Burma Näher an die Welt gerückt
Seit Stunden steht der Bus nun still, mitten im Nirgendwo, in der mondhellen Nacht. Aber ein Problem? "Oh no, no. No problem." Der junge Mann auf dem Nebensitz, solange wir fuhren zum Schutz vor der sibirischen Klimaanlage tief in Windjacke und Kapuze verschwunden, schüttelt energisch den Kopf. Nur der Motor - er deutet nach hinten - "no water". Wir steigen in die warme Luft hinaus, die meisten Fahrgäste sind schon am Straßenrand versammelt, stehend und hockend, die Arme verschränkt. Mit mildem Interesse und ohne ein Zeichen von Ungeduld verfolgen sie das Geschehen hinten am Bus, wo ein paar Männer sich um die offene Motorenklappe scharen. Ab und zu schüttet einer Wasser hinein, dann steigt jedes Mal unter lautem Zischen eine Dampfwolke auf. Kein Problem. Nur der Motor.
Ein paar Kilometer davor ist es ein Reifen gewesen. Langsam wird klar, warum es zur Ankunftszeit nur vage Vermutungen gab: "Vor Mittag." - "Vielleicht um neun." - "Um elf?" Dennoch gilt der Nachtbus von Rangun nach Mawlamyaing, ein "Express", betrieben von einer der neuen privaten Gesellschaften, unter den Passagieren als ausgesprochen zuverlässig; der Zug, heißt es, sei "nicht pünktlich", und bei den Maßstäben dieses Landes ist das eine beunruhigende Auskunft.
Wir sind schon seit ein paar Wochen in Burma unterwegs, bisher allerdings im Flugzeug - eine zuverlässige, komfortable und, falls man nicht die staatliche Myanmar Airways benutzt, auch sichere Art des Reisens. Doch nährt Fliegen Illusionen, während man sich im Auto, Bus und Zug auf dem Boden der Realität bewegt: Burma hat fast die doppelte Größe Deutschlands, aber keine gute Straße.
Nicht mal über den Namen ist man sich einig
Dennoch ist es ein Luxus, dieses Land bereisen zu dürfen. Jahrzehntelang ließ das Regime, die älteste Militärdiktatur der Welt, Touristen gar nicht oder nur für eine Woche, später zwei, nach Burma; sowieso geschlossen waren jene Gebiete - große Gebiete, vor allem in den Grenzregionen - in denen die zahlreichen Rebellenarmeen der Minderheiten Krieg gegen die Zentralgewalt führten. Nun herrscht in weiten Teilen des Landes Waffenstillstand und Besucher dürfen einen Monat bleiben, sogar in entlegenste Ecken fliegen. Noch immer aber regieren die Generäle mit eiserner Hand. Und nach wie vor ist Burma mit sich selbst nicht im Reinen, zerrissen.
Nicht einmal über den Namen ist man sich einig: Myanmar oder Burma? Das Regime kehrte 1989 zum alten burmesischen "Myanmar" zurück, die Opposition, die 1990 Wahlen gewann, die nie anerkannt wurden, lehnt diesen Namen als so illegitim ab wie die Militärregierung. Unser Teil der Welt kennt Burma als buddhistisches Märchenland voll glänzender Pagoden und lächelnder Menschen - oder als Reich der Angst, in dem brutale Diktatoren die Bevölkerung terrorisieren und eine mutige Frau namens Aung San Suu Kyi gefangen halten, wo Tausende Kindersoldaten unter Waffen stehen und jedes Jahr Hunderte Tonnen von Opium produziert werden. Beide Burmas gibt es.
Soll man dieses Land überhaupt besuchen? Aung San Suu Kyi, die Friedensnobelpreisträgerin und wichtigste burmesische Oppositionelle, sagt nein: Tourismus stütze die Junta. Doch in diesem Punkt sind auch viele Befürworter eines Wirtschaftsboykotts anderer Meinung; Kontakte mit Ausländern, hoffen sie, werden eher eine Öffnung bewirken.
