Bostons North End: Mein wunderbarer Friseursalon - DER SPIEGEL
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Bostons North End Mein wunderbarer Friseursalon

Populär bei Yuppies und College-Pärchen: Bostons North End ist die angesagteste Gegend der Stadt. Doch Alteingesessene trauern den Zeiten nach, als hier noch jeder jeden kannte - und vergessen, dass schon damals der amerikanische Traum für viele zur herben Enttäuschung wurde.
Von Erla Zwingle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Über dem Friseursalon Johnny & Gino auf der Hanover Street reißen die Regenwolken auf, vom Hafen her weht eine frische Brise, die Sonne glänzt auf den goldenen Kuppeln der Bostoner Kolonialbauten. In seinem Salon legt Johnny "Shoes" Cammarata letzte Hand an Rico Federicos Frisur.

"Ich bin hier geboren", sagt er mit ausgeprägtem Bostoner Akzent. "Daheim aber musste ich Sizilianisch sprechen, wenn ich etwas zu essen haben wollte." Johnnys Bauch ist ein anschaulicher Beweis, dass seine Freude am Reden nur noch von der Leidenschaft für italienische Kost übertroffen wird. Was nicht überrascht bei einem Mann, der buchstäblich auf dem Küchentisch geboren wurde. "Ich werde auch auf dem Esstisch sterben", sagt er fröhlich, "mit dem Gesicht in einem Teller Lasagne. Und links und rechts ein Fleischbällchen."

Warum bloß trägt ein Friseur den Spitznamen "Shoes"? Weil sein Vater Schuster war, natürlich. "Man hat uns alle immer 'Shoes' genannt", sagt er. Auch den Doppelnamen seines Salons hat er einfach beibehalten, obwohl sein ehemaliger Partner Gino nicht mehr mitarbeitet.

Johnny schnippelt an den Haaren seines Kunden herum, hält dabei immer wieder inne. "Mein Bruder Joe war in einer Sonderklasse", sagt er. "So wurde der Unterricht für Kinder genannt, die nicht so sehr an ihrer schulischen Laufbahn interessiert waren. Mein Vater hat immer gesagt: "Joe, ich bin so stolz auf dich. Du bist in der Sonderklasse. Ich bin fast geplatzt vor Lachen. Joe hat dann zu mir gesagt: "Wenn du jemals den Mund aufmachst, bring ich dich um."

Erziehung mit dem Hammer

Gab's denn auch väterliche Disziplin? Klar, prompt und präzise, sagt Johnny. "Mein Vater hat mir ein Loch in den Kopf geschlagen. Hat den Hammer genommen - er war ja Schuster, Gott sei Dank nicht Metzger! Ich sollte den Laden sauber machen, hab ich aber nicht gemacht. Wumm! Schon hatte ich den Hammer auf dem Schädel. 'Geh jetzt zu deinem Onkel', sagte er. Der war Friseur, hat die Wunde frei geschnippelt und eine Zitrone darüber ausgedrückt. Wie ich das nur überlebt habe! Ich habe zu meinem Vater gesagt: 'Du denkst auch nicht eine Sekunde nach, Pa.' Aber ich hab ihn geliebt. Ich hab ihn echt geliebt."

Das zweieinhalb Quadratkilometer große North End der Stadt ist das eigentliche Boston. Vielleicht hat es von jeher ein starker Mythos geprägt, mehr als all die anderen unzähligen Little Italys der USA, von Millinocket in Maine bis nach San Diego in Kalifornien. Die Prince Spaghetti Company strahlte einmal einen Werbespot aus, bei dem sich eine italienische mamma im North End aus dem Wohnungsfenster lehnte und ihren Sohn zum Abendessen rief: "Anthonyyyyyy!" Da schwappte eine satte Nostalgiesoße mit der Pasta ins Publikum.

Wer waren diese Menschen?

