Burma Der Schiffskoch und die Tempel der Könige
"Rock my body" - blechern schallt der Karaoke-Gesang über den breiten Fluss bis hinüber zu dem weißen Luxusschiff. An Deck beobachten die Gäste die in der Dunkelheit flackernde Discobeleuchtung auf der anderen Flussseite, die in seidene Wickel-Longhis gekleidete Bedienung hat längst kapituliert und die dezente, schiffseigene Musikberieselung ausgeschaltet. "Irrawaddy?" Michael Perry lässt die Eiswürfel in seiner Cola klingeln: "Man sagte mir, das wäre irgendwo auf einer malaysischen Insel!"
Der britische Schiffskoch lacht auf und erzählt, wie er erst kurz vor Abreise versuchte, seinen neuen Arbeitsort auf der Weltkarte zu finden. In Malaysia wurde er nicht fündig. Erst 2000 Kilometer weiter nördlich, zwischen Indien, China und Thailand, entdeckte er den Fluss Irrawaddy und den Namen des Landes, in dem das Kreuzfahrtschiff "Road to Mandalay" auf ihn wartete: Myanmar oder - wie es der Rest der Welt und die Opposition des Landes nennen - Burma.
Nun schippert der Haute-Cuisine-Koch schon in der vierten Saison den größten Fluss des Landes rauf und runter: von Pagan, dem Reich der Tempel, nach Mandalay, der letzten Königsstadt der birmanischen Herrscher - und zurück. Und wieder zurück. Und ist immer noch zufrieden mit seinem Abflug ins Unbekannte - in ein Land, das seit Jahrhunderten auf Fremde eine magische Anziehungskraft ausübt und erst allmählich auf die Landkarte des Tourismus rückt.
Burma: Der Schiffskoch und das Tempelreich der Könige
Die Karaoke-Sänger sind bei "Knocking on Heaven's Door" angelangt - seltsam passend zu den tiefgläubigen Burmesen und zugleich zum Ankerplatz des Schiffes: Sagaing, eine der ehemaligen Königsstädte und Zentrum des burmesischen Buddhismus, erstreckt sich über die Hügelkette gegenüber der "Road to Mandalay". Rund 5000 Mönche und Nonnen leben, arbeiten, meditieren in den circa 600 Klöstern in der Nähe von Mandalay. Die weißen Stupas in den dunklen Hängen schimmern wie kostbare Porzellanglocken. Am nächsten Morgen strahlt die Sonne vom tiefblauen Himmel, und die "Road to Mandalay" lichtet den Anker.
Tabakfelder auf Sandbänken
Träge strömt der Irrawaddy durch die trockene Ebene. Der fast 2200 Kilometer lange Strom aus dem Himalaja schleppt Tonnen an Sedimenten mit sich mit. Der "Elefantenfluss" ist die Lebensader Burmas, an seinen Ufern erblühten und verfielen über 2000 Jahre hinweg Königreiche und Königsstädte. Im Land der Schlaglöcher ist er die bequemste und schnellste Verkehrsstraße stromab nach Pagan und in die Hauptstadt Rangun.
Bambusflöße mit einfachen Verschlägen, kleine Teaksegelboote und die traditionellen Hnaws, aber auch doppelstöckige Dieselfähren gleiten gemächlich ihrem Ziel entgegen. Auf Sandbänken wässern die Bauern mit aus Ölkanistern gebastelten Gießkannen Tabakpflanzen, und am Ufer winken Dorfbewohner den Kreuzfahrern. Kapitän Ba Nyan schickt ein Schlauchboot mit zwei Matrosen voraus. Mit langen Bambusstangen testen sie, ob die Fahrrinne tief genug ist und die "Road to Mandalay" sich an den Sandbänken vorbeischummeln kann.
Neben den Flößen und Kähnen aus rohem Holz wirkt das über 100 Meter lange, weiße Luxusschiff wie aus einer anderen Welt. Als Anfang der Neunziger die Militärregierung begann, sich dem Tourismus zu öffnen, sah die Ehefrau des Orient-Express-Chefs sich einem Herzenswunsch nahe: Von der Tempelstadt Pagan fasziniert, wollte sie Besuchern die Reise in ein noch ursprüngliches Asien ermöglichen. Fachleute suchten weltweit nach einem geeigneten Schiff - und wurden in Deutschland fündig.
1964 gebaut, schipperte das Kabinenschiff lange über den Rhein, 1994 wurde es von Orient-Express Hotels, Trains & Cruises aufgekauft und völlig umgebaut: Bis zu 120 Passagiere versorgt die überwiegend burmesische Crew; Bars, Bibliothek und Restaurant wurden von einheimischen Künstlern ausgestattet. Als die "Road to Mandalay" am zweiten Tag nach 135 Kilometer Fahrt vor Pagan festmacht, kommt eine ganze Kindergang neugierig angelaufen. Rotznäsig, die Kleinsten nur mit T-Shirts bekleidet, stellen sie sich nach Größe geordnet auf: "Take a picture, please".