"Isoliert war diese Land lang genug"
"Und was hat denn selbst das Wirtschaftsembargo bisher gebracht? So viele Jahre boykottiert der Westen Burma schon, aber die Generäle wohnen immer noch in schönen Häusern, schicken ihre Kinder auf gute Schulen." Ma Thanegi ist Journalistin und Malerin, und einst war sie Mitstreiterin von Aung San Suu Kyi. Ich treffe sie in Rangun, eine elegante Dame im Kostüm, mit makellosem Englisch. 1988 schloss sie sich der Demokratiebewegung an, arbeitete als Sekretärin für Aung San Suu Kyi.
Als das Militär den Traum von einem demokratischen Burma ein grausames Ende machte, kam Ma Thanegi für fast drei Jahre ins Gefängnis. Jetzt arbeitet sie für eine Zeitschrift, die mit dem Regime kooperiert, weshalb manche sie einen Wendehals nennen, und andere loben, dass sie versuche, Fronten aufzubrechen. Sie selbst sagt, sie sei des "Burma-Märchens" überdrüssig: Gut gegen Böse, die richtige Seite ist leicht zu wählen; der Westen kann sich moralisch geben, aber für die normalen Burmesen sind viele Jahre Leben vergangen, ohne dass ein glückliches Ende näher gerückt wäre. Und sie sagt, was viele Boykottgegner sagen: "Isoliert war diese Land lang genug."
Tatsächlich war Burma von 1962 an, als das Militär in einem Putsch die Macht an sich riss, fast 30 Jahre aus der Welt verbannt. Keinerlei Kontakt zum Ausland; Englisch galt als Sklavensprache. Den "burmesischen Weg zum Sozialismus", nannte es Staatschef General Ne Win, der das Copyright dafür hatte. Eine Katastrophe - und einer der Gründe, warum Burma ein Stück Bilderbuchasien blieb. Wasserbüffel statt Traktoren, entspannt an ihren Tabakstumpen ziehende alte Frauen, ein ganzes Volk im Wickelrock Longyi: Wenn das Land noch heute manchmal so wirkt, als hätte jemand die Zeit angehalten, dann deshalb, weil genau das passiert ist.
Der Palast stellte immer das Zentrum des Universums dar
Besucher sind vom Resultat meist bezaubert. Sie schwärmen, in Burma sei das alte Asien noch lebendig. Wer gerade Bangkok hinter sich hat, erliegt dem Charme besonders enthusiastisch: Hier streichen die Mädchen, um sich schön zu machen, Rindenpuder auf ihre Wangen! Westeuropäer, denen die Götter abhanden kamen, betrachten mit leisem Neid auf den Gesichtern die hingebungsvoll Betenden in Ranguns Schwedagon-Pagode, diesem goldenem Wunder, dem strahlendem Symbol für Buddhas Macht in Burma.
Manchmal schwingt in der Begeisterung Dringlichkeit mit: wie lange noch? Schon sieht man in Rangun Mobiltelefone. Ein italienischer Tourist in der Hotelbar bemerkt, so unmodern seien die Burmesen ja auch nicht mehr. Unüberhörbar enttäuscht ihn das. Wenig später sagt er, wieder leicht missbilligend und ohne dass ihm auffällt, wie widersprüchlich seine Wünsche sind: "Die Menschen hier haben keine Ahnung vom Rest der Welt."
Schon vor Ne Win erlebte Burma lange Perioden der Isolation. In der Kosmologie der Königreiche stellte der Palast - wo immer er gerade stehen mochte - das Zentrum des Universums dar. Nach außen hin wurde es dann ganz schnell uninteressant. Kein Wunder, dass der Hof in Mandalay sich im Umgang mit den britischen Herren Indiens nicht um Diplomatie bemühte. Gewährte der König den Emissären überhaupt Audienz, war dafür gesorgt, dass sie eine möglichst lange Strecke mit nackten Füßen und Häuptern in der sengenden Sonne zurücklegten. Eintreten mussten sie durch eine absurd niedrige Tür: Selbst den Kleinwüchsigsten zwang sie in eine tiefe Verbeugung.
