Donnerstag, 10. April : "Gib alles!" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Donnerstag, 10. April "Gib alles!"

Die medizinische Studie in Namche Bazar dominierte zwei Tage lang den Alltag der deutsch-schweizerischen Jubiläumsexpedition. Die Bergsteiger hatten viel Spaß mit beim Leistungstest auf dem Fitnessfahrrad. Bei der Untersuchung der Sherpa gab es eine kleine Überraschung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Du hast eine Minute bei 250 Watt. Gib alles! Die zweite Minute kriegst du auch noch voll", Ardeschier Ghofrani spornte jeden seinen Probanden an. Der Assistenzarzt der Universität Gießen motivierte die Bergsteiger, an ihr Limit zu gehen - so lange in die Pedale zu treten, bis nichts mehr geht. Auf einer Höhe von knapp 3500 Metern kamen nicht nur die Bergsteiger ganz schön ins Schwitzen. Auch Friedrich Grimminger und sein Team, die an dem Expeditionsteam eine Studie zum Lungenhochdruck durchführen, hatten keine Minute Pause. Der letzte Proband stieg kurz vor Mitternacht vom Rad.

Währenddessen hatte sich in der Unterkunft herumgesprochen, dass ein Horde Ärzte im Haus ist. Ein Wanderer hatte das Problem, dass er in den Bergen war und sich jetzt, nach sechs Tagen, wieder mit Seife gewaschen hat. Seine Haut hatte sich wohl zu sehr an die seifenfreie Zeit gewöhnt, dass er einen Ausschlag bekam. Nicht schlimm, dachte er sich, aber schaden könne es kaum, einmal einen Arzt zu fragen. Der zweite Fall war etwas schwieriger. Eine Engländerin ist bereits von zu Hause mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber nach Nepal gefahren und wurde durch die Höhe so geschwächt, dass sie nicht mehr weiter konnte. Für die junge Frau gibt es nur eine Therapie: sich schonen und nicht mehr weiter aufsteigen.

Die Studie brachte auch die Küchencrew durcheinander. Sie sind gewohnt, dass alle am Tisch sitzen. Dann erst servieren sie nacheinander die drei Gänge. Doch während den zwei Studientagen saßen die Bergsteiger und Mediziner nur beim Frühstück komplett am Tisch. Der Koch, seine Küchenjungen und die Helfer trugen das Chaos mit Gelassenheit. Einer der Helfer fand die strampelnden Radfahrer so faszinierend, dass er seine gesamte freie Zeit im Untersuchungszimmer in der Ecke saß.

Der zweite Tag der Studie verlief etwas ruhiger. Die Mediziner und Bergsteiger waren so gut eingespielt, dass abends sogar Zeit war, den Sherpa einen Herzultraschall zur Messung des Lungendrucks zu machen. Als Sherpa-Chef Ngawang Thiele auf der Untersuchungsbank lag, saß das komplette Ärzteteam fasziniert vor dem Monitor. Einen so verdickten Herzmuskel hatten die Mediziner bisher nur bei einem schwerkranken Lungenpatienten gesehen. Dabei hat Ngawang Thiele in den vergangenen Jahren bereits mehrere Male den Mount Everest bestiegen und ist auch in diesem Jahr sicher einer der leistungsfähigsten Bergsteiger im Team.