Blitz-Besuch: China in sieben Stunden - DER SPIEGEL
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Blitz-Besuch China in sieben Stunden

Sieben Sehenswürdigkeiten in sieben Stunden, inklusive Fahrten und Mittagspause: Sightseeing auf Chinesisch ist Hochleistungssport. Das sollte wissen, wer sich in der Volksrepublik einer Reisegruppe anschließt. Doch nirgendwo sonst lernt man in so kurzer Zeit so viel über das Land.
Von Sandra Voglreiter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Xian - "Hi, my name is Frank". Franks Alter liegt irgendwo zwischen 20 und 30, vielleicht ist er jünger, vielleicht älter, das ist schwer zu sagen. Er trägt Jeans, Turnschuhe und ein beharrliches Lächeln. Frank ist Chinese. Wie viele andere hat er sich für den Umgang mit Ausländern einen westlichen Namen zugelegt - der Einfachheit halber und ein bisschen chic ist das auch. Als Reiseleiter steht er heute vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss zwei Besichtigungskulturen miteinander in Einklang bringen, die nicht viel gemeinsam haben.

Eine fünfköpfige chinesische Familie und eine Hand voll Deutscher stehen sich morgens um acht Uhr erwartungsvoll gegenüber. Für die chinesischen Kinder sind dadurch unerwartet eine Sehenswürdigkeit und ein begehrtes Fotomotiv hinzugekommen: die erste reale Begegnung mit diesen seltsam blassen Menschen mit den großen Füßen und langen Nasen.

Frank hat sich offensichtlich vorgenommen, diesen Tag für alle zu einem besonderen Erlebnis zu machen. Er strotzt vor Stolz auf die Kultur und Tradition seiner Heimat rund um die alte Kaiserstadt Xi`an in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi. Und er will möglichst viel davon weitergeben. Auf dem Plan stehen sieben Sehenswürdigkeiten, die innerhalb der kommenden sieben Stunden abzuarbeiten sind. Höhepunkt der Tour: die weltbekannte Terrakottaarmee.

Die Chinesen verhalten sich typisch deutsch

Doch von den Terrakottakriegern trennen uns zu Beginn des Tages noch eine Felsspalte, Bergbesteigungen und einige Kommunikationslücken. Franks Englisch ist - umfangreich. Mit einer Fülle von Wörtern referiert er in knapp 20 Minuten Fahrt zur ersten Station einige tausend Jahre chinesischer Geschichte. Erst auf Chinesisch, dann auf Englisch, letzteres für Ausländer nicht immer verständlicher als das erste. Deshalb und aufgrund des unglaublichen Tempos werden wir am Ende des Tages noch einmal nachlesen müssen, was wir da eigentlich alles gesehen haben.

Zum Beispiel dieses Museum mit den historischen Wasserrohren und Vasenscherben. Verweildauer: knapp 15 Minuten. In der Zeit scheucht Frank die Gruppe von einem Raum in den nächsten. Vorbei an zahllosen chinesischen Reisegruppen, deren Mitglieder alle Kappen in derselben Farbe tragen. Überhaupt sind nicht viele andere "Westler" unterwegs, die große Mehrheit sind Touristen aus anderen Teilen Chinas. Sie hasten meist kleinen, plappernden Frauen mit tragbaren, plärrenden Lautsprechern hinterher. Ich bin dankbar für Frank, der ganz ohne Lautsprecher wie ein Hirtenhund unaufhörlich um uns herumwuselt und versucht, die Gruppe eigenwilliger Ausländer zusammenzuhalten - und anzutreiben. Wenn wir zum Bus kommen, sitzen die Chinesen schon drin. Immer auf denselben Plätzen. Eigentlich typisch deutsch.

Die Welt im Sucher

Nach knapp fünf Minuten stoppt der Minibus am Fuße eines kleinen Berges. An diesem geschichtsträchtigen Ort versteckte sich der kommunistischen Überlieferung nach Nationalistenführer Tschiang Kai-schek in einer Felsspalte. Vor dem Spalt in der Wand bilden sich jetzt täglich lange Schlangen. Einer nach dem anderen, manchmal auch mehrere Besucher auf einmal, quetschen sich in die Lücke für das obligatorische "Ich-war-da"-Foto mit Victory-Geste. Ein paar Meter weiter wieder eine Schlange. Im nachgebauten Büro Tschiang Kai-scheks steht ein Doppelgänger bereit für mehr Urlaubsschnappschüsse mit historischem Flair.