Die Briten holten sich ihre Revanche. Vom Süden aus annektierten sie nach und nach das ganze Land, 1827 machten sie Moulmein zu ihrer ersten Hauptstadt. Heute heißt die Stadt Mawlamyine und wirkt - um zwei Uhr nachmittags kommt unser Bus schließlich an - wie in Zeitlupe verfallen. Abblätternde koloniale Fassaden, in die sich Moder frisst, und die bröckelnde barocke Grandeur dreier Zuckerbäckerpaläste: Moscheen der Inder, die im Schlepptau der Briten nach Moulmein gekommen waren.
Von Anfang an erschütterten Rebellion und Bürgerkrieg den Vielvölkerstaat...mehr
Doch die Briten hinterließen in Burma mehr als reizvoll deplatzierte, verfallende Gebäude. Sie schufen den Staat in seinen heutigen Grenzen erst, indem sie große von Bergvölkern bewohnte Regionen mit dem burmanischen Herzland verschmolzen. Darin sehen manche Historiker den Geburtsfehler Burmas, denn kaum wurde die koloniale Kreation unabhängig, drohte sie auch schon zu zerfallen. Von Anfang an erschütterten Rebellion und Bürgerkrieg den Vielvölkerstaat. Acht Ethnien erkennt die Regierung offiziell an, Dutzende gibt es, mehr als 200 Sprachen. Die Einheit dieses komplexen Gebildes hat der Junta seit jeher zur Rechtfertigung selbst brutalster Unterdrückung gedient. Inzwischen haben die meisten Rebellenarmeen mit Rangun einen Waffenstillstand geschlossen - der Preis für die Ruhe war, dass sie einige special regions kontrollieren.
Kyaingtong liegt im Gebiet der Shan, einer der größten Minderheiten. Sie bewohnen das ausgedehnte Hochplateau im Osten. Bis vor wenigen Jahren war Kyaingtong, wunderbar an einem See gelegen und von Bergen umgeben, für Besucher geschlossen. Auf dem Markt treibt ein buntes Völkergemisch aus den umliegenden Hügeln Handel: Akhas mit ihrem Kopfputz voll baumelndem, schweren Silber; Lisus in kunstvoll bestickten Kitteln; Pao-Frauen, die hohe bunte Turbane tragen.
Eine andere Attraktion aber hat Kyaingtong verloren. Der märchenhafte Palast des Saopha, des Shan-Fürsten, der hier einst das Sagen hatte, wurde abgerissen - für viele Shan ein Zeichen, wie Rangun ihre Kultur missachtet. An seiner Stelle steht jetzt ein scheußliches Staatshotel. Den Königspalast in Mandalay dagegen, der im Zweiten Weltkrieg abbrannte, haben die Generäle wieder aufbauen lassen. Vom Zauber, den dieser Ort einmal gehabt haben muss, lässt die Kopie aber kaum etwas erahnen. Auch die Stadt löst das Versprechen ihres klingenden Namens nicht ein, Neubauten im Stil chinesischer Städte beherrschen das Bild - und Chinesen gehören sie: Nirgendwo wird so deutlich wie in Mandalay, dass der mächtige Nachbar beste Beziehungen zu Burma pflegt. Am Boykott des Westens hat Asien sich nie beteiligt.
