Colorado Labyrinth am Felshang
Bloß nicht stecken bleiben! Mehr als drei Meter lang und nur etwa einen halben Meter breit ist der Tunnel zum "Balcony House". Diesen harmlosen Namen trägt das abenteuerlichste Klippenhaus im Mesa Verde Nationalpark im US-Bundesstaat Colorado, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert.
An einen Schwindel erregenden Felsvorsprung hoch über dem Soda Canyon klammert sich die Alkovensiedlung Mesa Verde. Wie der Filmheld Indiana Jones fühlen sich Besucher beim Abstieg an den Klippen. Nackthalsige Geier kreisen lauernd, bröckelnde Steine poltern in die Tiefe, während es im Gänsemarsch - mit einem Parkranger als Aufpasser voran - über eine unebene Steintreppe bergab geht.
Wieder hinauf soll man dann über eine zehn Meter hohe Holzleiter klettern, die zwischen Himmel und Erde zu hängen scheint. Vorher muss man sich aber erfolgreich auf allen Vieren durch den Tunnel zwängen. Bisher sei noch keiner auf der Strecke geblieben, behauptet Ranger Jim Miller. Es fragt sich allerdings, warum auf der Aussichtsterrasse vor dem Besucherzentrum, wo es die limitierten Eintrittskarten für die Führung zu kaufen gibt, eine rechteckige Holzkiste mit offenen Kopfseiten zu Simulationszwecken steht. Vielleicht hätte man doch lieber einmal "zur Probe kriechen" sollen?
Stufe um Stufe in die Vergangenheit
Die Anasazi-Indianer lebten einst auf kleinem Fuß. Vor rund 800 Jahren kraxelten die Erbauer der berühmten Felsnischenhäuser diesen steilen Abhang herab. Raue Kerben als primitive Fußtritte hauten sie in den Stein, die mancherorts noch zu sehen sind. Moderne Wanderschuhe passen in die Handteller-großen Mulden kaum hinein. Darum hat sich die Parkleitung erbarmt und Steiltreppen sowie robuste Holzleitern installiert. Stufe um Stufe klettern Besucher zurück in die Vergangenheit, in eine Zeit, in der Marco Polo nach China reiste, die Kreuzzüge endeten, Dschingis Khan in Zentralasien regierte und die Menschen von Mesa Verde Hunderte von "Honigwabenhäusern" aus orange-rosa Sandstein, darunter das "Balcony House" in den Fels mauerten.
Vielleicht kann man sich das Mittelalter nirgends besser ausmalen: Abgesehen von einer Hand voll Straßen und wenigen Gebäuden hat sich hier landschaftlich nicht viel verändert. Mesa Verde bedeutet auf Spanisch "Grüner Tisch". Der mit knorrigen Kiefern bewachsene Tafelberg wird von einem wilden Zickzack tiefer Flussschluchten durchschnitten.
Mit etwas Phantasie kann man sich gut vorstellen, wie sich vor 1400 Jahren halbnomadische Stämme auf diesem Hochplateau niederließen. Als Ackerbauern wurden sie bald sesshaft und errichteten Erdgrubenhütten, deren Überreste noch an der "Ruin Road" genannten Straßenschleife zu erkunden sind. Ab dem Jahr 750 errichteten die Anasazi ihre Behausungen meist oberirdisch und in der praktischen Reihenhausmethode: Je nach Bedarf wurde an die bestehenden Räume immer weiter angebaut - erst einstöckig, später mehrstöckig. "Pueblo" (Spanisch für "Dorf") nennt sich diese Kompaktbauweise. Ein ganzes Örtchen konnte in einem einzigen verschachtelten Gebilde aus luftgetrockneten Lehmziegeln mit mehr als 50 Zimmern zu Hause sein.
220-Zimmer-Komplex im Fels
Mehrere Tausend Menschen lebten um das Jahr 1100 auf dem Tafelberg - zu viele für die Ressourcen in dieser harschen Halbwüste, spekulieren Archäologen. Vielleicht gab es deshalb Konflikte, vielleicht boten die Felsnischen auch nur einen besseren Schutz vor der Witterung. Bald war jedenfalls ganz Mesa Verde unter den Klippenrand abgetaucht und drängelte sich in Hunderten von Klippenhäusern. Das "Balcony House" mit seinem Tunnel und der 220-Zimmer-Komplex "Cliff Palace", die Primadonnen unter den insgesamt mehr als 4000 archäologischen Stätten im heutigen Nationalpark, wurden im späten 13. Jahrhundert fertig gestellt.
Doch bereits um das Jahr 1300 waren die Alkovensiedlungen wieder wie ausgestorben. Als Cowboys die verlassenen Ruinen um 1880 für die westliche Welt entdeckten, lebten die Nachfahren der ehemaligen Bewohner längst verstreut dort, wo die US-Bundesstaaten Colorado, New Mexico, Arizona und Utah aufeinander treffen. Keiner weiß genau, warum die Einwohner ihr Zuhause verlassen haben. Mutmaßungen kreisen um Dürre und Missernten, Kriege und spirituelle Gründe.
Mesa Verde ist der bisher einzige Nationalpark in den USA, in dem kein Naturwunder, sondern menschliches Kulturerbe geschützt ist. Im Jahr des 100-jährigen Nationalpark-Bestehens werden in der Unesco-Welterbe-Stätte Felsnischensiedlungen geöffnet, die noch nie oder seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich zugänglich waren - etwa das "Oak Tree House", das weder neu aufgebaut noch ausgefegt wurde und darum viel authentischer erscheint als die Besuchermagneten. Hier findet man noch Alltagsspuren wie rauchschwarze Innenwände, bemalte Tonscherben und durch das trockene Klima konservierte Maiskolben.
Auf dem Rückweg zum Besucherzentrum zeigt sich schließlich, dass es tatsächlich - wie angekündigt - alle Touristen durch den schmalen "Balcony House"-Tunnel geschafft haben. "Siehst Du, keiner ist stecken geblieben", freut sich Ranger Jim Miller und verrät seine Strategie: Risikokandidaten mit Kugelbauch sortiert er vorher immer aus.
Heike Schmidt, gms