Bolivien Copacabana ohne Zuckerhut
Die zwei beachtlichen Körbe von Señora Esmeralda sind prall gefüllt. Sie quellen fast über mit cremefarbenen, golfballähnlichen Dingern, die aussehen, als würden sie sich bestens als Dämmmaterial für Paketsendungen eignen. Señora Esmeralda ist nicht die Einzige, die in der Avenida 6 de Agosto, dem Einkaufsboulevard Copacabanas, hinter solch waschmaschinengroßen Behältnissen steht. Sie und ihre Kolleginnen verkaufen Pasankallas, eine Art bolivianisches Popcorn. Im Vergleich zum zerklüfteten Popcorn westlicher Prägung sind Pasankallas viel voluminöser und rundlicher - rundliche vollschlanke Wonneproppen.
Wie ein glückliches Maiskorn in Señora Esmeraldas Pfanne gehen auch die Herzen der Besucher von Copacabana auf. Das beschauliche bolivianische Städtchen am Titicacasee schmiegt sich adrett auf eine malerische Halbinsel. Umrahmt von sanften Hügeln. Zumindest der halbmondförmige Schwung der Bucht erinnert an den weltberühmten Stadtteil Rio de Janeiros mit seinem langen Sandstrand. Doch von Bikinis, Sandstrand oder Zuckerhut ist am Titicacasee keine Spur. Aber auch nicht von Massentourismus. Hier ist alles mindestens zwei Nummern kleiner und beschaulicher. Ein unverschandeltes, unmondänes aber umso entspannteres Kleinod mit ganztägiger Siesta-Stimmung.
Glückliche Maiskörner, glückliche Besucher
Das hübsche Ortsbild Copacabanas ist nicht selbstverständlich in der Grenzregion von Peru und Bolivien. Die umliegenden Städte erschrecken zumeist durch staubtrockene Tristesse. Anders Copacabana: Gepflegte Häuschen samt Blumengärten lassen das karge Andenhochland vergessen. Der Ort liegt kurz hinter der Grenze zu Peru, verkehrsgünstig an der viel befahrenen Route zwischen La Paz (Bolivien) und Cusco (Peru), dem Basislager für Ausflüge in die weltberühmte Inkastadt Machu Picchu. Doch auch Copacabana selbst ist als bedeutendster Wallfahrtsort Boliviens jährlich Anfang Februar das Ziel von wahren Pilgerströmen. Die Bolivianer huldigen der Jungfrau von Copacabana als ihrer Schutzheiligen.
Die ansonsten ganzjährig überschaubare internationale Touristenklientel besteht vor allem aus Rucksacktouristen. Unter europäischen Backpackern gilt Copacabana noch als Geheimtipp. Dabei ist der Ort ein Königreich für entdeckungswillige Reisende und selbstvergessene Neo-Hippies mit ausgemergeltem Geldbeutel. Hotels und Pensionen sind äußerst günstig, ein anständiges Zimmer der unteren Kategorie ist in der Nebensaison schon für drei bis vier Euro zu haben. Fürs gleiche Geld erhält man in den Restaurants auf der Avenida 6 de Agosto ein Drei-Gänge-Menü. Zumeist untermalt von lässigen Reggae-, Salsa- oder Merengue-Rhythmen.
Wärme dank Sonne und Daunen
Trotz der stattlichen Höhenlage Copacabana liegt auf 3820 Metern über dem Meeresspiegel ist es am Titicacasee bei wolkenfreiem Himmel angenehm warm. Dennoch streifen ausschließlich Touristen ihre T-Shirts ab und legen sich ins Kiesbett am Seeufer. Die Einheimischen lockern bei Temperaturen knapp über 20 Grad gerade mal den Reißverschluss ihrer Daunenwesten. Andere Völker, anderes Temperaturempfinden. Für ein Bad im Titicacasee ist es jedoch fast allen zu kalt. Nur wenige Unentwegte suchen die Abkühlung.
