Ecuador Concheros im Mangrovendickicht
Mangroven lieben es feucht und schlammig. Bei Flut ragen nur Stämme und Laubwerk aus dem Wasser, bei Ebbe kommen die Stelzwurzeln zum Vorschein - schlangenähnlich und verknotet, tief in Schlick und Schlammboden eingegraben. Wer vom Fluss aus querfeldein durch das Mangrovendickicht will, braucht Kletterkünste wie ein Eichhörnchen. Ein Fehltritt auf den glitschigen Wurzeln führt knietief in den Morast. Hier sagen sich Krebse und Muscheln gute Nacht. Wer von der Hauptstadt Quito acht Stunden im Bus in die Provinzstadt Esmeraldas zuckelt, dann noch einmal vier Stunden an der Küste entlang, kommt da an, wo alle Straßen enden: am Ufer des breiten, trägen Muisne-Flusses.
Flussabwärts geht's ins Mündungsdelta und in die Wellen des Pazifiks. Flussaufwärts in die Mangrovenregion mit tausend Seitenarmen und Inselchen. Es ist das Reich der Einbäume, die die Indios nach alter Väter Sitte aus einem breiten Baumstamm zimmern.
Als Gregorio Antonio Zamprano vor 32 Jahren am Muisne-Fluss geboren wurde, war der Ort von ausgedehnten Mangrovenwäldern umgeben. 20.000 Hektar Mangrovenwald breiteten sich zu beiden Seiten des Flusses aus und bedeckten die zahlreichen Inseln. Heute ist vom Mangrovenwald nur noch ein kümmerlicher Rest übriggeblieben. "Nur noch schmale Streifen Wald, alles zusammen vielleicht noch 700 Hektar. Das meiste wurde für die Shrimps-Zucht abgeholzt", schätzt Zamprano.
Seit seiner Kindheit nennen seine Freunde ihn Goyo. Er ist heute bekannt als Umweltschützer und Gegner der Shrimps-Züchter. Zusammen mit der kleinen Umweltgruppe Fundecol kämpft er dafür, diesen restlichen Mangrovenwald zu schützen und durch Aufforstung langsam wieder zu vergrößern. Ab und zu kommen Studenten aus dem Ausland, um mitzuhelfen Vor zwei Jahren turnten Tag für Tag amerikanische Studenten über die Stelzwurzeln, wateten durch den Matsch, sammelten säckeweise Mangrovensamen und bepflanzten kahle Flächen von der Größe mehrerer Fußballfelder. Die Saat ging auf. Die jungen Mangroven gedeihen inzwischen prächtig. Sie wachsen jedes Jahr einen Meter in die Höhe, gepflegt und gehegt von Zamprano.
Von der Wasserseite aus, wo Fischer ihre Netze auslegen und Indios auf ihren Einbäumen Holz und Muscheln transportieren, sehen die Ufer auf den ersten Blick noch intakt aus. Doch die Mangrovenstreifen, die sich einst viele hundert Meter ins Land hinein erstreckten, sind meist nur noch ein paar Meter breit. Dahinter schimmern Staudämme durchs Gebüsch. Sie bilden die Umrandung für die zahllosen Shrimps-Zuchtbecken.
Das Gemisch von Fluss- und Meereswasser mit Ebbe und Flut ist ideal für Mangroven. Und für die Shrimps-Zucht. Die Krabbeltiere erhalten täglich frisches Wasser aus den Gräben vom Fluss her. Alle drei Monate wird das Wasser komplett abgelassen und pro Hektar etwa 20 Zentner Shrimps geerntet. Sie werden sofort tiefgefroren und in die USA oder nach Europa exportiert. Die Shrimps gelten als das Boom-Geschäft in Ecuador. Das Land gehört zu den größten Exporteuren der Welt. Doch wo die Shrimps herkommen, wächst kein Urwald mehr.
Die Vernichtung der Mangrovenwälder begann Ende der achtziger Jahre. Auf der Suche nach neuen Flächen für das einträgliche Exportgeschäft kamen die Shrimps-Firmen, die meist der korrupten ecuadorianischen Oberschicht gehören, in die Muisne-Region. Die Mangroven fielen den Kettensägen zum Opfer.
"Zuerst fingen sie an, vom Fluss her Schneisen in den dichten Wald zu schlagen und lange Gräben auszuheben", erzählt Goyo. Danach wurden alle Bäume abgeholzt und riesige flache Becken ausgehoben. Eigentlich sind die Mangroven gesetzlich geschützt. Niemand darf Mangrovenwälder roden. Aber Polizei und Behörden sind empfänglich für gute Gaben, und die Regierung drückte alle Augen zu.
Am Muisne-Fluss spüren die Bewohner, was der Verlust der Mangroven für ihr tägliches Leben bedeutet. Einige Concheros, die Muschelsucher, kommen auch heute noch in flachen Einbäumen bei Ebbe zu den schmalen Mangrovenstreifen. Sie turnen über die Stelzwurzeln ins Dickicht, um dann mit bloßen Händen im Schlick nach den Conchas (Muscheln) zu graben.
Früher konnte ein Conchero an guten Tagen 800 Muscheln sammeln. Heute kann er froh sein, wenn er 100 findet. Viele Concheros haben schon aufgegeben. Für die Übrigen reicht es nur noch zu einem kümmerlichen Tagesverdienst von umgerechnet zwei bis drei Mark. Fundecol ist eine der wenigen Organisationen, die den Shrimps-Züchtern Grenzen setzt. Mit Protestaktionen, Zerstörung von illegalen Staudämmen und mit juristischen Initiativen hat Fundecol die Expansion der Shrimps-Farmer zumindest gebremst.
Später erhielt Fundecol Hilfe von Rechtsanwälten. Dutzende von Strafanzeigen gegen die illegale Abholzung wurden eingereicht. Greenpeace sandte das Segelschiff "Rainbow Warrior" nach Muisne zur Unterstützung. Der Bevölkerung hat es den Rücken gestärkt.
Heute gibt es ein wenig internationale Unterstützung von der Gruppe Earthlink in München und der schweizerischen Organisation Swissaid. Mit ihrer Hilfe hat Fundecol Pläne für Wiederaufforstung und Öko-Tourismus entwickelt. 250 Hektar konnten bis jetzt von Fischern, Muschelsuchern und ausländischen Helfern in den Semesterferien wieder neu bepflanzt werden.
"Etwa 3500 Familien, die Hälfte der Einwohner, haben durch die Abholzung der Mangroven ihre Arbeit und ihr Einkommen verloren", beklagt Goyo. "Ohne die Mangroven gibt es keine Muscheln und Krebse mehr. Die Vögel sind selten geworden. Der Boden verkrustet. Die Fischerei wird beeinträchtigt und das Wasser durch die Shrimps-Abwässer vergiftet. Und wofür die Zerstörung? Damit die verfluchten Shrimps in den USA auf Pizzas und Party-Büffets landen und hier im Land einige superreiche Familien noch reicher werden."