Die besten Tauchziele Haie hautnah
Seit zwei Stunden dümpelt das kleine Boot vor der südafrikanischen Gaansbai. Die meisten der an Bord wartenden Taucher haben ihren Mageninhalt bereits über die Bordwand entleert, denn es stinkt elendig nach Fisch und die hohe Dünung schlägt aufs Gemüt. Der Fischgeruch kommt aus einer großen Tonne an Deck, deren Inhalt vom Skipper portionsweise im Meer entsorgt wird: Lockstoffe für den König. Die Warterei zerrt an den Nerven, es ist heiß, fast windstill. Dann kommt der Hai.
Der König der Meere ist nicht putzig. Nicht nett. Nicht freundlich. Sein grimmiger Ausdruck hat in Verbindung mit einigen Hollywood-Produktionen dazu geführt, dass der Ausruf "Hai!" immer noch eine der schnellsten Möglichkeiten ist, eine Bucht mit Badenden menschenleer zu bekommen. Doch die Taucher an Bord verhalten sich anders, sie wollen ins Meer.
Sobald die charakteristische Rückenflosse das Wasser durchschneidet, lassen sie sich in einen Käfig gleiten, um den Weißen Hai aus nächster Nähe zu sehen. Sie beobachten ein Tier, das sich vollkommen anders verhält als in den Filmen: Der Hai bewegt sich langsam, vorsichtig, fast bedächtig, auch als er mit aufgerissenem Maul in den Köder beißt. Kann man einen Biss fast zärtlich nennen?
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch sind die Taucher in den Käfig gestiegen, jubelnd kommen sie wieder heraus: Spätestens ab heute sind sie "haisüchtig", hat sich ihre Reise um den halben Globus in die Gegend zwischen Port Elizabeth und Kapstadt gelohnt.
2000 Tauchgänge ohne Haibiss
Vor der Kulisse des mächtigen Tafelberges treffen Atlantik und Indischer Ozean aufeinander, prügelt die Brandung auf das Kap der Guten Hoffnung ein. Wale und Delfine ziehen die Küste entlang, und auf den vorgelagerten Inseln tummeln sich unzählige Robben: die Lieblingsspeise des Großen Weißen. Wer nach Südafrika kommt, will sich nicht an farbenprächtigen Korallen erfreuen - wer hier taucht, will Haie sehen. Je mehr und je größer, desto besser.
Einer der profundesten Kenner der Szene ist Roland Mauz, der seit 20 Jahren mit seiner Firma "African Dive Adventures" Tauchgänge mit Haien anbietet. Der 50-Jährige hat seinen Sitz in Margate, einem kleinen Ort unweit von Durban. Von dort aus startet Mauz zu den "Protea Banks". Hier gibt es ordentlich Strömung, Sichtweiten meist unter 15 Metern und Wassertemperaturen zwischen 18 und 23 Grad Celsius - ideale Bedingungen für Haibegegnungen. "Je nach Jahreszeit haben wir hier Schulen von Hammerhaien mit über hundert Tieren, dazu Sandtiger- und Bullenhaie, die in Südafrika 'Zambesi Sharks' genannt werden", erzählt Mauz.
Über 2000 Tauchgänge hat er bereits mit Haien durchgeführt, alle, ohne dabei jemals gebissen zu werden. "Es ist ein grandioses Erlebnis, mit diesen wilden, potentiell gefährlichen Tieren oft hautnah zu interagieren und in deren Mitte akzeptiert zu werden." Eine Faszination, die auch in anderen Teilen der Welt immer mehr Taucher in ihren Bann zieht.
Sudan: Zur "Mutter der Haie"
Das Rote Meer gilt als eines der Lieblingsziele deutscher Tauchtouristen. Ägyptische Tauchplätze wie die Brother Islands oder das Deadalus Riff bieten fast schon eine Garantie auf Haibegegnungen und werden nur noch übertroffen von der Population in sudanesischen Gewässern. Fernab des nächsten Hafens liegt hier das Angarosh Riff, eine aus 700 Metern Tiefe aufragende Säule, die sich lediglich im Rahmen von ein- bis zweiwöchigen Tauchkreuzfahrten erreichen lässt. Angarosh heißt übersetzt "Mutter der Haie". Nomen est omen.
Die Strömung treibt die Tauchgruppen an ausladenden Gorgonien vorbei. Weich- und Hartkorallen leuchten in Rot, Gelb und Blau und lassen kaum einen Stein unbefleckt. Häufig durchstreifen Mantas das Freiwasser, immer auf der Suche nach Plankton. Doch auch sie sind nur Staffage für die Hauptdarsteller am Riff: Über den Plateaus kreisen mehrere Dutzend Bogenstirn-Hammerhaie, den Kopf parallel zu den Flossenschlägen hin- und herschwenkend.
Für Taucher scheinen sie sich kaum zu interessieren und verhalten sich eher schüchtern. Sobald man sich ihnen zu aufdringlich nähert, drehen sie ab und suchen das Weite. Ganz anders die zahlreichen Silberspitzenhaie: eine neugierige Art, bis zu drei Meter lang, die den Tauchern oftmals recht nahe kommt. Bei diesem Schauspiel bleibt für die zahlreichen kleinen und hektisch wirkenden Weißspitzen-Riffhaie kaum noch ein Blick übrig; erfahrene Taucher bezeichnen sie gar leicht spöttelnd als "Riffdackel".
