Chic-Choc Mountains in Québec: Der Schnee ruft - DER SPIEGEL
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Tiefschneeabenteuer in Quebec: Bis zum Hals im Weiß

Foto: Ole Helmhausen

Chic-Choc Mountains in Québec Der Schnee ruft

Fast menschenleer und schwer zugänglich ist die Gaspésie-Halbinsel von Québec - und gesegnet mit dem besten Pulverschnee und den besten Tourenski-Routen im Osten Nordamerikas. Großstädter Ole Helmhausen stürzt sich auf Meta-Skiern ins Tiefschneeabenteuer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dieser Trip wird einfach nicht langweilig. Jeden Tag gibt es mindestens eine Premiere. Die vorläufig letzte steckt gerade unter meinen Boots und heißt Meta-Ski. Die vom finnischen Sportartikelhersteller Karhu vor ein paar Jahren entwickelte Mischung aus Schneeschuhen und Telemark-Ski ähnelt Carvern, hat jedoch eine Allround-Bindung für Boots und Wanderschuhe und ist mit fest eingefügten Fellen ausgerüstet. Auf Meta-Skiern ist man deshalb im Tiefschnee schneller als auf Schneeschuhen, und sie lassen sich leichter kontrollieren als herkömmliche Ski.

Alles in allem also Spaßgaranten für wenig erfahrene Tiefschnee-Fans. "Macht Laune", sagt auch Baptiste, unser Guide, und stapft los. Ich habe schon viel Schnee in meinem Leben gesehen, aber noch nie so viel auf einem Haufen. Die Wipfel vier bis fünf Meter hoher Nadelbäume auf Augenhöhe, steigen wir durch einen unter Schneemassen begrabenen Wald langsam bergan. Als es steiler wird, leisten die Felle unter den Skiern ganze Arbeit.

Zwei Stunden später ist der Gipfel erreicht, eine baumlose Kuppe, die wie ein plattgedrückter Zuckerhut aussieht. Auf der anderen Seite erstreckt sich eine gut 50 Meter breite Schneise bis ins Tal hinab. Mit drei, vier Metern zwischen den Bäumen ist genug Platz für alle da. Auf uns wartet eine Welt aus unberührtem, festem Niederschlag. Baptiste strahlt. "Sucht euch eine Abfahrt aus", ruft er, und einen Lidschlag später ist er zwischen den Bäumen verschwunden. Einer nach dem anderen stößt sich mit Freudengeheul ab.

Bis zum Hals im Tiefschnee

Ich entscheide mich für ein Schneise zur Rechten. Ich bin kein Tiefschnee- und Telemark-Profi, doch mit den Meta-Skiern komme ich auf diesem 35-Grad-Gefälle zunächst gut zurecht. Die Felle bremsen meine Fahrt nur so viel, dass mir nicht mulmig wird. Dank scharfer Kanten fühle ich mich auch in den Kurven sicher. Ich habe sogar Zeit, die Winterwunderlandschaft zu genießen.

Das Schicksal ereilt mich an einem Nadelöhr zwischen zwei großen alten Kiefern. Ich carve zu stark, bremse dadurch abrupt und komme hinter einem der Bäume zum Stehen. Gerade als ich denke, die schwierige Situation ist überstanden, gibt der Schnee unter mir nach, und ich gehe auf Tauchstation. Bis zum Hals. "Schneeloch", grinst Baptiste, während er mich freischaufelt, "im Windschatten der Bäume trägt der Schnee nicht!"

Die Québécois wissen es schon längst, und inzwischen haben auch die ersten tiefschneeverrückten Amerikaner aus Neuengland Lunte gerochen: In den unbewohnten Monts Chic-Chocs, den Chic-Choc-Bergen in der kanadischen Provinz Québec, gibt es den besten Pulverschnee, die schneereichsten, Bowls genannten Schüsseln und das beste Backcountry Skiing im Osten Nordamerikas.

Bis vor wenigen Jahren war der Gîte du Mont Albert , eine 85-Zimmer-Herberge mit legendärem Ruf, das einzige Hotel im Inneren der schwer zugänglichen Gaspésie-Halbinsel. Seitdem ist die Auberge de Montagne des Chic-Chocs  dazugekommen.

