Deutsche in Namibia Königsberger Klopse am Wüstenrand
Windhuk - Der Lastwagen mit lärmenden Schulkindern auf der Ladefläche lässt eine Staubwolke hinter sich. Eine Gruppe Paviane hüpft blitzschnell über die breite Sandpiste. Uwe Schulze Neuhoff muss nicht bremsen. Der Ingenieur aus Nordrhein-Westfalen, der heute in Namibia zwischen Wüste und Naukluft-Massiv eine Farm so groß wie die Fläche von München hat, sagt: "Die Affen sind flink und intelligent. Denen passiert nichts."
Warzenschwein, Oryx, Kudu und andere Antilopen rennen eher mal ins Auto. Touristen sollten deshalb sehr vorsichtig fahren, vor allen Dingen nachts. Der Deutsche ist ein besonders versierter Pisten- und Wüstenlenker. Deshalb gehören zu seinen Fahrschülern auch Mitarbeiter der Deutschen Botschaft im vier Autostunden entfernten Windhuk. Geübt wird auf schwierigen Strecken der riesigen Ranch.
Auf der Veranda der "Ababis"-Farm wird Abendessen serviert. Mehr als ein Dutzend Urlauber aus Deutschland, der Schweiz und Südafrika sitzen an dem langen Tisch. Gastgeber Uwe und Ehefrau Kathrin, die aus dem Raum Dortmund stammen, gesellen sich dazu. Köchin Hulda vom sprachbegabten Volk der Nama hat Kürbissuppe, Königsberger Klopse vom Kudu und Feigen zubereitet. Sie spricht gut Deutsch. "Das habe ich gern gelernt, einfach so, war nicht schwer", sagt sie und lächelt.
Streit um eine Jungantilope
Die Kinder spielen draußen. Nun drängeln sie. Alle wollen dem Springböckchen Susi den Nuckel mit der Milchflasche ins Maul schieben. "Immer langsam", sagt die Ehefrau des Farmers. Dann erzählt sie von dem possierlichen Tier, das sich auch mit den beiden stämmigen Haushunden angefreundet hat. "Wir fanden Susi kraftlos an einem unserer Zäune." Die kleine Antilope wurde ohne leibliche Mutter groß, ist inzwischen ausgewachsen und guter Dinge.
Zahlreiche Deutsche haben in den vergangenen Jahren in Namibia eine neue Heimat gefunden. Sie folgten ihren Landsleuten, die sich vor hundert und mehr Jahren zu Kaisers Zeiten in der Region niederließen, als diese noch Kolonie war und Deutsch-Südwestafrika hieß. Danach stand die Region unter der Verwaltung des Nachbarn Südafrika, bevor Namibia 1990 unabhängig wurde.
Urlaub auf einer Touristenranch oder Jagdfarm im Lande wird immer beliebter, auch die ZDF-Doku-Soap "Unsere Farm in Afrika" dürfte das Interesse verstärkt haben. Die Mischung aus Entspannung, Einsamkeit ohne Entbehrung sowie Abenteuer abseits großer Nationalparks und Luxus-Camps hat ihre besonderen Reize. Fast jeder Viehfarmer in Namibia hat inzwischen den Fremdenverkehr als zweites Standbein entdeckt. Viele Gäste faulenzen zwischen Palmen und blühendem Hibiskus am Swimmingpool. Ausritte, Wanderungen zu Höhlen, Tierpirsch und Wüstenfahrten gehören zu den Aktivitäten.
"Namibia ist ideal für Afrika-Einsteiger", sagt Ernst Sauber, ein Nachbar der Schulze Neuhoffs. "Das Land ist stabil und relativ sicher. Straßen, Hotels und Lodges sind für afrikanische Verhältnisse gut, Landschaften und Tierwelt vielfältig und attraktiv." Der Chef der 40 Kilometer entfernten Nachbarfarm "BüllsPort" lebt hier in dritter Generation. Sein Großvater stammt aus Schleswig-Holstein.
Viel Platz für Naturfreunde
"BüllsPort" ist eine der ältesten Farmen in Namibia und besonders bei Wanderern und Reitern beliebt. Namibia hatte in den vergangenen Jahren einen kräftigen Touristenzuwachs. Aber es gibt noch reichlich Platz. Das Land ist mehr als zweimal so groß wie Deutschland, hat aber nur gut zwei Millionen Einwohner.
Sauber ist Hauptinitiator einer kleinen Farmergruppe am Naukluft, die nachhaltigen Tourismus fördert und Einheimische ausbildet, zum Beispiel als Berg- und Naturführer. "Naukluft Experience" heißt die Initiative, in der auch Familie Schulze Neuhoff engagiert ist. Auf Nabasib, wo die Kinder zur Schule gehen, ist vor wenigen Wochen eine Solaranlage installiert worden. Schüler der Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg haben dafür Geld gesammelt. Durch die Solaranlage kann die Schule nun auch die gespendeten Computer benutzen.
Gut zwei Autostunden sind es von Ababis bis zur nächsten Asphaltstraße, insgesamt drei nach Swakopmund am Atlantik. Mancher Farmer donnert mit Tempo 130 auf geraden Abschnitten über die breite Sandpiste. Wer langsam fährt, kann besser Oryx, Kudu, Schakal und Großtrappe beobachten. Am Berghang sind ein paar gestreifte Flecken zu sehen: Bergzebras, wie der Blick durchs Fernglas zeigt.
