Bangladesch Rumtigern im Mangrovenwald
Khulna - Von oben sieht Bangladesch aus wie ein etwas trüber Spiegel, über den ein Netz gezogen wurde: Immer wieder stehen - wie feine Linien - kleine Dämme zwischen den Reisfeldern. Das Flugzeug ist auf dem Weg in die Sundarbans im Delta von Ganges und Brahmaputra, den größten zusammenhängenden Mangrovenwald der Erde. Das 10.000 Quadratkilometer große Gebiet an der Grenze zu Indien ist der letzte zusammenhängende große Lebensraum des bengalischen Tigers.
Nach kurzem Flug von der Hauptstadt Dhaka nach Jessore reisen die Touristen per Minibus weiter nach Süden. Bangladesch ist der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Erde: Auf einem Gebiet von der doppelten Größe Bayerns leben rund 140 Millionen Menschen. Es ist, als fahre der Bus durch eine einzige Ortschaft. Lehmhütten und einfache Backsteinhäuser reihen sich aneinander, dazwischen kleine Läden, manchmal Apotheken, aus anderen blitzt bläulich gleißend Licht von Schweißgeräten. Daneben praktizieren Ärzte hinter weißen Vorhängen. Davor, dahinter und eigentlich überall wuseln Menschen - und das kann nur die Hälfte sein, denn zu sehen sind fast nur Männer.
Sobald die Gruppe auf dem Boot ist, wird es ruhiger - vom Knattern des Schiffsmotors mal abgesehen. Ein paar Fischerdörfer noch, dann ist nur noch Wald zu sehen. Die "ML Bonbibi", benannt nach einer von den Waldarbeitern verehrten Göttin, wurde eigens für Touren in die Sundarbans gebaut. Zwölf Gäste haben auf dem Schiff Platz.
"Sundori" heißt schöner Wald
Rund 10.000 Besucher kommen pro Jahr auf die bengalische Seite der Sundarbans, schätzt Elisabeth Fahrni Mansur. Die 31-jährige Schweizerin kam 1997 nach Bangladesch und verliebte sich in den Sohn eines Reiseunternehmers aus Dhaka. Inzwischen hat sie ihn geheiratet und ihre Arbeit als Lehrerin in der Schweiz aufgegeben - seit drei Jahren arbeitet sie als "Nature Guide" in den Sundarbans. Dieser Name setzt sich zusammen aus "Sundori" (schön) und "bon" (Wald). Sundori ist zugleich der Name des Baumes, der typisch ist für diesen Wald und nur hier vorkommt.
Am Morgen darauf geht es auf Tigersuche. Auf der bengalischen Seite des Deltas leben nach offiziellen Schätzungen etwas mehr als 300 Tiere, auf der indischen Seite sind es noch mal so viele - es ist die einzige Population, die groß genug ist, sich selbst zu erhalten.
Tiger zählen ist aber gar nicht so einfach, erzählt Fahrni: "Man kann Fußabdrücke sammeln - doch die sind je nach Untergrund von unterschiedlicher Qualität, so dass es zu Verwechslungen kommen kann." Es bringe mehr, Kamerafallen aufzustellen: Anhand des Fellmusters sind die Tiere dann eindeutig zu identifizieren. Diese Technik ist jedoch teuer und aufwendig. "Leider wird der Forschung hier wenig Bedeutung zugemessen. Dabei wäre sie dringend notwendig, um dieses artenreiche Gebiet zu erhalten."
Mit einem kleinen Ruderboot treiben die Touristen frühmorgens durch die schmalen Seitenarme des Flusses, mucksmäuschenstill, um bloß kein scheues Tier zu vertreiben. Der Bootsmann schafft es, das Ruder ohne jedes Geräusch einzutauchen. Ab und zu ruft ein Vogel, sonst herrscht geradezu heilige Stille. Rehe, Wildschweine und viele verschiedene Vögel sind zu sehen - und tatsächlich einige Fußabdrücke von Tigern. Recht frisch, meint Fahrni, vielleicht einen Tag alt.
Shrimps und Textilien sorgen fürs Überleben
Es fängt an zu regnen. Bei Ebbe spaziert die Gruppe barfuß und mit Regenschirmen durch den Wald, die Luftwurzeln der Mangrovenbäume pieksen aus dem Lehm hervor. Dazwischen wimmelt es von Leben: Krebse sammeln ihr Futter vom schlammigen Boden, dazwischen Schlammspringer - eine faszinierende Fischart, die sogar Bäume hoch klettern kann.
Am Tag darauf, auf dem Rückweg nach Khulna, hält Elisabeth Fahrni von der Brücke aus Ausschau nach Delphinen. Die zeigen sich viel häufiger als Tiger. Fahrni und der Kapitän notieren jedes Tier für ein Forschungsprojekt. "Diese Tiere sind wichtige Indikatoren für den Salzgehalt in den Flüssen. Ihre saisonale Verteilung gibt Auskunft über den Status des Ökosystems", sagt Fahrni.
Doch die Natur ist auch hier bedroht. Die Gefahr ist blau und aus feinem Nylon, wie ein Moskitonetz. Die Netze trocknen auf den Dächern der bescheidenen Hütten am Fluss; mit ihnen sieben die Fischer Crevettenlarven aus dem Wasser, die sie an Shrimpfarmen verkaufen. Nach Textilien sind Shrimps inzwischen das zweitwichtigste Ausfuhrprodukt Bangladeschs. Mit jeder Shrimp-Larve werden etwa 1600 andere Kleintiere aus dem Wasser geholt, sagt Fahrni - damit fehlt anderen Tieren das Futter, und der Fischbestand sinkt drastisch. "Die Leute sind sich bewusst, dass sie ihre eigene Lebensgrundlage zerstören. Aber sie haben keine anderen Einkommensquellen".
Von Jochen Neumeyer, gms