Der North-Ender ist eine komplexe Mischung aus mediterraner Emotion, Yankee-Energie und scheinbar grenzenloser Loyalität zu den eigenen Leuten. Wer von sich sagen kann, er sei ein North-Ender, der steht, wie ich bald feststelle, ein paar Sprossen höher als ein x-beliebiger Nobelpreisträger.

Was gut für die Familie ist, ist gut fürs Viertel

Die North-Ender haben sich eine Heimat geschaffen, in der jeder jeden von Geburt an kennt und in der alles geteilt wird: von den Müttern bis zu den Märchen, von den Sofas bis zum Sonntagsbraten, vom Besuch des Badehauses bis zum Riemen für die Hintern der Sprösslinge – und nicht zuletzt das instinktive Gefühl dafür, dass alles, was gut ist für die Familie, auch gut ist für die Nachbarschaft.

Zu einem vollkommenen Tag im Viertel gehört ein gemütlicher Rundgang, der sich immer weiter verzweigt, je mehr neue Plätze und Menschen ich kennenlerne. Vor dem Morgengrauen spaziere ich durch dunkle Straßen, Richmond Street, North Street, Prince Street, vorbei am Paul Revere House und an der Kirche Sacred Heart. Mein Ziel ist die Kreuzung Prince Street und Salem Street: die Bäckerei Parziale, seit mehr als hundert Jahren am Ort.

Es ist kurz vor sechs Uhr morgens; das Brot kommt aus dem Backofen. Hunderte der langen, knusprigen bastonas in ihren Papiertüten werden sorgfältig gezählt, dann an Restaurants im Viertel ausgeliefert. In den Rauch seiner Zigarette gehüllt, beobachtet Seniorchef Freddy Parziale alles genau. Trotz seines hohen Alters lässt er es sich nicht nehmen, ab und zu vorbeizuschauen.

"Früher sind Bäcker jung gestorben", sagt er. "Zu viel Arbeit. Zu viele Kisten, die immer hin und her geschoben werden mussten. Gott sei Dank, die Zeiten sind vorbei." Seine Familie besaß einst überall im North End Bäckereien; dieser Laden hier ist übrig geblieben.

Ein dünner Mann kommt herein und kauft Brot. Er wirkt verärgert. Redet und redet in starkem neapolitanischen Dialekt. Als er geht, frage ich Freddy, was los war. Er seufzt. "Er sagte, das Brot war am Sonntag nicht durchgebacken. Er und sein Bruder hatten einst hier ihren Job. Er sagte, als wir drei zusammengearbeitet haben, war das Brot immer genau richtig." Freddy zuckt die Schultern. "Ja, schon wahr, aber wir haben damals auch nicht so viel Brot gebacken wie heute."

Entbehrungen, harte Arbeit und Rassismus

Das North End war ursprünglich englisch, dann amerikanisch. Danach wurde es irisch, schließlich jüdisch. Um 1870 begann die Flut von Italienern anzuschwellen. Eine verheerende Kombination aus Armut, Krankheit und Naturkatastrophen, politischer und ökonomischer Unterdrückung vertrieb sie aus Süditalien. Ihre Lage war so extrem, dass ein Wissenschaftler von einer "regulären Ausweisung" sprach.

Zwischen 1876 und 1976 emigrierten 26 Millionen Italiener - der größte Exodus, den es je aus einem europäischen Land gegeben hat. Mehr als fünf Millionen kamen in die Vereinigten Staaten. Was sie dort vorfanden, kam ihnen nicht ganz unbekannt vor. Auch die Neue Welt bescherte ihnen Entbehrung und erdrückende Arbeit, dazu offenen Rassismus.

Um sich anzupassen, genügte es nicht, Fabeln von karierten Tischdecken und amore zum Besten zu geben. Nein, es war eine lange Geschichte von Kompromissen und Beharrlichkeit. Tatsächlich gehörten die Italiener zu den ethnischen Gruppen mit der höchsten Rückwanderungsquote. In einer Welt voller Armut und Angst war die Familie das Einzige, auf das man vertrauen konnte. Und die North-Ender waren eine Familie.