Zu ihnen zählen Pancho und Diego. Die Brüder aus Argentinien verkaufen tagsüber selbstgefertigten Modeschmuck, am Abend spielen sie am Strand Fußball und tauchen anschließend im Titicacasee ab. "Unsere Großmutter kam aus Russland, lächelt Pancho, "dort springt man ja sogar in zugefrorene Seen, wie sie uns erzählt hat." Die Schmuckhändler haben ihre Freiluftwerkstatt in der Avenida 6 de Agosto, dem Boulevard Copacabanas. Verkauft wird ambulant, praktisch von der Hand an den Hals. Eigentlich sind Pancho und Diego gelernte Automechaniker. Der Job in Buenos Aires war ihnen zu öde, lieber halten sie sich in Copacabana über Wasser. Dafür fädeln sie nun Perlen auf Silberdrähte und verarbeiten Bleche zu Amuletten. "Copacabana ist unsere Hängematte", sagt Diego. Die Geschäfte liefen ordentlich, meint der Mittdreißiger, schließlich wüssten er und sein Bruder mit Metall umzugehen.
Spätzle und Häusle
Weiter unten, an den Ufern des Titicacasees, wissen einige Strandkioskbesitzer mit dem Wertvollsten des Sees umzugehen: Seeforelle ("Trucha") wird in allen erdenklichen Varianten angeboten. Gekocht, gebraten, frittiert. "Am besten schmeckt sie frittiert", meint Senora Yola. Zum Mensapreis von umgerechnet zwei Euro gibt es bei ihr ein köstliches wie unprätentiöses Mahl: Frische Seeforelle mit Bratkartoffeln und Salat. Gleich neben Senora Yola buhlen Senora Rosa, Senora Carina, Senora Matilda und mindestens fünfzehn weitere einfache Bretterbuden um die Gäste.
Nicht unbedingt landestypisch ist die Speisekarte nebenan bei Andreas in der Bar "Chirimosky": Vor 20 Jahren brach der gebürtige Deutsche aus Sindelfingen bei Stuttgart nach Südamerika auf. Vor elf Jahren blieb er in Copacabana hängen. Neben bolivianischen Gerichten serviert er Gulasch mit Sauerkraut und Spätzle. Doch nicht etwa als Gegenmittel fürs Heimweh. "Heimweh hab ich nie gehabt", sagt Andreas, "Copacabana ist meine Heimat." Warum? "Schau dich doch mal um. Hier gibt es kaum unfreundliche Gesichter, und die Sonne scheint an 300 Tagen im Jahr. Da wird man schnell heimisch." Doch zum perfekten Dasein fehlt noch das Eigenheim: "Siehst du die Landzunge dort drüben? Dort will ich mir Land kaufen und ein Häusle bauen."
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Namensvetter oder Namensgeber?
Boliviens Copacabana will übrigens nicht nur der Namensvetter, sondern sogar der Namensgeber für das brasilianische Copacabana gewesen sein. Handfeste Beweise für diese These gibt es keine. Doch in Südamerika, wo Leidenschaft und Legenden gegenüber Logik und Verstand oft die Oberhand haben, kommt es oftmals auch gar nicht auf stichhaltige Beweise an. "Eine Geschichte muss gut klingen, dann hat sie Zuhörer. Ob sie nun wahr ist oder nicht", sagt Herr Herrera. Herr Herrera ist Andenkenhändler und verkauft selbst gewebte Ponchos und Schals. Als Hobby-Historiker kümmert er sich um die Geschichte seiner Geburtsstadt. "Einen Beweis dafür, dass die Brasilianer unseren Namen geklaut haben, gibt es nicht", sagt er. "Doch es könnte doch gut sein, oder? Ich glaube es jedenfalls." Er grinst genauso viel- wie nichtssagend.
Namensvetter oder Namens-Übernehmer? Das brasilianische Copacabana
Foto: AFPAuch die nahe gelegene Isla del Sol (auf Deutsch: "Sonneninsel") lebt von einer Legende: Manco Capac, der erste Inka, soll hier vom Sonnengott auf die Erde geschickt worden sein, um das Reich der Inka zu gründen. Außerdem soll dem Mythos nach die Sonne höchstselbst auf der Isla del Sol das Licht der Welt erblickt haben. Fest steht: Dank der klimatisch günstigen Lage mitten auf dem Titicacasee scheint die Sonne auf der Isla del Sol noch häufiger als in Copacabana.