Rustikal-elegant und von Sauna und Whirlpool bis hin zu einer Spitzenküche mit allen Annehmlichkeiten versehen, wurde das 18-Zimmer-Hotel den Wildnis-Lodges in den Rocky Mountains nachempfunden. Mit zwei Ausnahmen. "Wir haben die Benutzung von Fahrzeugen auf ein absolutes Minimum reduziert", sagt Hotelmanager Guy Laroque. "Wer in unserer Wildnis skilaufen will, muss die Berge selbst besteigen." Die zweite Ausnahme hat mit Öko zu tun. Die Sépaq, Québecs Äquivalent zum kanadischen Nationalparksystem, hat der Auberge ein strenges, von biologisch abbaubarer Seife bis zum torfgefilterten Abwassersystem reichendes Umweltdiktat auferlegt.

Ford mit Kettenantrieb

Die Anreise allein ist ein Abenteuer. Von Québec City aus ging es zunächst den St.-Lorenz-Strom entlang nach Cap Chat. Dort wurde das Gepäck in einen Kleinbus umgeladen, der uns auf einer alten Holzabfuhrpiste ein Stück landeinwärts fuhr. An einer Schranke stiegen wir noch einmal um, dieses Mal in einen mit Mattracks-Kettenantrieb umgerüsteten Ford E350. Die nächsten zwei Stunden schaukelten wir stetig bergan, und bald dämmerte es uns, warum die Micmac-Indianer die bis zu 1200 Meter hohen Chic-Chocs "undurchdringliche Mauer" nannten. Unser Ford arbeitete sich durch enge, V-förmige Täler.

Gleich neben der Piste stiegen Berge fast senkrecht in den weißen Himmel. Wir sahen ein gutes Dutzend Elche und hörten später, die Gaspé-Halbinsel beherberge eine der größten Elchpopulationen im Osten. Irgendwann kreuzten wir den International Appalachian Trail, Nordamerikas legendären Fernwanderweg von Georgia bis nach Québec. Die Auberge liegt in einem Schutzgebiet und verfügt über 60 Quadratkilometer zur exklusiven, passiven Nutzung. Von einem Vorsprung aus blickt sie über ihr bergiges Reich.

Bei der Ankunft wurden wir von Guy, dem Küchenpersonal und den Guides begrüßt. Familiär - die Lodge bietet maximal 32 Gästen Platz - gestalten sich auch die nächsten Tage. Man speist gemeinsam an langen Tischen - Küchenchef Alain Laflamme war vorher im Fairmont Queen Elizabeth in Montréal und ist ein Kenner der regionalen cuisine - und stürzt sich jeden Morgen in kleinen, von Guides geführten Gruppen in neue Abenteuer. Spaß und Erholung pur also. Die in warmen Bernsteintönen gehaltenen Zimmer haben statt Fernsehen, Telefon und W-Lan meist einen schönen Blick auf die Wildnis vor der Haustür.

Pulverschnee wie Löwenzahnsamen

Den Tagesablauf bestimmt die Natur. Während der ersten Nacht fallen 40 Zentimeter Neuschnee. Während sich die anderen fürs Tiefschneefahren entscheiden, schnalle ich die Schneeschuhe unter und schließe mich einer Gruppe an, die mit Baptiste zu den Chutes Hélène (Helenen-Wasserfällen) gut 300 Meter unterhalb der Lodge hinabsteigt. Für die nächsten Tage ist noch mehr Schnee angekündigt, und ich will in aller Ruhe genießen und fotografieren.

Der steile Trail hat es in sich, das Absteigen im Tiefschnee auch, trotz Schneeschuhen. Die Chutes Hélène sind eine spektakuläre, 50 Meter hohe Eiswand. Später am Tag besteigen wir den nach seiner Höhe benannten Mont 780 und blicken auf eine bewaldete Berglandschaft, aus der verschneite Kuppen über die Baumgrenze ragen und die Auberge weit und breit der einzige Hinweis menschlicher Anwesenheit ist.

Zwei herrliche Tage spiele ich mit meinen Meta-Skiern. An meinem letzten Tag komme ich zu meinem Tiefschnee-Erlebnis. Warum ich so lange gezögert habe? Wie gesagt, ich bin kein Tiefschnee-Experte. Doch als wir einer nach dem anderen, unmittelbar vor der Auberge, abstoßen und Pulverschnee mich bis zur Brust einhüllt wie Löwenzahnsamen, lösen sich meine Bedenken in Luft auf. So viel Platz, so viel unberührter Schnee. Das Leben ist schön.

Vier Abfahrten machen wir an diesem Tag, neue, unberührte Schneisen zu finden ist nicht schwer. Auf dem Rückweg nach Cap Chat habe ich Muskelkater wie noch nie.