In den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts - auf dem Höhepunkt der Einwanderungswelle - lebten 42.000 Menschen im North End, 95 Prozent davon waren Italiener. Seither ist die Einwohnerzahl auf 11.200 zurückgegangen, und nur knapp 40 Prozent von ihnen sind noch italienischer Herkunft. Immer mehr Fremde leben jetzt in dem Viertel, sein engmaschiges Gewebe beginnt allmählich auszufransen. "Heute könnte ich auf der Straße an 200 Leuten vorbeigehen, ohne sie zu kennen", erzählt mir erbost ein alter Mann.

"Mein Körper ist hier, aber meine Gedanken sind in Italien"

Mit einer heißen Apfeltasche frisch aus dem Backofen verlasse ich die Bäckerei Parziale und mache mich zum Caffé Paradiso in der Hanover Street auf. Adriana De Stefano-Federico ist damit beschäftigt, Cappuccino zuzubereiten und Kunden zu begrüßen.

Ihre Mutter Antonietta, eine pensionierte Lehrerin mit dunklem Haar und traurigen Augen, sitzt wie immer an einem Tischchen und liest die italienische Zeitung La Repubblica. Sie hört, wie ich ein paar italienische Worte mit Adriana wechsle, und fragt mich, warum. Ich erwidere, dass ich regelmäßig einen großen Teil des Jahres in Italien verbringe.


"Was für ein wunderbares Schicksal", sagt sie ohne zu lächeln. "Eine Amerikanerin, die nach Italien geht! Ich hatte das umgekehrte Glück. Mein Mann war vernarrt in Amerika. Ich bin seit mehr als 30 Jahren hier." Sie korrigiert sich: "Mein Körper ist hier, aber meine Gedanken sind in Italien. Der Name Amerika - woher kommt der denn?" Eine rhetorische Frage. "Von einem Italiener. Alles kommt von den Italienern. Nein, ich kann hier keine Freude finden. Die Kinder sind in der Überzeugung aufgewachsen, frei zu sein, tun zu können, was man will. Dieses Land ist die Quelle allen Übels."

Die Erzählungen der Einwanderer stecken voller Ironie. Eine von Armut geplagte Familie geht in ein neues Land mit der festen Absicht, sich ein besseres Leben aufzubauen - und muss dann doch feststellen, dass andere Werte dabei auf der Strecke bleiben. Diese Menschen sind zweifach Exilierte: von der eigenen Vergangenheit abgeschnitten und aus der Zukunft ihrer Kinder verbannt.

Antonietta ist nicht die Einzige, die über die Schattenseiten des Amerikanischen Traums spricht. "Mein Vater hat uns 1955 von Salerno hierher gebracht", sagt der Immobilienmakler Matteo Gallo. "Schlammlawinen hatten dort alles zerstört, das Haus und die Läden, und wir hatten keine Versicherung. Aber mein Vater hat seine neue Heimat gehasst - er mochte die amerikanische Mentalität nicht, die keinen Respekt unter Menschen kennt. Alles drehte sich nur um den Dollar. Er hat immer gesagt: 'Wenn ich in diesem Land sterbe, versprecht mir, dass ihr mich nach Italien zurückbringt.' Na ja, er ist dann in Italien gestorben. Wenigstens in diesem Punkt hat er Glück gehabt. Ich aber glaube, Amerika ist das beste Land, das es gibt." Matteos Smokinghemd, die Seidenkrawatte und der Maßanzug sind allerdings aus Italien. Auch seine Unterwäsche, wie er mir freimütig erzählt.

