Daytona: Good Morning, America - DER SPIEGEL
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Daytona Good Morning, America

Die "Bike Week" könnte man fast als Mekka für die Langgabelfans bezeichnen. In diesem Jahr werden vom 3. bis 11. März wieder über eine halbe Millionen Besucher am Daytona Beach Florida erwartet.
Von Winni Scheibe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jahr für Jahr wird ausführlich über das wohl weltgrößte Motorrad-Meeting, die Bike Week in Daytona Beach, berichtet. Wichtig sind vor allen Dingen die Fotos. Es werden tolle Chopper, irre Custom-Bikes, beinharte Typen und immer wieder fast nackte Frauen abgedruckt.

Das vermittelt Lebensfreude, Ausgelassenheit, Unabhängigkeit, Emanzipation und Freiheit, kurz das ist der berühmte "American way of life". Erlaubt scheint alles, man ist ja schließlich "im Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Nichts ist unmöglich, und wen juckt da schon TÜV, "Laut ist Out" oder gar "Helmpflicht". Ein "mini" Halbschalenhelm, kaum größer als ein Bruchteil einer Kokosnuss, hat zu genügen, und mit "Sicherheitskleidung" braucht denen erst gar keiner zu kommen. Welch echter Biker möchte da nicht sofort auswandern: "Born to be wild"!

Auch die Daytonianer mischen kräftig mit. Überall werden Transparente und Plakate mit "Daytona Beach Welcomes Bikers" aufgehangen. An allen Ecke und Enden, in Tankstellen, Fastfood-Läden, selbst in den Nobelrestaurants gibt es T-Shirts mit den Aufdrucken "Bike Week 2001" zu kaufen. Ganz Clevere bieten sogar die Rasenflächen rund um ihr Haus als Parkplatz an: Bikes kosten fünf Dollar, Cars 10 Dollar. Bike Week bedeutet Big Business. In der Main Street werden für eine Woche die Souvenirläden an clevere Händler vermietet. Alles was der echte Biker auf der Haut trägt oder tragen sollte, ist hier zu haben. Das große Geschäft sind T-Shirts, das Tragen fast schon eine Pflicht. Wer keines anhat, outet sich als schnöder Tourist oder einer, der keine Ahnung hat.

Jeder, der in Amerika eine Harley besitzt, kommt, tuckert mindestens zehnmal pro Tag die Main Street rauf und runter. So scheint es jedenfalls. Sehen und gesehen werden, das ist es. Alle Milwaukee Stahlrösser sind gewienert, blinken und glitzern: besonders das Zubehör, denn kein Bike ist serienmäßig, Costumizing heißt das Zauberwort. Die Bikes sind grell und megalaut.

Genauso wichtig ist aber auch das Biker-Outfit. Man putzt sich mächtig raus, manche Sachen sind so neu, dass man das Preisschild noch erkennen kann. Beneidenswert der, der eine attraktive Sozia hocken hat. Dann gucken die andern um so mehr. Die Main Street ist der Mittelpunkt, das Herz von der Bike Week. Hier herrscht Halligalli von morgens bis spät in die Nacht. Aus den Bars dröhnt Rock-Musik, selbstverständlich live und fast pausenlos.

Ähnlich viel los ist auch in der North Beach Street bei der Harley-Davidson Vertretung von Daytona. Von der Main Street bis hierhin ist es nur ein Katzensprung. Auf einer gigantischen Biker-Meile zeigen alle namhaften US-Customizer, was man aus einer "biederen" Harley-Davidson für viel Geld alles machen kann. Das Angebot ist überwältigend. Ideen, Kreativität und Qualität können überzeugen. Es geht zu wie auf einem Jahrmarkt.

Man könnte es allerdings auch anders nennen: Es ist wie in Hollywood, Disneyland und Kennedy Space Center - und das alles auf einmal. Hier werden Prospekte gesammelt, Informationen eingeholt, Teile gekauft, Verträge unterschrieben; es wird geknipst und gefilmt, einer den andern und jeder jeden. Schließlich muss man zu Hause ja zeigen, was alles so los war. Glauben würde es sonst eh keiner - es ist eben alles "Hollywood".