Mehr als 2200 Tempel auf nur 40 Quadratkilometern
Der Irrawaddy windet sich in einer großen Kurve um Pagan herum, seine Fluten passieren eine trockene Steppe. Unzählige Türme, Dächer, Kuppeln erheben sich aus der Ebene, rot und braun wie die aufgebrochene Erde, nur hier und da blitzt eine der weiß getünchten Stupas oder goldenen Pagoden in der staubigen Luft auf. Mehr als 2200 Tempel sind über eine Fläche von nur 40 Quadratkilometern verstreut, der immer noch spektakuläre Rest einer Anlage, die zur Hochzeit ihrer Erbauer aus sagenhaften 13.000 Sakralbauten bestand. Vor rund 950 Jahren beschloss Anawrahta, König der aus dem Himalaja einwanderten Birmanen, dem Geisterglauben abzuschwören und den Glauben der von ihm unterworfenen einheimischen Mon im Süden zu übernehmen: den Buddhismus.
Zugleich machten sich die Birmanen Schrift, Gesetz und Literatur des kulturell hoch entwickelten Volkes zu Eigen - und auch ihre Architektur. Anawrahta erhob Pagan zur Hauptstadt seines Reiches. Er und seine Nachfolger hofften durch den Bau der Tausenden von Tempel über rund 250 Jahre, sich der Erlösung im Nirwana zu nähern. Ende des 13. Jahrhunderts vertrieben die Mongolen die Herrscher von Pagan, doch die Tempelwelt zerstörten sie nicht - erst ein Erdbeben brachte 1975 viele Gebäude zum Einsturz. Doch es wird wieder gebaut, reiche Burmesen lassen kleine Tempelchen aus rotem Backstein errichten. Für ein besseres Karma.
Zwischen den Tempeln ist es fast mystisch still. Nur die Pferdekutschen, die die Besucher zu den Pagoden bringen, klappern über die Straßen und Wege. Die Staubwolken der Touristenbusse sind noch lange zu sehen. Auf kargen Hirse- und Sesamfeldern weiden Ziegen und Rinder. Bis 1990 war das Gebiet noch bewohnt, rund 6000 Menschen lebten in Dörfern und bestellten ihre Felder zwischen Akazien und Kakteen. Doch die Militärregierung in der Hauptstadt Rangun meinte, die Tempelwelt für ausländische Gäste attraktiver machen zu müssen: Die Einheimischen mussten binnen einer Woche ihre Häuser verlassen, die dann rigoros planiert wurden. Neu-Pagan, wenige Kilometer entfernt, entstand - ein Dorf vom Reißbrett.
40 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze
Mit dem nun wieder stillen Reich der Tempel hofft die devisenhungrige Regierung Touristen in das durch Wirtschaftsboykotts des Westens isolierte Land locken. Doch letztlich sind es nicht die prächtigen Bauten, die das Herz der Besucher erobern, nicht das Gold auf den gigantischen Buddhas und Stupas allerorten, die die Fremden für das Land zutiefst begeistern. Es sind die Menschen - ihr Lächeln, ihre Freundlichkeit, ihre Aufgeschlossenheit - und ihre Neugier auf alles, was sie aus dem Ausland erreicht und wogegen ihre Regierung sie nach wie vor abschotten will.
Das "Land der 1000 Pagoden" galt einst als reichstes Land Südostasiens, doch die über 40 Jahre Militärherrschaft haben Burma heruntergewirtschaftet zu einem der ärmsten Länder der Welt: 40 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, jedes zehnte Kind stirbt. Dem Schiffskoch Michael Perry sind die Menschen ans Herz gewachsen: "Ich kenne die Kinder genau, die an den Anlegestellen auf das Schiff warten." Aus dem Urlaub bringe er immer Bücher für "seine" wissbegierigen Kids mit: "Die lesen die dann von vorne bis hinten. Kaum haben sie die letzte Seite erreicht, drehen sie das Buch um und beginnen wieder von vorne!"
Auch die Gäste der "Road to Mandalay" werden von Begegnungen tief berührt. Das Tagesprogramm führt die Kreuzfahrer in ein Dorf in der Nähe von Pagan. Die staubige Lehmstraße säumen Häuser aus Bambusgeflecht, in einem Hof schreiten Ochsen im Kreis um eine Getreidemühle, rote Chilischoten und Leinsaat trocknen in der Sonne. Kichernd beobachten Kinder in grüner Schuluniform die mit Spiegelreflexkameras und Digicams hochgerüsteten Fremden. Während Führerin Myint Myint Gyi den Webrahmen einer Dorfbewohnerin erklärt, erwacht die Hausherrin auf ihrer Holzpritsche, richtet ihr weißes Haar und lacht zahnlos über das ganze Gesicht. Herzlich lädt die 80-jährige winzige Frau alle zwölf zum abendlichen Fest ein. Sie ist enttäuscht, dass die Besucher pünktlich zum Dinner zurück auf ihr Schiff müssen, - und so mancher der Kreuzfahrer wohl auch.