Heute sind Akzente cool

Adriana war knapp zwölf Jahre alt, als sie in den frühen sechziger Jahren nach Boston kam. "Man musste sich beweisen", sagt sie, "und man musste sich drei- oder viermal mehr beweisen, wenn man mit Akzent sprach. Wenn man heute einen Akzent hat, heißt es: 'Oh, wow, cool!' Früher hieß es: 'Mann, was sind denn das für Typen? Itaker? Spaghettifresser?' Die haben dich nicht als den Menschen angesehen, der du warst." Wenn Adriana heute im Urlaub nach Italien fährt, behandeln die Leute in ihrer Stadt sie wie eine amerikanische Touristin.

Auf meinen Streifzügen zieht es mich jedes Mal in Johnnys Friseursalon, obwohl er ganz oben am Ende der Hanover Street liegt. Ich hocke mich stets an das große Fenster neben seinen Stuhl, und er legt los. "Was woll'n Sie denn wissen?" Es trifft sich immer eine Ansammlung von Kunden und Freunden, für die Johnnys Laden eine Art Extrazimmer der eigenen Wohnung zu sein scheint.

Nach wenigen Tagen kenne ich das Leitmotiv ihrer Unterhaltung und die Variationen: "Die Türen haben wir nie abgeschlossen ..." und "Die Stadt war sicher ..." und "Alle haben geteilt ..." Johnnys Lieblingssatz schwebt wie eine Kadenz über dem Chorgesang: "Wir hatten nichts, aber wir hatten alles."

Die Macht der Gangsterfamilie Angiulo

Ich entdecke, dass ich einen unstillbaren Appetit auf diese Erinnerungen habe, die nach Tomaten und Knoblauch duften und in denen das North End idyllisch glänzt. Laut Johnny lebte damals im Viertel "die letzte Gemeinschaft im Land". Es gibt Geschichten darüber, wie die Familien im Oktober Zinfandeltrauben kauften. "Alle haben Wein gemacht", erinnert sich ein Mann. "Nach dem Pressen haben die Leute die Trauben auf die Straße geworfen. Der Geruch lag überall im North End in der Luft."

Man spielte Murmeln auf Kanaldeckeln, verkaufte eine Woche lang Zeitungen, um der Mutter einen Dollar zu geben. Man trieb sich auf dem Quincy Market herum, schirrte die Pferde von den Gemüsewagen los und brachte sie zu den Mietställen zurück, um ein paar Cent zu verdienen. "Oh nein, die Pferde haben uns nicht gebraucht", gibt Johnny zu. "Die konnten ganz alleine dahin zurücklaufen."

Es gab Händler, die selber gebrannten Schnaps schwarz verkauften, illegale Losverkäufer und Gentlemen, die Beziehungen zur Familie Angiulo hatten. (Heute ist sie in alle Winde zerstreut). Der Clan kontrollierte das Viertel von den frühen fünfziger Jahren an, bis 1983 schließlich das FBI einschritt.

"In unserer Gegend ging es hauptsächlich um Wetten", sagt Johnny. "Ich könnte Ihnen erzählen, dass die jede Woche einen umgebracht haben - aber neeee, so war es nicht. Wir haben sie respektiert, und sie haben uns respektiert. Sie waren die Leute mit Geld. Wenn wir als Kinder Lose verkauften, dann nahmen die uns ein ganzes Heftchen ab. Sie waren gut zu uns, ehrlich."

Der Mythos von Sicherheit

Ich habe keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Doch wenn Familien ihre eigenen Geschichten erzählen, lassen sie manchmal auch etwas weg. Also frage ich die Nachbarn. "Die Leute behaupten alle, dass Jerry Angiulo im North End für Sicherheit gesorgt hat - das ist wie ein Mythos", sagt Shelley Murphy, die für den Boston Globe über das organisierte Verbrechen schreibt.

Zwar zeigen Polizeistatistiken in der Tat, dass von 1973 bis 1993 höchstens vier Morde pro Jahr begangen wurden, obwohl es am Anfang dieses Zeitraums Revierkämpfe zwischen Italienern und ebenso gewalttätigen irischen Gruppen gab.

