzuschätzen." Aus diesem Grund wurde ein Trainingspark installiert, wo der Umgang mit LVS-Gerät, Schaufel und Sonde geübt werden kann. Wertvolles Know-how für den Ernstfall.
Reisemekka für die Oberschicht
Nach dem Bonanza-Ritt ist ein Besuch in der Lookout Lounge an der Bergstation der Gondel angebracht, um bei einem Tee die Adrenalin-Ausschüttung in Griff zu bekommen. Neben dem Gasthaus lehnt sich die Sunshine Mountain Lodge an die Felswand des Mount Standish. Es ist das einzige Ski-in-Ski-out-Hotel der Region, ein Hotel, das auf Skiern erreicht werden kann.
Der Westflügel des Gebäudes wurde gerade renoviert: Holz und Stein aus der Umgebung verschönern nun Fassade und Innenleben. Fußbodenheizung, Whirlpools und offene Kamine in den Suiten sollen die Besucher nach einem langen Tag auf den Brettern verwöhnen. Es ist das einzige Zugeständnis an das touristische Luxussegment in den Höhenlagen des Banff National Parks. Auch Bettenpaläste neben der Piste vertragen sich schlecht mit der Idee (und den strengen Bauvorschriften innerhalb) eines Naturparks.
Die meisten Winterurlauber übernachten im nur fünf Kilometer entfernten 8000-Seelen-Dorf Banff. Wer es bequem haben will, saust tagsüber die 28 Pisten des Hausbergs Mount Norquai (2133 Meter) hinunter, an dem auch die kanadischen Olympiateilnehmer gern trainierten. Abends heißt es dann Chillen inmitten einer lässigen Ski- und Snowboarder-Szene. Ein Blickfang des ansonsten rustikalen Gebirgsorts ist das Fairmont Banff Springs Hotel, ein türmchenverziertes Schloss, in dem der Luxus zu Hause ist - und sein darf. Bei der Eröffnung im Jahr 1888 war die heutige 770-Zimmer-Anlage das größte Hotel der Welt. Es machte das damalige Bergnest zum Ziel einer reiselustigen Oberschicht, welche die Natur mit allen Annehmlichkeiten erleben wollte.
Know-how aus der Schweiz
Zur selben Hotelfamilie gehört auch das Fairmont Chateau Lake Louise, 80 Kilometer nördlich von Banff, tief in den Backlands. Der namensgebende See schmiegt sich zwischen zwei Berge, überragt von der Gletscherkulisse des Mount Victoria (3459 Meter). Das Gletscherwasser, das im Sommer smaragdgrün funkelt, erstarrt im Winter zu panzerhartem Eis, auf dem die Nimmermüden nachts unter Flutlicht Schlittschuh laufen.
An diesem Ort exquisiter Naturschönheit fand 1896 die Initialzündung für den kanadischen Bergsport statt. Nach dem tödlichen Absturz eines Expeditionsmitglieds am Mount Lefroy (3423 Meter) beschloss die Eisenbahngesellschaft Canadian Pacific Railway, die auch im Tourismusgeschäft mitmischte, professionelle Bergführer aus der Schweiz zu engagieren. In den folgenden 50 Jahren unterrichteten Experten aus dem Alpenland die Ortsansässigen und Gäste im Bergsteigen und Klettern. Auch die neue Disziplin Skifahren wurde importiert.
"Die Verbundenheit verpflichtet", schmunzelt Lori Coté, PR-Sprecherin der Fairmont Hotels. Die Schweiz ist präsent, ob in der Walliser Stube, wo bei Kerzenlicht Käsefondue serviert wird, in der Architektur des Fünf-Sterne-Hauses oder im Engagement der Hotelleitung während des FIS-Weltcups im Lake Louise Mountain Resort. Selbstverständlich wohnten bei diesem Event Anfang Dezember alle Top-Athleten, die am ersten Ski-Weltcuprennen der Saison teilnahmen, im "Schloss".
Für die europäischen Abfahrtsläufer, etwa Maria Riesch, Elisabeth Görgl oder Carlo Janka, war es wegen des vollen Wettkampf-Kalenders die letzte Möglichkeit, unter kanadischen Verhältnissen für die Olympischen Spiele in Vancouver zu trainieren. Gäste von Banff und Lake Louise können die exquisiten Bedingungen noch die nächsten fünf Monate nutzen.