Bretagne Versunkene Inseln und verliebte Möwen
Wer von Perros-Guirec aufs Meer hinausfährt, schippert zwischen bizarren Felsenformationen umher. Es sind kleine, steinige Inseln, die aus dem Meer herausragen. "Les Sept Iles" nennt sich dieses Revier an der bretonischen Ärmelkanalküste deshalb. Doch da scheint jemand beim Zählen durcheinander gekommen zu sein. Während der Flut sind es bereits zwölf und wenn das Wasser zurückgeht, gibt der Atlantik seine Geheimnisse preis: Aus dem schwindenden Fluten tauchen 24 weitere, zwischenzeitlich versunkene Mini-Inseln wieder hervor. - Opfer eines Untergangs im Gezeitentakt.
Möwenliebe auf dem Turtelfelsen
In einer solch seltenen Umgebung fühlen sich auch seltene Vögel wohl - so zum Beispiel der Papageientaucher, der wie ein kleiner, dicklicher Pinguin mit breitem Schnabel wirkt. Und auch die weniger raren Tiere zieht es hierhin. Das Brummen des Motorschiffs wird von einem immer lauter werdenden Möwenchor übertönt. Auf der einen Hälfte eines zweigeteilten Felsens stehen sie - so dicht, dass der Felsen von weitem fast weiß wirkt. Hier herrscht ein derart starker Start- und Landeverkehr, dass selbst Frankfurt Airport zu Rushhour-Zeiten vergleichsweise wie ein Provinzflughafen wirkt. Denn Liebe verleiht bekanntlich Flügel. Und Liebespaare gibt es hier viele. Schätzungen zufolge bevölkern etwa 16.000 Möwenpaare den Felsen. Wer den Schnabel seines Herzens noch nicht gefunden hat, bleibt abseits - auf der anderen Hälfte des Felsens, die den Suchenden vorbehalten ist. Doch das sind, verglichen mit menschlichen Single-Quoten, ziemlich wenige...
Nicht nur die Flirt-Erfolge der bretonischen Möwen sind erstaunlich, sondern auch die dortigen Wetterverhältnisse. Denn obwohl die Bretagne in etwa auf der Höhe von Stuttgart liegt, sind die Winter hier so mild, dass dort auch Palmen gedeihen. Das liegt, wie so viele meteorologische Phänomene, am Golfstromklima, das den bretonischen Sommern die Hitze und den Wintern die Kälte nimmt. Auch den rund 300 Einwohnern der Insel Bréhat, einem einem 300-Seelen-Eiland an der Côte de Granit Rose, der rosa Granitküste, sinkt das Rot im Thermometer fast nie unter die Sieben-Grad-Marke. Minusgrade? "Mais non!" sagt die Insulanerin Agathe Cornelius verwundert über die seltsame Frage.
Füßeln im Alkoven
Gemeinsam mit ihrem Mann bewohnt sie ein über 300 Jahre altes Bauernhaus auf der Insel. Wer eines der Gästezimmer bezieht, die das Paar an Reisende vermietet, fühlt sich, als übernachte er in einem ländlichen Heimatmuseum. Kein Wunder angesichts der knirschenden Holzplanken, der rustikalen Truhen und massiven Schränke. Längs an der Wand stehen zwei dunkle Alkovenbetten mit karierten Vorhängen. Skeptischer Blick ins Innere. Ist das nicht zu eng? Erstes Probeliegen und erleichterter Blick. Denn auch große Menschen können hier bequem liegen. Der Trick: Zwischen den beiden Betten sind die Trennwände herausgenommen und ein paar Kissen dazwischen gestopft worden. Wer den Zimmernachbarn wecken will, braucht die Fußsohle also nur mit dem großen Zeh zu kitzeln...
Gut ausgeschlafen geht es folglich zum Strand - entlang der baumüberschatteten Wege, die an den typischen Sandsteinhäusern vorbeiführen, oft mit riesigen Hortensienbüschen im Vorgarten. An der kleinen Badebucht angekommen, verstellen weder Kioskbuden noch Kurkartenkontrolleure den Blick. Hier zeigt sich die Bretagne von ihrer rauen und ihrer sanften Seite zugleich. Das friedliche Grün der Bäume am Ufer kontrastiert mit den faustgroßen, hellbraunen Steinen, die den Rand des Strands bedecken. Weißer Pudersand würde hier wohl nie trocken werden. Denn der Tidenhub an der Granitküste beträgt bis zu 14 Meter. Mit dem Wasser schwindet auch die schöne Aussicht; zurück bleibt eine Schlammwüste mit großen Steinen, die von braunen Seetanghaufen überdeckt sind.
Am Rande des Urwalds
Doch gerade die ungeschützte Nähe zum Atlantik und das Golfstromklima sind es, die der Bretagne ihre abwechslungsreiche Landschaft bescheren. Auf der "Ile Grande", einer kleinen Insel im Westen der rosa Granitküste gibt es keine sorgfältig beschnittenen Heckenrosenreihen. Letzte rostige Schienenreste erinnern hier noch an den alten Steinbruch an der Felsenküste, der vor Jahrzehnten stillgelegt wurde. Längst hat die Natur das Eiland zurückerobert: Hier wuchert der Farn, und zwar so üppig und hoch, dass Wanderer sich mitunter wie am Rande eines Urwaldes fühlen. Und mittendrin? Da wachsen wilde Himbeeren, und wenige Meter weiter ragen hohe Tannen in den Himmel.
Von der Meeresnähe profitiert auch Perros-Guirec, die 8000-Einwohner-Stadt, die so nah an dem besagten Turtel-Felsen der Möwen liegt. Wer in einem der erhöht liegenden Restaurants in Küstennähe einen Fensterplatz ergattert, hat hier eine Aussicht, die dank der buschigen Palmen, der weißen Boote und des strahlend blauen Atlantiks an Postkartenmotive der Côte d'Azur erinnert. Doch nur unweit dieses mediterranen Urlaubspanoramas türmen sich runde Steine, die nicht selten die Größe eines geräumigen Wohnzimmers übertreffen. Oft liegen sie so schief aufeinander, dass es scheint, als würde der Haufen im nächsten Moment einstürzen. Doch die Riesen-Kiesel trotzen seit Jahrhunderten standhaft allen Stürmen und Fluten. Wie kommt das? Jacqueline Piriou vom bretonischen Fremdenverkehrsverband zuckt mit den Achseln: "Das ist ein Geheimnis. Niemand weiß, was die Steine zusammenhält", sagt sie lachend. "Aber sie halten." Ob auch das am Golfstrom liegt?