"Der Mensch und die Weltmeere": Neuer Bildband von Yann Arthus-Betrand - DER SPIEGEL
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Bildband von Yann Arthus-Bertrand: Leben in der Cola-Dose

Foto: Yann Arthus-Bertrand / Altitude-Paris

Neuer Bildband Das Elend von oben

Blau. Tiefblau. Azur. Gähn. Ein Bildband über die Weltmeere könnte eine ziemlich eintönige Fotobibel sein. Doch dem Vielflieger Yann Arthus-Bertrand ist ein Werk gelungen, das die schillerndsten Seiten der Ozeane zeigt - und zugleich ihr Verderben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Fotografien von Yann Arthus-Bertrand erlauben dem Betrachter, mehr zu entdecken, als er jemals gehofft hätte - und mehr als gefürchtet. Denn sie zeigen die Welt aus der Vogelperspektive. Sein Bildband "Die Erde von oben" (1999) veranschaulichte nicht nur die Schönheit eines herzförmigen Atolls. Das Buch richtete den Blick auch auf Brasiliens Favelas, einen Flugzeug-Friedhof in den USA und nackte Touristen beim Sonnenbaden auf Fuerteventura.

Nun ist der 67-jährige Franzose mit seiner Kamera wieder in den Helikopter gestiegen - und kümmerte sich diesmal nur um die Ozeane. 200 Aufnahmen schafften es in den großformatigen Band "Der Mensch und die Weltmeere" (Knesebeck), der Bilderbuch und Umweltschutzpamphlet zugleich ist.

In einem Dutzend Interviews äußern sich Ozeanologen und Ökologen zu Themen wie Fischfang, Artenvielfalt und den Auswirkung der Schifffahrt auf die Natur. Die Fotos zeigen weit mehr als nur blaue Wassermassen und grün schimmernde Lagunen. Sie dokumentieren Meere als Lebensräume. Zeigen, wo der Mensch ein freundlicher, wo ein rücksichtsloser Mitbewohner ist.

Dabei entstehen eindrucksvolle Kontraste. Ein Bild zeigt einen Salzsee in Australien, der durch Millionen Mikroalgen blutrot gefärbt ist - ein natürlicher Prozess. Die nächste Seite zeigt das grausige Werk von Robbenfängern in Kanada: Das Blut von Dutzenden getöteten Tieren sickert in die weiße Eisdecke im Sankt-Lorenz-Golf.

Auf einem anderen Foto ist das Raja-Ampat-Archipel zu sehen, eine der artenreichsten Meeresregionen der Welt. Man sieht nichts als grün bewachsene Hügel, die aus aquamarinfarbenem Wasser ragen. Hier, zwischen dem Indischen und dem Pazifischen Ozean, schwimmen Haie, Rochen, Grüne Meeresschildkröten. "Die Entfernung - von Jakarta aus über sechs Stunden Flug und dann noch eine Strecke mit dem Boot - bewahrt dieses Archipel zum Teil vor dem Zustrom der Touristen", heißt es in dem Begleittext.

Wie es laufen kann, wenn Urlauber die Natur überrennen, zeigt ein Foto aus Brasilien. Darauf zu sehen ist der Strand von Ipanema. Besser gesagt: Darauf zu sehen sind unzählige Menschen unter unzähligen roten und gelben Sonnenschirmen, die den Strand von Ipanema verdecken.

Leben in der Cola-Dose

Die Bilder von Arthus-Bertrand zeigen, wie sich der Mensch am Meer bedient: Wie Sizilianer Roten Thunfisch per Enterhaken aus dem Wasser zerren und bei einer sogenannten Mattanza abschlachten. Wie Eisberge an Grönlands Küste schmelzen - als Folge der Klimaerwärmung. Wie Algenfarmen das Meer vor Südkorea bedecken. Sie zeigen dem Sushi-Fan, woher das Zeug kommt, mit dem sein roher Fisch eingewickelt wird.

"Wie verdeutlicht man die Schönheit der Ozeane, ihre Vielfalt, ihren Nutzen, aber auch die Bedrohung der Weltmeere und Lösungen dafür?", fragt Yann Arthus-Bertrand in seinem Vorwort. "Wie schafft man ein Buch, das nicht nur Wale und Korallen zeigt, sondern das die Meere in einen Zusammenhang mit dem Festland und unserer Industriegesellschaft stellt?"

Seine Antwort: Indem man nicht nur die pure Schönheit, sondern auch den ganzen Schrecken dokumentiert. Indem man die Meere nicht nur von oben fotografiert, sondern sie auch von unten ablichtet. Diesen Job übernahm der amerikanische Unterwasserfotograf Brian Skerry.

Der globale Abfalleimer

Er entdeckte vor der japanischen Halbinsel Honshu einen Zitronengrundel, der aus einer verrosteten Getränkedose guckt. Der gelbe Fisch nutzt den ins Meer geworfenen Müll als Unterschlupf. "Man sieht am Grund zahlreiche Abfälle, die nach und nach von der Flora und Fauna des Meeres besiedelt werden - von der Dose bis zum Schiffswrack", schreibt Skerry.

"Jedes Jahr werden 6,5 Milliarden Kilogramm Plastikmüll in die Meere geschüttet", heißt es in dem Kapitel "Unsere Meere als globaler Abfalleimer". Sie entsprächen einem "'Plastikkontinent', der fünfmal so groß wie Frankreich ist" und das Überleben der Meerestiere gefährde.

"Wir fügen unseren Ozeanen seit Generationen schlimmen Schaden zu", schreibt Skerry. "Aber wir können uns freuen: Es ist noch nicht zu spät." Er fordert bessere Erhaltungsmaßnahmen für die Meere und sagt: "Es ist an der Zeit, dass wir schützen, was wir lieben."