Die Niagarafälle: Das "donnernde Wasser" - DER SPIEGEL
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Die Niagarafälle Das "donnernde Wasser"

Die Wassermassen, die über die Abbruchkante der Niagarafälle rauschen, sind schon seit Jahrzehnten gedrosselt. Dennoch tragen die Sturzfluten den Namen "donnerndes Wasser", den ihnen die indianischen Ureinwohner einst gegeben haben, nach wie vor zurecht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Niagara Falls - Weg mit der Kapuze, der Wind weht sie ja doch immer wieder davon. Es dauert keine fünf Sekunden, bis die Haare klatschnass sind - von drei Seiten stürmt die Gischt auf die "Maid of the Mist VI" zu. Deren Motoren müssen volle Leistung geben, um der Strömung Stand zu halten. Nur 70 Meter ist das Boot noch von der weißen Wasserwand entfernt, die hufeisenförmig 52 Meter in die Höhe reicht.

Im Auge eines Orkans muss es ähnlich zugehen. Nur ab und zu wird das Dröhnen der Fluten durch das Kreischen einer Gruppe von US-Pfadfinderinnen übertönt, wenn wieder eine besonders große Gischtwelle über die Reling klatscht. Auch der Bordlautsprecher setzt sich nur mühsam durch: "Ladies and Gentlemen, this is Niagara Falls".

Eine Fahrt mit der "Maid of the Mist"-Flotte ist wohl der beste Weg, sich einen unmittelbaren Eindruck von den Niagarafällen zu verschaffen. Schon seit 1846 fahren auf diesen Namen getaufte Boote bis nahe an den Fuß der Fälle heran. Alle 15 Minuten gibt es eine Abfahrt auf der kanadischen Seite des Niagara-Flusses, gegenüber am US-Ufer verkehren die Schiffe in ähnlichem Rhythmus.

In gemächlichem Tempo geht es mit einigem Abstand zunächst an den rund 300 Meter breiten "American Falls" vorbei, dem kleineren der beiden Fälle, die die "Niagara Falls" ausmachen. Von Backbord weht es feucht herüber, ein erster Vorgeschmack auf das, was noch kommen mag. Dann wird die Ziegeninsel passiert, die Grenze zwischen den USA und Kanada. Schließlich sind die kanadischen "Horseshoe Falls" erreicht. Dort wird die "Maid of the Mist" ein paar Minuten von den Wellen hin- und hergeworfen - bis die Passagiere nur noch dort trocken sind, wo sie ihr blauer Plastiküberwurf geschützt hat.

154 Millionen Liter pro Minute fließen im Sommer die "Horseshoe Falls" hinunter. Ohne menschliche Eingriffe wäre die Menge doppelt so groß, doch zur Elektrizitätsgewinnung in Wasserkraftwerken wird dem Niagara-Fluss auf seinem Weg vom Erie- zum Ontariosee vor den Fällen einiges abgezweigt. Das hat auch die Erosion verlangsamt, die den Fällen im Laufe der Jahrtausende ihre Form gegeben hat: Wanderte der Hufeisenfall auf Grund der mitreißenden Fluten noch in den fünfziger Jahren gut einen Meter pro Jahr in Richtung Süden, so sind es heute im Schnitt gerade noch 3,6 Zentimeter.

Die Touristen stört die künstliche Drosselung des Naturschauspiels jedoch wenig: Rund 12 Millionen Besucher werden pro Jahr gezählt, besonders beliebt sind die beiden Städte namens Niagara Falls auf der US- und der kanadischen Seite bei Flitterwöchnern.

Das touristische Angebot erschöpft sich schon lange nicht mehr in den Fahrten mit den "Nebeljungfrauen", wie sich der Bootsname übersetzen lässt. Die Fälle können aus fast jedem Blickwinkel begutachtet werden: zu Wasser, zu Lande und per Helikopter aus der Luft. Mehrere Aussichtstürme, allen voran der 236 Meter hohe Skylon Tower auf kanadischer Seite, bieten einen guten Blick über das Areal.

Für manche Besucher geraten die nimmermüden Wasserfälle allerdings zum schmückenden Beiwerk: Sie sind ganz nett anzuschauen, aber das Leben spielt sich woanders ab - etwa in Clifton Hill auf kanadischer Seite, nur einen Steinwurf von der Brücke in Richtung USA entfernt.

Auf diesem Rummelplatz gibt es neben dem für solche Orte offenbar obligatorischen Hard-Rock-Café auch ein "Dracula-Schloss" und ein "Frankenstein-Haus" sowie Wachsfiguren-, Rockstar- und andere Museen, die nichts mit den Fällen zu tun haben. Das Lichterflackern erinnert an einen Rotlichtdistrikt, aus den Lautsprechern vor den Türen hallen angstvolle Schreie und die beschwörenden Stimmen der Ticketverkäufer.

Doch sobald die "American Falls" wieder ins Blickfeld geraten sind und der Besucher von Clifton Hill in den Queen-Victoria-Park entlang der Uferpromenade abbiegt, gewinnt die natürliche Lärmkulisse wieder die Oberhand: Gleichmäßig und fast schon beruhigend dringt das Rauschen des Wassers durch die Luft.

Der Park wird - wie die meisten Attraktionen direkt an den Fällen - von der Niagara Parks Commission verwaltet, die dafür sorgt, dass der blanke Kommerz dem Naturspektakel nicht allzu sehr auf den Leib rückt. Doch natürlich kassiert auch die Kommission: Umgerechnet etwa fünf Euro muss zahlen, wer die "Reise hinter die Fälle" ("Journey behind the Falls") antritt. Per Fahrstuhl geht es dabei zunächst 38 Meter in die Tiefe und dann durch zwei Tunnel zu Stellen hinter den Hufeisenfällen - mehr als eine weiße Wasserwand ist jedoch nicht zu sehen.

Lohnenswerter dort unten ist der Weg zu einer Plattform am Fuß der Fälle: Die mit gelben Regenumhängen geschützten Besucher können dabei auch gut das Schaukeln der "Maid of the Mist"-Boote nur 100 Meter entfernt beobachten - nasse Haare gibt es auch hier gratis.

Einer der schönsten Plätze, um die Fälle zu sehen, liegt direkt an der Abbruchkante: gerade vier Meter von der Stelle entfernt, an der das rasant dahin schießende "donnernde Wasser" senkrecht nach unten fällt. Hier lässt sich der Tag stimmungsvoll verabschieden. Viele Touristenbusse sind schon weg, wenn die Sonne sinkt, das Gedrängel lässt deutlich nach. Stundenlang könnte man das Fallen des Wassers beobachten - es ist immer in Bewegung, niemals zu stoppen.

Auch die Tourismusindustrie vertraut auf das Naturschauspiel und investiert kräftig an den Fällen: Mitte der neunziger Jahre stand der "Minolta Tower", neben dem Skylon Tower der höchste Turm auf kanadischer Seite, noch völlig frei auf der Höhe der Hufeisenfälle. Inzwischen reiht er sich ein in eine Armada von ähnlich hohen Luxushotel-Neubauten. Weitere Bettenburgen mit Blick auf die Fälle sind im Bau - das Dröhnen des Wassers wird von den Betonfassaden wohl bald als Echo zurückgeworfen.

Von Christian Röwekamp, gms