Aber die Zahl der Diebstähle spricht nicht gerade für Angiulos Kontrolle über das Viertel. Raub, Einbrüche und Überfälle nahmen sämtlich ab, nachdem er das Gebäude in der Prince Street 98 verlassen hatte. 1983, im Jahr seiner Verhaftung, gab es 1869 Diebstahldelikte im North End; ein Jahrzehnt später waren es 1010.

Karriere oder Familie

Jemand erzählt mir von Josie, die vor nicht langer Zeit im hohen Alter verstorben ist. Ihre Geschichte steht für eine ganze Generation, die einst im North Ende lebte. Josie war in der Schule immer unter den Besten, und trotzdem ging sie nie aufs College. Zu Hause waren sie zwölf Kinder, so war nach der achten Klasse Schluss. Als Josie 14 war, wollten ihre Eltern, dass sie arbeiten ging.

Große Familien brauchten immer ein zusätzliches Einkommen. Soziologen kennen noch einen anderen Grund für den Widerstand vieler italienischer Einwanderer gegen die Schule: Sie waren davon überzeugt, dass sich die Ausbildung zerstörerisch auf die Autorität der Familie auswirke.

Josie arbeitete in einer Papierschachtel und in einer Bonbonfabrik, schließlich in einem koscheren Fleischverpackungsbetrieb - jedenfalls immer im North End. Sie heiratete mit 25, bekam vier Söhne und arbeitete, bis sie 66 war.

Ihr Bruder schloss die Schule nicht ab, am Ende wurde er Lastwagenfahrer. "Ich hätte ihn umbringen können", verriet Josie ihren Freunden. Ihr Vater habe oft zu ihrer Mutter gesagt: "Lass sie doch in der Schule!" Aber nein, natürlich sollte der Sohn, nicht die Tochter, aufs College gehen. Die Italiener und ihre Söhne!

In die Fabrik und dann heiraten

Nancy Caruso steht auf der anderen Seite der Statistik. Als sie 1938 nach Amerika kam, war sie neun und sprach kein Wort Englisch. "Wir lebten in der Prince Street 136 in einer unbeheizbaren Wohnung", erinnert sie sich. "Das Wasser fror nachts im Glas."

Ihr Vater verkaufte Obst an einem Stand, die Mutter arbeitete in der Fabrik. Als Nancy verkündete, dass sie aufs College wolle, sagten ihre Onkel: "Sie kann doch in die Fabrik gehen und dann heiraten – was glaubt die eigentlich, wer sie ist?" Die Antwort der Mutter war: "Sie ist die Tochter von Carmelo Caruso."

So kam es, sagt Nancy, zu einem Deal mit der Familie: "Ich durfte unter der Bedingung aufs College, dass ich nur Einsen bekäme. Ich habe gesagt: 'Okay.' Und ich sollte meiner Mutter zehn Dollar die Woche zahlen. Ich habe gesagt: 'Okay.' Ich musste 20 Stunden die Woche arbeiten, um so viel zu verdienen, und musste all meine Ausgaben selber bezahlen. Wieder habe ich gesagt: 'Okay.' Die Zustimmung fiel mir leicht, weil ich jung, naiv und dumm war. Ich wollte es einfach."

Nancy verdoppelte ihren Einsatz, verdiente 20 Dollar die Woche, indem sie 40 Stunden arbeitete, und außerdem ging sie aufs College. "Samstagabends bin ich nach Hause gegangen, habe meiner Mutter zehn Dollar gegeben und hatte noch zehn Dollar über. Ich stand vier Jahre lang unter Dampf. Dann habe ich Tuberkulose bekommen und ein Jahr im Krankenhaus gelegen, flach auf dem Rücken."

Unverzagt trat Nancy danach eine Stelle als Hochschuldozentin an der Northeastern-Universität an. Als sie 36 Jahre später in den Ruhestand ging, war die Tochter von Carmelo-Caruso schon lange ordentliche Professorin gewesen.