Nicht zuletzt deshalb ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel. Eineinhalb Stunden dauert die 20 Kilometer lange Fahrt von Copacabana zum südlichen Anlegehafen der Isla del Sol. Dort angekommen bleibt den Besuchern erst einmal die Luft weg. Zum einen wegen der grandiosen Ausblicke über den See und auf das Festland. Doch vor allem wegen der dünnen Andenluft. Zirka 200 Höhenmeter müssen auf einem steilen Serpentinenpfad, einer alten Inka-Treppe, zurückgelegt werden. Doch die überwältigende Landschaftskulisse entschädigt für die Plackerei. Die Insel ist zwar autofrei, doch Gegenverkehr gibts trotzdem reichlich: Lamas und Esel dienen wie vor Jahrhunderten für den Transport schwerer Lasten wie Brennholz oder Trinkwasser.
Esel guckt Berge
Oben angekommen, genauer: in Yumani, dem ersten von drei Dörfern der Insel, sind weitere Unternehmungen möglich. Zum Beispiel das Auffinden einer Unterkunft. Ist auf der Isla del Sol nicht schwer und noch billiger als in Copacabana. Allerdings sind die Pensionen noch nüchterner. Die Insel hat erst seit zwei Jahren Strom. In die Badezimmer scheint er noch nicht gelangt zu sein, denn Warmwasser gibt es nur in wenigen Unterkünften. Soweit das Bad ohnehin nicht belegt ist: Pepe, der Esel unserer Vermieter, ist nur schwer davon zu überzeugen, dass die kleine Nasszelle den Gästen vorbehalten ist. Stur steht er mit den Vorderhufen in der Duschwanne, das Haupt aus dem Fenster gestreckt.
Verständlich, denn das Tier hat dabei eine herrliche Aussicht auf die Königskordilleren. Der majestätische Gebirgszug mit seinen Sechstausendern, dem faszinierenden Illampú (6368 Meter) inklusive, erstreckt sich wie eine Fata Morgana auf dem bolivianischen Festland. Ein umwerfendes Panorama. Leider nicht für den Esel, der standhaft bleibt. Glücklicherweise können die atemberaubenden Ausblicke über den See und auf die Andenberge nicht nur durchs Badfenster genossen werden. Auf ein paar Wanderwegen, die vor allem die Ansiedlungen miteinander verbinden, können die Besucher den Legenden und der Geschichte der Insel folgen.
Hier wurden die Patronen auf die Erde geschickt
Zahlreiche Inkaruinen liegen quer verstreut über dem Eiland. Bereits unterwegs in den Norden der Insel wartet an einer Weggabelung ein junger Einheimischer, Miguel. Er bietet sich uns als der "beste Guide der Welt an". Wir schlagen ein und nehmen seinen Vorschlag an, einen Abstecher ins Dorf Challapampa zu unternehmen. Im dortigen Museum sind Ausstellungsstücke aus der versunkenen Stadt Marka Pampa zu bewundern. Die untergangene Siedlung liegt im Norden der Stadt ungefähr acht Meter unter der Wasseroberfläche.
Anschließend hetzt er uns über einen holprigen Pfad zu den Ruinen von Chincana. In dem Ruinenkomplex, der vermutlich vom Inka Tupuc Yupanqui erbaut wurde, befindet sich auch der Namenspatron des Titicacasees: Ein Fels namens Titi Kharka ("Stein der Wildkatze"). Der Legende nach wurde hier Manco Capac vom Sonnengott auf die Erde geschickt. Zusammen mit seiner Schwester-Gattin Mama Ocllo.
Wir schicken uns an, die Nachmittagsfähre zurück nach Copacabana zu erwischen. Am unteren Ende der Inka-Treppe angekommen, vernehmen wir das Tuckern des Bootsmotors. Obwohl noch weit entfernt und leise, empfinden wir es wie eine furchtbare Lärmstörung in dieser beschaulichen Atmosphäre. Erst hier bemerken wir, wie uns die Isla del Sol mit ihrer Ruhe und Sanftheit, ja Magie, verzaubert hat.