China: Letzter Besuch vor der Riesenflut - DER SPIEGEL
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China Letzter Besuch vor der Riesenflut

Eine Flusslandschaft steht vor dem Untergang. Viele Touristen wollen noch ein letztes Mal die drei Schluchten des Jangtse sehen, bevor diese in einem gigantischen Stausee versinken.
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Chongqing - Selten hat der Gelbe Fluss in China mehr ausländische Touristen angelockt als heute. Bequeme Kreuzfahrtschiffe verkehren zwischen dem zentralchinesischen Chongqing und der Hafenstadt Schanghai im Osten des Landes.

Im Jahr 2003 werden die Wasser auf 135 Meter über dem Meeresspiegel steigen, 2009 auf 185 Meter. Große Teile der beiden Provinzen Hubel und Sichuan werden von einem bis zu zwei Kilometer breiten und 660 Kilometer langen Stausee bedeckt sein. Ein unvergleichliches Stück chinesischer Landschaft wird ertrinken, mindestens 1,13 Millionen Menschen müssen dem nach Schätzungen bis zu 60 Milliarden Mark teuren Projekt weichen.

In China selbst ist das Vorhaben äußerst umstritten. Im Volkskongress gab es seltene Gegenstimmen. Einfache Chinesen verweisen listig auf den Namen des Staatspräsidenten Jiang Zemin, zu Deutsch etwa "der Fluss, der das Volk überflutet".

Als der "Gelbe Kranich" nach der ersten Nacht beim Ort Shibaozhai fest macht, bietet sich den Reisenden das Bild einer Dorfidylle, angereichert durch zahlreiche Trödler. Träger mit Sänften, unter ihnen viele Frauen, harren auf Kunden. Ein Bauer trägt einen Sack mit quiekenden Schweinen in eine Halle neben dem Kreuzfahrtschiff, wohl Frischfleisch für die Verpflegung an Bord.

Im Hintergrund sind hoch über dem Fluss moderne Wohnblocks zu sehen: das neue Shibaozhai. Über der jetzigen Idylle werden sich die Wasser des Jangtse schließen, wenn der Stausee geflutet wird. Die zwölfstöckige Pagode oben am Berg wird "nasse Füße" bekommen, doch soll eine Mauer das historische Kleinod schützen.

Zu beiden Seiten der untergehenden Schluchtenwelt ragen steile Felswände empor. Manchmal verengt sich der Flusslauf, die Strömung wird schneller, und Steuermänner an Bord der Boote stemmen sich mächtig gegen ihre Staken. Dorfbewohner begleiten die kleine Flotte. Einige steigen ins Wasser, bieten Souvenirs an und fischen die ihnen zugeworfenen Geldscheine heraus.

Die Riesenbaustelle des Damms liegt im Flussnebel. 20.000 Menschen arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr. Große Teile der 185 Meter hohen Staumauer sind schon fertig, zwei fünfstufige Schleusen deutlich erkennbar. Sie werden einmal Schiffe bis 10.000 Bruttoregistertonnen (BRT) empor hieven. Auch ein Hebewerk für kleinere Schiffe und ein Wasserkraftwerk sind geplant.

Während sich das Kreuzfahrtschiff mit Stationen in Wuhan, Jiujiang, Nanjing und Yangzhou seinem Ziel Schanghai und dem Ende einer 2389 Flusskilometer langen Strecke nähert, bietet der gewaltige Fluss vielfältige Eindrücke. Barken, verrostete Kähne, gelegentliche Fischer und jede Menge Linienschiffe bevölkern den Strom, der auf 2600 Kilometern schiffbar und eine der bedeutendsten Wasserstraßen der Erde ist.

Vorteile und Risiken des Staudamms werden deutlich. Er verspricht mehr Sicherheit für Schifffahrt und Uferbewohner. Noch 1998 brachen bei einem Hochwasser die Deiche, ertranken rund 3600 Menschen. Dafür müssen nun aber zahllose Menschen ihre Heimat verlassen, verschwinden Sehenswürdigkeiten, drohen Umweltschäden. Nicht wenige Chinesen sorgen sich auch um die Sicherheit des Bauwerks, obwohl es nicht im Erdbebengebiet liegt. Was passiert wohl, fragt ein Mann eingedenk des Zweiten Weltkriegs, "wenn die Japaner wieder anfangen, China zu bombardieren?"


Herbert Winkler, gms


Informationen

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