Chile: Reben am Rande der Anden - DER SPIEGEL
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Chile Reben am Rande der Anden

Selbst Chilenen denken nicht zuerst an die milden Regionen ihres Landes, wenn sie Gästen die eigenwillige Geografie ihrer Heimat beschreiben. Das Colchagua-Tal in der milderen Landesmitte hat sich zu einem Geheimtipp entwickelt, in dem auch Wein-Liebhaber auf ihre Kosten kommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

4000 Kilometer lang und maximal 380 Kilometer breit schmiegt sich Chile sich an die Westküste Südamerikas. Und ins Auge fallen zuallererst die Gegensätze: Im Norden liegt die Atacama Wüste, eine der heißesten und trockensten Gegenden der Erde. Im Süden hingegen, wo der Weg bis nach Kap Hoorn nicht weit ist und der schneidende Wind die Touristen in dicke Jacken zwingt, findet sich eine bizarre Welt aus Fels und Eis.

In der Landesmitte, rund um die Hauptstadt Santiago, lösen sich die groben Gegensätze auf. Hier, etwa 200 Kilometer südlich der Hauptstadt, liegen die Weinanbaugebiete des Colchagua Valley. In der hügeligen Landschaft rund um die kleine Stadt Santa Cruz wurde vor zwei Jahren das erste Hotel eröffnet, das den gehobenen Ansprüchen verwöhnter Wein-Touristen entspricht. Zahlreiche Winzer öffnen ihre Tore für Liebhaber des Rebensaftes. Und gemeinsam mit den Eigentümern der großen Weingüter ist im Tal eine Weinrundreise mit einem historischen Zug von Weingut zu Weingut in Planung.

Mehr als 400 Jahre ist es her, dass spanische Priester und Mönche die ersten Rebstöcke mit nach Chile brachten. Ein Abendmahl ohne Wein war für die Gläubigen nicht vorstellbar, und auch außerhalb des kirchlichen Gebrauchs trank man gern das eine oder andere Glas. Die Haltbarkeit des Flaschenweins war zu dieser Zeit noch sehr begrenzt, die Wege der Schiffe waren lang. So blieb als einzige Lösung der Anbau vor Ort.

Recht schnell zeigte sich, dass die geologischen und meteorologischen Voraussetzungen in den Tälern rund um Santiago ideal waren. Zahl und Größe der Weingüter wuchsen, und im 18. Jahrhundert wurde der erste Wein exportiert. Der internationale Durchbruch chilenischer Weine ließ jedoch auf sich warten. Erst in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts war es soweit: Bekannte europäische Winzer wie Baron de Rothschild aus Bordeaux und Miguel Torres aus Spanien erkannten die großen Möglichkeiten chilenischer Anbaugebiete und investierten enorme Summen in Zucht, Technik und Qualität.

Heute ist Chile der drittgrößte Weinexporteur der Welt. Im Jahr 2000 gingen rund 265 Millionen Liter auf die Reise um den Erdball. Nach den USA, Großbritannien und Kanada rangierte Deutschland mit knapp 17 Millionen Litern chilenischen Weines an vierter Stelle der Importländer.

Zu den Spezialitäten der Winzer im Colchagua Valley gehören neben dem Merlot und dem Chardonnay der Sauvignon Blanc und der Cabernet Sauvignon. Einige Flaschen stammen aus dem letzten Top-Jahr 1999. Wein aus Chile ist gut, das ist in Deutschland schon bekannt - doch vor Ort ist er noch viel besser.

Kann man in Deutschland einen Winzer mit 20 oder 30 Hektar Wein bereits als relativ groß bezeichnen, sehen die Dimensionen in Chile anders aus. Mont Gras, ein Weingut mit Tradition, gehört zu den lohnenswerten Anlaufpunkten im Tal des Weines. Maria, die sachkundige Führerin auf den Spuren des Rebensafts im Colchagua Valley, betont jedoch, es gehöre mit seinen 435 Hektar eher zu den kleineren Gütern der Region. Der mit Abstand größte Teil der Rebstöcke wächst hier auf flachen Feldern.

Santa Cruz, der Ausgangspunkt für Streifzüge durch die Weinanbaugebiete in Colchagua, ist ein verträumtes kleines Provinzstädtchen. Hier scheint das Leben still zu stehen. Auf der Plaza de Armas sitzend, lässt sich der geruhsame Lauf der Zeit genießen. Kleine Restaurants mit vernünftigen Preisen und guten Weinen laden dazu ein, sich im Schatten großer Bäume vom "Stress" der Weingutbesichtigungen zu erholen.