"Das Volk hat andere Wünsche"
"Wirklich gerissene Geschäftsleute, diese Chinesen, dagegen sind wir Burmesen die reinsten Simpel." Der Rikschafahrer, nennen wir ihn U Po, schüttelt in ungläubiger Bewunderung den Kopf. Schon seine erste Fahrgeldforderung weist ihn als etwas Besonderes aus: "Wären 200 Kyat in Ordnung für Sie?" Während wir von Tempel zu Tempel fahren, klärt er uns über so prosaische Dinge wie Inflation und Korruption auf. Ein Polizist zum Beispiel kann sich in diesem Moment von seinem Monatslohn keine zehn Tassen Tee kaufen - wie sollte er da eine Familie ernähren, wenn er nicht das Hundertfache nebenher einnähme? Burma könnte ein reiches Land sein, Öl und Gas, Gold und Edelsteine gibt es hier, aber die Diktatoren haben es zum ärmsten Südostasiens gemacht. U Po muss seinen 13-jährigen Sohn seit zwei Jahren statt in die Schule zur Arbeit in eine Autowerkstatt schicken, und das schmerzt ihn mehr als die Prügel, die er im Gefängnis bezog - er war ein paar Mal wegen Teilnahme an Demonstrationen eingesperrt. "Was können wir für eine Zukunft haben, wenn wir nicht lernen?"
Nach ein paar Tagen nimmt er mich mit nach Hause. Er wohnt am Stadtrand; in brackigem Wasser stehen Bambushütten auf Pfählen. Drinnen ist es leer und sauber. U Po holt ein zerfleddertes Taschenbuch hervor: Taylor, "The origins of World War II", seine neueste Anschaffung. "Leider hab ich viel zu wenig Zeit zum Lesen." Wenigstens könne er während des Rikschafahrens meditieren. Als wir auf dem Rückweg in die Stadt an einer der wandgroßen Tafeln vorbeikommen, die im ganzen Land "People's Desire" verkünden - "alle inneren und äußeren destruktiven Elemente als den gemeinsamen Feind zerstören; sich allen widersetzen, die negative Ansichten haben ..." - stößt er ein bitteres Lachen aus. "Das Volk hat andere Wünsche."
Auf den Fremden wirken diese Parolen seltsam surreal: Zu groß ist der Kontrast zur weichen Noblesse der Menschen, den pittoresken Dörfern, der Kontemplation in den Tempeln. So viel Harmonie kann nicht nur Täuschung sein, ein Teil der Landesseele muss sich heil erhalten haben. Aber dann wieder ein irritierendes Erlebnis: "Sehen Sie den Herrn auf der Bank gegenüber - er hört jedes Wort mit", sagte der ältere Burmese, mit dem wir am Ende der Reise in einer Ranguner Hotellobby sitzen. Er wirkt nicht sonderlich alarmiert: "Ich kenne Leute, die wichtiger sind als dieser Spitzel."
Er hat eine lange Karriere im Staatsdienst gemacht, die abrupt abbrach, als der Sozialismus 1989 aus der Staatsdoktrin verschwand. Um zwölf Uhr unterbricht er kurz die Unterhaltung, um murmelnd eine Sutra zu rezitieren. Im Nachhinein hätten wir ihn gern gefragt, wie das zusammenging: Marx und die spirituelle Geringschätzung alles Materiellen.
Den vermeintlichen Aushorcher treffe ich später auf der Straße wieder. Er lächelt vielsagend, oder das bilde ich mir ein: Es ist leicht, in Burma paranoid zu werden. Allem Anschein nach sind es die Generäle. Autos dürften keine getönte Scheiben haben, erklärt ein Journalist - die Agenten der military intelligence sollen sehen, wer im Wagen sitzt -, und auch Motorräder seien Privatleuten verboten, wegen der Gefahr von Attentaten. Dann erzählt er von einem Fotografen, der die Schönheit seiner Heimat in wunderbaren Bildern festhält. Landschaften, Tempelstädte, die Fischer von Inle, Bergstämme in ihren Trachten. Im nächsten Band wird ein Foto fehlen - es kam nicht durch die Zensur. Eigentlich zeigt es nur einen Mönchskopf von hinten. Doch das Fensterkreuz, vor dem er aufgenommen wurde, könnte auch ein Gitter sein. Das störte.
Von Barbara Baumgartner
Aus dem "Merian"-Heft "Burma", Januar 2004