Die Zeit, wo man sich auch im Sudan über das Einzelexemplar einer kleineren Gattung freut, scheint jedoch nicht mehr fern zu sein. Im Gegensatz zu Ägypten, das Haie mittlerweile unter Schutz gestellt hat, wird im Sudan noch gefischt, was zu bekommen ist. Dementsprechend geht der Bestand rapide nach unten. Es sind die Flossen, auf die es die Fischer abgesehen haben. Ihnen bringen sie nur eine Handvoll Dollar, auf asiatischen Märkten dagegen wird getrocknete Haifischflosse mit bis zu 600 Dollar pro Kilogramm gehandelt. Ein Problem, welches nicht nur den Sudan betrifft: Weltweit werden geschätzt rund 200 Millionen Haie pro Jahr getötet. Mit der geringen Geburtenrate der Raubfische ist diese Quote unmöglich auszugleichen.
"Manche Taucher haben den Respekt verloren"
Glaubt man den Überschriften mancher Boulevardzeitung, müssen Haie ähnlich blutrünstig sein wie Attila, der Hunnenkönig. Für einen Großteil der Menschen bleibt der Hai das Synonym für Bestie. Einer der wenigen, die ihn verstehen, ist Gerhard Wegner. Der Präsident der Haischutzorganisation Sharkproject setzt sich seit acht Jahren mit Kampagnen für den weltweiten Schutz von Haien ein und will mit Aufklärung die Sichtweise seiner Mitmenschen verändern.
Wenn Wegner von Haien spricht, fehlt seiner Stimme die Euphorie, die vielen Tauchern bei dem Thema eigen ist. Er klingt leise, sachlich, fast nachdenklich: "Außer bei den Tauchern haben Haie kaum eine Lobby. Der Mensch schützt nur, was er nicht fürchtet - insofern kann ich Tauchgänge mit Haien nur begrüßen. Was mich aber stört, das ist die Umkehrung der Vorurteile: Manche Taucher haben den Respekt verloren und vollkommen vergessen, dass es sich um große Raubtiere handelt, die nicht zum Spielen geeignet sind. Diesen Tauchern kann ich nur sagen: Hütet euch vor großen Zähnen!"
Auswertungen von Sharkproject haben ergeben, das fünf Parameter beim Tauchen mit Haien die Gefahr für den Menschen deutlich erhöhen. An oberster Stelle steht "Futter im Wasser", gefolgt von Sinnesirritation der Fische, etwa durch schlechte Sicht oder laute Geräusche. Auch die Konkurrenz von mehreren Tiere sowie die Konditionierung der Haie durch den Menschen spielen eine Rolle. Letzter Punkt ist das Individualverhalten der Tiere: Jeder Hai ist anders, was er mit dem Hund gemeinsam hat.
Je mehr dieser Parameter zusammenkommen, umso gefährlicher wird es. "Wenn ich sehe, wie grundlegend falsch sich auch viele der selbsternannten Experten im Umgang mit den potentiell gefährlichen Arten verhalten", sagt Wegner, "dann wundere ich mich schon, wie selten dabei etwas passiert."
In einem Punkt stimmt Wegner jedoch mit fast allen Experten überein: Wenn es ein Paradies für Haie gibt, dann liegt es im Pazifik, dem Sehnsuchtsmeer für Taucher schlechthin.
Pazifik: Wenn Haie die Sonne verdunkeln
Die Isla de Cocos oder auch Kokos Insel oder Cocos Island genannt liegt isoliert rund 530 Kilometer südwestlich von Costa Rica im azurblauen Meer. Umrankt von Mythen und Legenden aus der Zeit berühmter Piraten wie Benito Bonito oder Henry Morgan, ist Cocos Island mit 24 Quadratkilometern Fläche die größte unbewohnte Regenwaldinsel der Welt. Von der Unesco mitsamt den umliegenden Gewässern 1997 zum Weltkulturerbe deklariert, umfasst die Schutzzone um die Insel zwölf Seemeilen. Die Anzahl der Taucher ist streng limitiert. Aktuell haben nur sechs Tauchboote die Genehmigung, die Insel anzusteuern.
Wer sich durch saftige Preise, häufige Wetterkapriolen, schwierige Tauchgangsbedingungen sowie durch die 40 Stunden dauernde Anfahrt mit dem Boot nicht abschrecken lässt und einen der begehrten Plätze ergattert, wird vor Ort mit einem der letzten großen Abenteuer belohnt: Schulen von Hammerhaien mit oftmals über tausend Individuen verdunkeln unter Wasser die Sonne. Es ist ein merkwürdiger Anblick, wenn die Gruppen vorbeiziehen, so als würden sie einer unsichtbaren Straße folgen. Was links und rechts davon liegt, interessiert sie nicht - zum Glück, sagen die Ängstlichen unter den Tauchern.
Über die Dächer des Riffs wuseln Weißspitzen-Riffhaie, Galapagos- und Silberspitzenhaie und manchmal lässt sich gar der größte Fisch der Welt blicken: Walhaie, sanftmütige Riesen von bis zu zwölf Meter Länge, die sich hauptsächlich von Plankton ernähren. Manche Taucher muss man bei dem Anblick beinahe ans Atmen erinnern, zu surreal erscheint das Schauspiel: Fast so, als würde "Jurassic Park" unter Wasser nachgestellt.
Eine Reise zur Isla de Cocos ist für Taucher auch immer eine Reise durch die Zeit, zu einer Unterwasserwelt, wie sie früher einmal war - und andernorts vielleicht nie mehr sein wird.