Viele chinesische Touristen sehen ihre Urlaubsumgebung mehr durch den Sucher ihrer Kameras als in Natura. Überhaupt sind Souvenire immens wichtig, seien es Seidenfächer, kleine Panzer aus Patronenhülsen oder Wecker mit Mao-Konterfei. Die angekündigte Jadewerkstatt entpuppt sich dann auch als Jadeplunder-Verkaufsraum. Für die Chinesen in der Gruppe heißt das: dritte Station, drittes Souvenir, zum dritten Mal aufgeregtes Vergleichen der gekauften Erinnerungen im Bus auf der Weiterfahrt. Die Deutschen verschmähen die Armbändchen und Buddha-Anhänger. Jedenfalls hier. Etikettenschwindel.

Neonlicht, Folklore und ein alter Bauer

Frank ist zufrieden. Für die ersten drei Stationen haben wir weniger als zwei Stunden gebraucht. Sein Sprechtempo verlangsamt sich minimal. Es folgen: das Museum zum Mausoleum eines frühen chinesischen Kaisers und konsequenterweise das Mausoleum selbst. Die Ausstellung ist nichts für Museumsgänger, die das Schlichte und Sachliche bevorzugen: viele bunte Neonlämpchen, Kunstblumen und Figuren in Folklorekleidung. Das Ganze gruppiert um eine im Sarg liegende Kaiserpuppe, die ein bisschen an die Schaufensterversion eines der Heiligen Drei Könige erinnert. Durch die Gänge schieben sich in gleichmäßigem Tempo Hunderte von chinesischen Touristen. Einige von ihnen kommen mir sehr bekannt vor, ähnliche Tour nehme ich an. Das Prinzip, das für viele Geschäfte gilt, scheint auch hier zu ziehen: Je lauter und aufdringlicher, je mehr Leute sich schon im Laden drängen, desto besser muss das Angebot sein.

Am Mausoleum fordert Frank Höchstleistungen. Mit den Worten "You climb stairs, feel like emperor!" deutet er auf den mit Granatapfelbäumen bewachsenen Hügel, unter dem sich die letzte Ruhestätte befindet. Aber bitte schnell, das Mittagessen wartet. Kaiserlich fühlen wir uns nicht gerade, als wir oben ankommen. Mehr Leiter als Treppe, führen nicht enden wollende Stufen auf den Gipfel. Statt kaiserlicher Aussicht - zu viel Smog – gibt es einen Souvenirstand und eine Fotobude, die traditionelle Kostüme bereithält. Der chinesische Teil unserer Gruppe ist zufrieden.

Nach vier Stunden, fünf Sehenswürdigkeiten und einer hastigen Mittagspause ist es endlich soweit. Ehrfürchtig leitet Frank über zum vorläufigen Höhepunkt des Tages: "When we found the warriors we gave it the beautiful name terracotta-warriors. And then we found the horses and gave it the beautiful name terracotta-warriors with horses. Then we built the museum and gave it the beautiful name terracotta-warriors with horses museum." Bestechend.

Tatsächlich gefunden hat die Armee damals ein Bauer beim Versuch, einen Brunnen zu graben. Und zu Franks großer Begeisterung sitzt dieser Bauer ausgerechnet heute hinter einem großen Stapel Bücher über die Terrakottaarmee und signiert ununterbrochen. Mit seiner großen, runden Hornbrille und dem Fächer sieht der alte Mann eher aus wie ein Schriftgelehrter. Ein wirklich schönes Fotomotiv. Theoretisch. Wäre da nicht das "No photo!"-Schild. Als eine Touristin versucht, sich darüber hinwegzusetzen, kommt Leben in den Greis: Er springt auf, wedelt mit dem Fächer drohend in ihre Richtung und stößt unheimliche, verachtende Zischgeräusche aus. Bis sie ein Buch kauft.

"For good memory"

Sechs von sieben mehr oder weniger sehenswürdigen Orten sind abgearbeitet. Quasi auf dem Rückweg jagt Frank die Gruppe noch durch den "Palast der Heißen Quellen", eine Art Badeanstalt und Sommerresidenz früherer Kaiser und anderer chinesischer Herrscher. Dann sitzen wir, erschlagen von der Vielzahl an Eindrücken und umgeben von Souvenirs, schweigend im Minibus.

Es wäre auch jetzt schon ein unvergesslicher Tag. Aber Frank setzt nach. Gerührt bedankt er sich für den Tag. Er wolle uns etwas mitgeben, "for good memory". Während wir noch rätseln, was seine feierlichen Worte bedeuten könnten, beginnt er zu singen. Inbrünstig, mit zusammengekniffenen Augen, großen Gesten und viel Vibrato in der Stimme schmettert er etwas von "heart" und ganz viel "soul". Auch das ist typisch chinesisch: Frank ist ein großer Karaoke-Fan.