Die Gärten von Suzhou: Eintauchen in Chinas Geisteswelt - DER SPIEGEL
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Die Gärten von Suzhou Eintauchen in Chinas Geisteswelt

Ihre Lage an den wichtigsten Kanälen Chinas verhalf den jahrhundertealten Anlagen in Suzhou zu dem Ruf, das "Venedig des Ostens" zu sein. Rund 80 Kilometer von der Metropole Schanghai entfernt, kann der Reisende dort eintauchen in die Tradition des chinesischen Gartenbaus und damit in die Gedankenwelt der Gelehrten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der gepflasterte Pfad führt auf eine Mauer zu und um sie herum auf einen geräumigen Hof. Ein hoch gewachsener Bambus versperrt den Durchgang. Durch zwei Fenster fällt der Blick auf einen großen Teich. Chinas klassische Gärten sind fein komponierte Nachahmungen der Natur und weit mehr als nur Orte der Muße. Sie halten für den westlichen Betrachter viele kleine Überraschungen bereit. Kaum irgendwo lässt sich das besser begreifen als in Suzhou.

"Behandle die weißgetünchte Wand, als sei sie ein Stück Papier", heißt es im "Handbuch des Gartenbaus" von 1634. Der Erbauer eines chinesischen Gartens ist ein Maler, der sich keinen leeren Strich erlauben darf. Suzhous Gärten sind Landschaftsgemälde in drei Dimensionen. Doch kein Landschaftsbild in China erklärt sich ohne seine Inschrift, und genauso ist es mit den Gärten. Jede Anlage und jedes Gebäude hat einen Namen, mit dem der Besitzer Gelehrsamkeit und eine Geisteshaltung demonstriert.

Der "Garten des Meisters der Netze" ist ein Beispiel dieser Kunst. Erbaut wurde er im späten 12. Jahrhundert von einem Vize-Minister namens Shi Zhengzhi. Dem erschien die Welt zu schmutzig und verdorben, als dass er noch dem Staate dienen wollte. Bei der Namensgebung für seinen Garten dachte Shi daher an den legendären Beamten Qu Yuan - Chinas Sinnbild des redlichen, aber unverstandenen Fürstendieners.

Qu hatte einst einem Fischer sein Leid geklagt. "Wenn die blauen Wellen klar sind", antwortete der Fischer, "wasche ich meine Hutbänder darin und trete in die Dienste des Herrschers. Wenn die blauen Wellen aber schmutzig sind, wasche ich meine Füße darin und genieße stattdessen das sorglose Leben des Einsiedlers." Der Fischer ist der "Meister der Netze", und ein Pavillon des Gartens heißt "Studio des Waschens der Hutbänder".

Nicht nur für Vize-Minister Shi war der Garten eine Zuflucht und ein verhaltenes Mittel des Protests. Auch in den anderen klassischen Gärten Suzhous, im "Löwenwäldchen", im "Garten des törichten Politikers", im "Pavillon der blauen Welle" oder im "Garten des Verweilens" suchten ihre Erbauer, meist reiche Beamte am Ende ihrer Laufbahn oder enttäuschte Staatsdiener, die Abkehr vom öffentlichen Leben und Frieden mit sich selbst.

Mit der Ruhe ist es in Suzhou inzwischen weitgehend vorbei. Denn die aufstrebende Industriestadt lebt auch von dem Geld, das die Touristen in den Gärten und für die berühmte Seide von Suzhou ausgeben. Doch wer am frühen Morgen oder am späteren Nachmittag die Gärten besucht, wenn die Reisegruppen noch nicht da sind oder schon wieder weg, wird ein Gedicht aus dem 11. Jahrhundert verstehen: "Im Garten gurrte abends eine Taube. Der Eremit erwachte und empfand ein Glück, die Tiefen alles Seins beseelend. Und da er nichts es zu beschreiben fand, schritt er ums Haus, die Bambusstauden zählend."

Informationen: Ein Besuch der Gartenstadt Suzhou wird von mehreren Studienreiseveranstaltern im Rahmen von China-Rundreisen angeboten.