Calgary Abschied von "Cow-Town"
Calgary, 1875 noch ein einsames Fort in der Weite der Prärie, ist heute Kanadas Powerhouse: Sauber, sicher und freundlich wie keine andere Großstadt des Landes, wächst die Stadt täglich um 60 Einwohner. Die Wirtschaft boomt; als einziger Staat verzichtet Alberta auf eine örtliche Verkaufssteuer (local sales tax). Büffel und Alberta Beef, Hightech und Erdöl sind die Wachstumsmotoren - allein 2400 Ölgesellschaften haben in der Innenstadt ihren Firmensitz.
20 neue Hotels sind im Bau, darunter 355 Betten von Hyatt. Für 150 Millionen kanadische Dollar erhält das Stadtzentrum im Stil der sechziger und siebziger Jahren ein zeitgemäßes Outfit. Für weitere 480 Millionen Dollar wird der Flughafen in den nächsten 20 Jahren zum Drehkreuz des Westens ausgebaut.
Mit der Winterolympiade war es Calgary 1988 erstmals gelungen, ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu dringen. Die XV. Spiele bedeuteten nicht nur einen enormen finanziellen Gewinn - sie veränderten auch das Bewusstsein ihrer Bürger.
Das Provinznest wurde zum Hothouse; die alten Spielstätten zum sportlichen Erlebnispark. Im Winter vermittelt die größte Skischule des Staates hier Grundkenntnisse von Ski und Snowboard, im Sommer erschließen diverse Trails für Mountain-Biker das Areal: 25 Kilometer über Stock und Stein.
Mit bis zu 100 Stundenkilometer saust die "Road Rocket" durch 14 enge Kurven und 123 Meter Gefälle den steilen Hang hinab. Kräfte bis zu dreifachen Erdbeschleunigung drücken die Besucher in die blauen Sitze. Der Besucher-Bob auf der einstigen Bobbahn ist sommers wie winters eine der größten Attraktionen im Olympia-Park. Etwas abseits trainieren Athleten. Im ersten Neubau seit 1988, dem 4,1 Millionen Dollar teuren "Ice House", können sie unabhängig vom Wetter auf geeisten Bahnen den optimalen Start mit Bob oder Rennschlitten erarbeiten.
An den drei Olympia-Sprungschanzen hebt heute kaum noch einer ab - die Auslaufflächen sind zu kurz für heutige Reichweiten. Doch das kleine Zimmer mit der großen Aussicht, im vierten Stock der 90-Meter-Skisprungschanze gelegen, ist bereits für den gesamten Sommer ausgebucht: Es ist die angesagteste Location für Heiratswillige.
300 Dollar kostet hier der Bund fürs Leben - mit Blick auf die Skyline der Stadt vor den Schneespitzen der Rockies. Höher hinaus geht es in Downtown: In 189 Meter Höhe dreht sich die Aussichtskanzel des Calgary Tower in einer Stunde einmal um 360 Grad. In Chinatown spiegelt sich rot-blau verspielt eine Pagode in den Glasfassaden der Bürotürme.
Dahinter, fast am Fluss, liegt der moderne Eau Claire Market mit seinen schönen, schrillen und schrägen Shops, seiner Sauerstoff-Bar und der fünfeinhalb Stockwerke hohen Leinwand des Imax-Theaters. Direkt zu den Füßen des Turmes präsentiert das Glenbow Museum das historische Erbe des kanadischen Westens als interaktives Erlebnis. Die Keimzelle der Stadt ist etwas weiter östlich erhalten: Fort Calgary, heute ein historischer Park. Wie das Leben vor 1914 aussah, vermittelt anschaulich Kanadas größtes Dorf - Calgarys Heritage Park, südlich am Glenmore Reservoir gelegen.
Auf dem Crowchild Trail, einst Indianerpfad, heute mehrspurig ausgebaute Schnellstraße, geht es in zehn Minuten zurück zum Stadtzentrum. Höhe 8th Street verbinden Fußgängerbrücken fünf Straßenblocks zu einem riesigen, überdachten Shopping-Komplex. Sein grünes Herz ist von außen verdeckt: Devonian Gardens, 20.000 Pflanzen unter einem Hektar Stahl und Glas der größte Indoor-Garten Kanadas. Vögel zwitschern, ein Wasserfall plätschert.
Auf den Bänken lesen Passanten Zeitung; andere spazieren über die mehr als einen Kilometer langen Wege in 15 Meter Höhe. Am Boden durchziehen 300 Kilometer Wander- und Radwege die Stadt. Viele folgen dem Bow River, führen gen Norden nach Kensington mit seinen Straßencafés, Bars und Boutiquen, oder gen Süden nach Inglewood, wo Antiquitätenläden die einzige Hauptstraße säumen.
An der Brücke stehen Männer mit hohen Gummihosen im eiskalten Wasser, werfen unablässig ihre Angel aus. Bow River gilt als einer der besten Flüsse zum Fliegenfischen - besonders für Forellen. Am anderen Ufer liegt Calgary Zoo, das weltweit einzigartige Kombi-Set aus Tierpark, Botanischem Garten und Urzeit-Ausstellung. Neu hinzugekommen ist jetzt die Abteilung "The Canadian Wilds". In naturnahen Biotopen erlaubt sie eine sichere Begegnung mit Berglöwe und Bergziege, Wolf und Widder, Schwarzbär und Grizzly - allesamt Bewohner der kanadischen Rockies. Nur eine Autostunde von Calgary entfernt sind sie daheim.