Trotz eher karger Landschaft ist die Fauna recht üppig im zentralen Namibia - weit entfernt vom Estosha Park im Norden, der zu den tierreichsten Afrikas zählt. Weit und breit kein anderes Fahrzeug im Sand, aber ein einsames Straßenschild mahnt: Höchstgeschwindigkeit 100!
Deutsche Gemütlichkeit in Swakopmund
Wer für ein paar Tage Zeugnisse deutsch-afrikanischer Geschichte erleben will und dazu echt deutsche Gemütlichkeit, der ist im nahen Swakopmund gut aufgehoben. Die Stadt hat heute etwa 40.000 Einwohner und war früher wichtiger Hafen für Einwanderer aus Deutschland und die Kolonialverwaltung. Die See ist rau, der Wind peitscht Wellen und Gischt. Saubere Straßen und schmucke Häuser, viele im Kolonialstil, prägen den Stadtkern. Die Wüste beginnt am Stadtrand.
Bratwurst, Geräuchertes und Sauerkraut munden Einheimischen und Touristen in der "Swakopmunder Fleischerei" des deutsch-namibischen Paares Katja und Gero Düvel. Die beiden Metzgermeister sprechen mit ihren Kunden Afrikaans, Englisch und Deutsch. Sie stammt aus Meerane in Sachsen und hat ihren Gero in Bayern kennengelernt. Der hat deutsche Wurzeln, ist auf der elterlichen Farm bei Windhuk aufgewachsen und hat auch schon in Düsseldorf gearbeitet.
Der Laden liegt in guter Nachbarschaft im historischen Zentrum der Stadt. In der Nähe finden sich die "Adler Apotheke", der "Supermarket Ankerplatz" und das Haus "Stadtmitte" in schmuck renovierten Gebäuden. Im nahen "Swakopmund Brauhaus" munden Fassbier und Kräuterlikör.
Die Kudu- und Rindersteaks sind saftig und groß. In der Bacchus-Taverne diskutieren Wirt Thomas Welte aus Villingen und Dr. Moisel aus Zittau, Arzt und engagiertes Mitglied im Swakopmunder Männergesangverein, warum es in Deutschland so stressig und hektisch ist. Beide sind recht stolz auf ihre neue Heimat. Namibia mit gemäßigtem Klima und frei von Naturkatastrophen gehört zu den politisch stabilsten Ländern in Afrika. "Aus Urlaubern werden Einwanderer", sagt der Wirt lächelnd zu einem Gast aus Berlin.
Wer der Isolation durch das Vertraute entfliehen und Bars und Kneipen erkunden will, in denen die Ärmeren trinken und palavern, muss an den Rand der Stadt in die Slums, am besten mit einem Führer wie Raymond Inichab. Der Chef von Hata Angu Cultural Tours spaziert mit Gästen aller Hautfarben und Nationen durch die Vorstadt Mondesa, besucht Kindergarten, Nama-Medizinmann, Hütten und Häuschen von Herero, Damara und Ovambo und auch eine schlichte Kneipe. Die Kommune bemüht sich um öffentliche Toiletten, Straßen und Schulen.
Die Touristenbesuche sind behutsam organisiert, unter Mitsprache der Bewohner. Raymond sagt: "Wer seinen Mund öffnet, auch von sich erzählt, der ist hier willkommen, kann auch problemlos fotografieren und filmen."
Berühmtes Kudu-Baby Kambi
Gut drei Autostunden sind es von hier nach Windhuk. Wer immer noch nicht genug von der Natur hat, übernachtet auf der "Gästefarm Elisenheim" mit Herbergszimmern und Campingplatz etwas außerhalb. Ein Kudu-Weibchen stolzierte früher durch die große Tür ins rustikale Restaurant mit Bar und stupste manchmal den einen oder anderen Gast vorsichtig an die Schulter.
"Wir hatten das Kudu-Baby mit der Flasche aufzogen", erzählt Ziehvater Andreas Werner. Als Kudu Kambi eigenen Nachwuchs bekam, machte das vor gut einem Jahr sogar im Internet bei Namibia-Fans Schlagzeilen. Andreas Werner und Ehefrau Christina sind in Namibia geboren. Sein Vater stammt aus Hamburg, sie hat preußisch-bayerische Wurzeln. Das Paar ist seit 1983 auf der Farm und hat sie für Gäste ausgebaut.
Blickfang sind riesige Eukalyptusbäume, die durch das Restaurantdach ragen. Steinböcke, Warzenschweine und Paviane begegnen "Elisenheim"-Gästen bei Spaziergängen und Farmfahrten, und meist auch Kudu-Antilopen. Kudu-Dame Kambi, die viele Jahre zwischen Farm, "Restaurantbesuch" und Ausflug in die Wildnis pendelte, ist unlängst leider gestorben.
Deutlich nobler geht es in der Innenstadt zu. Sehen und gesehen werden ist wichtig im "Nice" an der Mozartstraße, wo junge Aufsteiger und die jung gebliebene Elite des Landes an Sekt und Rotwein nippen oder ein Oryxsteak genießen. Zum modernen Restaurant mit Bar gehört auch eine Fachschule für feine Küche, in der junge Namibier ausgebildet werden.
"Das Land braucht mehr eigene Leute in gehobenen Positionen", sagt Stephan Brückner, dessen Großeltern aus Deutschland eingewandert sind. Dann zeigt der 43-jährige Manager, der auch in Berlin studiert hat, auf die vollen Plätze im Raum der Bar und meint: "Es gibt auch immer mehr Schwarze mit Geld. Das ist sehr gut für die Zukunft Namibias."