Denver: Willkommen im "Milden Westen" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Denver Willkommen im "Milden Westen"

Cowboys finden sich in Denver höchstens noch in ihrer großstädtischen Form: Die Einwohner der Hauptstadt des US-Staates Colorado gelten als Outdoor-Fanatiker. Entsprechend vielfältig sind die Möglichkeiten, die sich Denver-Touristen bieten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Denver - Einem verbreiteten Irrtum zufolge liegt Denver in den Bergen. Das Gegenteil ist der Fall: Colorados Hauptstadt ist eine der flachsten Metropolen der USA. Das einzige, was in Denver in die Höhe strebt, sind Wolkenkratzer und im Minutentakt Flugzeuge am neuen Denver International Airport, einem der geschäftigsten und schönsten Flughäfen der Welt.

Doch die Berge sind nicht weit. Nach einer halben Stunde Autofahrt gen Westen erreichen Urlauber die Foothills der Rocky Mountains. Selbst in Denver fällt der Blick von fast jeder Straßenecke auf die schneebedeckten Gipfel. Darüber erstreckt sich ein endlos scheinender blauer Himmel - jedenfalls an mehr als 300 Tagen im Jahr, wenn die Wetterstatistik nicht trügt.

Die weißen Berge und das blitzende Blau müssen es gewesen sein, die den Dichter Dabney Otis Collins einst jubilieren ließen: "Jedesmal, wenn ich durch Denver spaziere, meine ich, eine Blaskapelle zu hören." Ein seltsames Kompliment, aber es trifft die Wirkung der Stadt.

Zu Denver ist einem lange Zeit nichts anderes eingefallen als der gleichnamige Fernseh-Clan. Heute hat sich die Zwei-Millionen-Stadt zu einem der attraktivsten Orte Amerikas entwickelt. Willkommen im "Milden Westen": Die Lebens- und Freizeitqualität ist überdurchschnittlich hoch, das Wetter fantastisch. Zudem kann die Stadt mit zwei ungewöhnlichen Rekorden prahlen: Hier lebt angeblich die gebildetste und die schlankste Bevölkerung in den USA.

Letzteres kann dadurch erklärt werden, dass die Einwohner Outdoor-Fanatiker sind. Sport wird groß geschrieben: Wandern, Laufen, Inline-Skating, Mountainbiking, Golfen und mindestens sechs Monate im Jahr Skifahren in den Rockys.

Bei so viel Liebe zur frischen Luft wundert es den Besucher nicht, dass er mitten in der Stadt auf eine imposante Fußgängerzone stößt: Die von Bäumen, Springbrunnen und Skulpturen gesäumte 16th Street Mall lädt auf einer Meile Länge zum Einkaufen und Bummeln ein.

"Mile High City" wird die Hauptstadt Colorados auch genannt: Die 15. Treppenstufe am Westeingang des State Capitol, dem Parlamentssitz, liegt exakt eine Meile über dem Meeresspiegel. Der Neuankömmling merkt die Höhe, die Luft ist spürbar dünner. Ein guter Sonnenschutz ist wichtig bei den ersten Spaziergängen durch die Stadt.

Wer in Denver Station macht, etwa auf der Durchreise in die Berge, sollte seine Erkundungstour am State Capitol beginnen. Von seiner mit 24-karätigem Gold bedeckten Kuppel aus bietet sich ein großartiger Blick auf die Rocky Mountains.

Unter der Woche werden kostenlose Führungen durch das 1886 errichtete Gebäude angeboten. Die Wandverkleidungen bestehen aus kostbarem Colorado-Onyx - die gesamten weltweiten Vorräte des seltenen, rosafarbenen Quarzgesteins sind dafür verbraucht worden.

Drei Straßenblocks östlich vom State Capitol erinnert das Molly Brown House an der Pennsylvania Street (montags geschlossen) an eine der schillerndsten Personen aus der Zeit des Goldrausches. Schon vorher als "Party-Girl" stadtbekannt, übernahm Molly Brown an Bord des sinkenden Ozeanriesen "Titanic" das Kommando in einem der Rettungsboote. Ein beliebtes Musical - "The Unsinkable Molly Brown" - ehrt die Heldentat der couragierten Lady.

Zurück Richtung Stadtzentrum lässt sich an der 13th Avenue im Colorado History Museum (täglich geöffnet) die Geschichte der Indianer, Pioniere, Cowboys und Goldsucher ergründen. Denver hat viele Museen - dieses ist ein Muss.

Zehn Fußminuten weiter an der Colfax Avenue befindet sich die U.S. Mint, eine von vier Münzprägeanstalten der USA. 40 Millionen Münzen am Tag werden in dem Granitbunker, der einem florentinischen Palazzo nachempfunden ist, geprägt. Außerdem lagern hier die meisten Goldbarren außerhalb von Fort Knox. Wochentags kann das Gebäude kostenlos besichtigt werden.

Zurück auf der Mall stößt der Besucher auf den steil aufragenden D & F Tower, der ebenfalls einem italienischen Vorbild, dem Campanile von Venedig, nachempfunden ist. Der knapp 100 Meter hohe Glockenturm war bei seinem Bau 1910 das höchste Gebäude westlich des Mississippi.

Am Larimer Square beginnt der älteste Teil der Stadt: Lower Downtown, von den Einheimischen kurz "LoDo" genannt. In den achtziger Jahren zum Slum verkommen, hat sich der Stadtteil zum schicken Vergnügungsviertel gemausert. In viktorianische Stadthäuser und alte Lagergebäude sind Gaststätten, Geschäfte und Kunstgalerien gezogen. Brauereien bieten einheimische Biere und Büffelsteaks an, Gäste betreten die Lokale schon einmal mit Cowboyhut. Nur Pferde werden nicht mehr an die Eingangstüren gebunden.

Frank Rumpf