Vom Einwandererslum zum Trendviertel

Ich gehe die Salem Street hinunter und werfe einen Blick in Polcari's Coffee. Der kleine Laden ist seit 1932 auf Kaffee, Tee, Gewürze und Backaromen spezialisiert. Es ist das älteste Geschäft im North End, das die ganze Zeit in der Hand einer Familie war.

Ralph Polcari verkauft noch immer klassische italienische Ingredienzen: getrocknete Kichererbsen und Linsen aus großen Plastikeimern, Oregano, Basilikum und Espressokaffeebohnen. Er bietet ungerösteten Kaffee an, den einige der nichtitalienischen Kunden vorziehen, ferner Kreuzkümmel und Koriander. Aber ich sehe auch, wie schnell das Viertel sich verändert hat - viele North-Ender sind entsetzt darüber.

Anfang der achtziger Jahre entpuppte sich die Gegend, die einst als Slum galt, plötzlich als begehrter Standort. Collegestudenten suchten ein sicheres Viertel. Junge Paare, die etwas von der Welt gesehen hatten, mochten die europäische Atmosphäre. Yuppies zogen hierher, weil sie zu Fuß in ihre Büros im nahen Finanzviertel gehen konnten. Die Waterfront wurde neu gestaltet, die Autobahn, die einst die Stadt zerschnitten hatte, unter die Erde verlegt - dadurch ist dieses Viertel nunmehr viel besser ans Zentrum angebunden.

Der Wandel des North-End hat aber auch seine Kehrseite. Die Mieten schossen in die Höhe, alteingesessene Familien wurden aus dem Viertel verdrängt; Schulen, Geschäfte und sogar Kirchen geschlossen. Neu geöffnete Restaurants heißen Rabia's und Il Villaggio, gehören aber oft Nichtitalienern. In ihren Küchen wimmelt es von stillen, verängstigten Arbeitern aus Nordafrika und Mittelamerika.

Die Immobilienspekulation erschüttert das Viertel. "Jeder versucht zu kriegen, was er kann, solange es noch geht", sagt ein North-Ender. "Als ich ein Kind war", sagt ein anderer, "gab es hundert Metzger und fünf Restaurants. Heute sind es fünf Metzger und hundert Restaurants."

"Bewerbungen von Iren zwecklos"

Von den frommen Pilgervätern über den Kennedy-Clan bis zum jetzigen Bürgermeister Thomas Menino: Einwanderer spielten schon immer eine wichtige Rolle in Boston. Weit mehr als ein Drittel der rund 590.000 Bostoner sind nicht in den USA geboren.

Bereits die erste Immigrationswelle veränderte das Erscheinungsbild der bis dahin fast durchweg protestantischen Stadt: Um 1850 lebten 35.000 Iren in Boston. Bis 1900 kamen Italiener, Deutsche, Frankokanadier, Russen, Polen und osteuropäische Juden an. Die Stadt teilte sich in ethnische Viertel auf. Die Italiener übernahmen das North End von den Iren, die Iren zogen ins South End, die Juden ins West End.

Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts stammen Bostons Zuwanderer vornehmlich aus der Karibik, Lateinamerika und Asien. Heute steht Brasilien an der Spitze der Herkunftsländer. Bei der Integration hat sich die Stadt oft visionär gezeigt, aber auch unbeweglich und rassistisch.

Schilder mit der Aufschrift "Irish need not apply" hingen einst an Ladentüren, "Bewerbungen von Iren zwecklos". In den siebziger Jahren kam es zu Ausschreitungen wegen des busing für schwarze Schüler, die mit Bussen zu vormals "weißen" Schulen transportiert wurden. Und die geliebten Red Sox waren das letzte Team der Nationalen Baseball-Liga, das afroamerikanische Spieler aufnahm.

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