Eiszeit: Die Rache der Raubmöwe - DER SPIEGEL
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Eiszeit Die Rache der Raubmöwe

Unser Autor Jan Jepsen ist genervt von den Sorgen seiner Mitreisenden. Viele verzweifeln täglich an der Frage, welches Paar Stiefel sie tragen sollen. Eine Australierin plant eine zweite Antarktis-Expedition, um ein Stofftier zu retten. Außerdem gruselt man sich an Bord der "Kapitan Khlebnikov" vor Raubmöwen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vorab eine Entschuldigung. Ich muss mich sputen und etwas schneller schreiben als sonst. Ich hinke mit meinem Logbuch hinterher. Das Problem: Man muss an den Exkursionen teilnehmen, um sie praktisch in Echtzeit zu protokollieren. In Konkurrenz dazu stehen vier Mahlzeiten und mindestens ein Mittagschläfchen pro Tag, Vorträge, Recaps (von Rekapitulationen) oder Briefings, was die Programmpläne und den Ablauf des folgenden Tages angeht. Diese Briefings enden immer mit dem Satz: "... sofern das Wetter mitspielt."

Danach dürfen wir dann Fragen stellen. Das ist der schlimmste Teil. Häufig machen sich meine Mitreisenden um das richtige Schuhwerk Sorgen.

Ob man Gummi-(wet landing) oder Wanderstiefel (dry landing) braucht? Man kann sich das Stöhnen kaum verkneifen und leidet innerlich Tantalusqualen, weil man als Passagier praktisch seine Individualität verliert und Teil einer Gruppe ist, die einen mitunter auf Grundschulausflugs- oder Kindergartenniveau degradiert.

Eine Stoffmaus friert in der Antarktis

In diese Kategorie gehört vielleicht auch folgende Geschichte: Carol, die sonst sehr nette Bordartistin, die unsere Reise in unzähligen Bildern festhält und nebenbei den Malunterricht leitet, hat ihre Stoffmaus in der Antarktis vergessen. Genauer gesagt hat sie Sydney, so heißt das Tier, auf einem Stein nahe Scotts "Terra Nova Hütte" für ihre Tochter zeichnen wollen. Das ist ihr gelungen. Sie vergaß jedoch leider, die Stoffmaus wieder einzupacken und vor dem sicheren Tod durch Erfrieren zu bewahren. Das fiel ihr erst später, zu spät, an Bord der "Kapitan Khlebnikov" wieder ein, als das Schiff schon Kurs Richtung Dry Valleys nahm.

Ihre erste Reaktion war Panik, die zweite, einen Helikopter zu chartern. Ich glaube, das kostet 1000 US Dollar die Stunde. Es gab wohl sogar ein paar Stofftier-Sympathisanten, die ihre Trauer teilten und sich an dem Einsatz beteiligen wollten. Doch aus bisher unbekannten Gründen ging die Expeditionsleitung auf diese Anfrage nicht ein, wie Carol schwer enttäuscht zur Kenntnis nehmen musste. Vielleicht gibt es einen Pilotenkodex, der es verbietet, Stofftiere zu retten.

Rettungsaktion für 32.000 Dollar geplant

Man weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Plan B von Carol so aussieht, dass sie nächstes Jahr mit ihrer Tochter wiederkommen will - was wesentlich aufwändiger ist und für zwei Personen ca. 32.000 Dollar kostet. Aber sie ist wild entschlossen. Angeblich hat sie schon einen australischen Verleger angerufen, der Geld dazubuttern will. Im ersten Moment kam mir das absurd vor. Im zweiten Moment dachte ich dann, wow, stimmt, das könnte ein Bestseller werden. Mutter und Kind reisen in die Antarktis, um eine Stofftiermaus zu retten (Schönen Gruß an Pastor Fliege und Günther Jauch von hier aus. Das wäre doch was. Menschen 2005 und so).

Aber dann überlegte ich mir, wie realistisch ein Happy End bei dem Maus-Manöver wäre. Die Antarktis ist nicht nur eine der kältesten Wüsten dieser Welt, sondern auch eine der windigsten.

Sie hat schon einige Menschen auf dem Gewissen (u.a. den Polarfahrer Scott und seine Männer). Wie verhält sich eine kleine Stoffmaus bei Windstärke 17 oder 27? Das Gleiche habe ich dann auch die arme Carol gefragt: "Yes, I know ..." hat sie geklagt. Daran habe sie natürlich auch schon gedacht. Aber vielleicht kriecht Sydney ja in Scotts Hütte.

Skuas lauern auf Pinguineier - und Menschen!

Ich nickte, nachsichtig, um dann zu hören: Viel mehr Sorgen würden ihr die Skuas machen. "I hate Skuas!", meinte Carol. Hier nahm die Geschichte dann eine Wendung. Vom Tragik-Komischen blieb nur das Tragische. Deshalb eine Warnung: Alle, die schon angesichts vergessener Stoffmäuschen an die Grenzen des Erträglichen geraten sind, sollten jetzt auf keinen Fall weiter lesen. Skuas sind nämlich Raubmöwen und überall dort zu finden, wo Pinguine sind. Also überall in der Antarktis. Sie halten Ausschau nach Eiern oder schwachen Jungtieren.

Wenn man sich in die Nähe eines ihrer Nester begibt, dann wird man von den Biestern so angeflogen, dass die Tiere die Sonne im Rücken haben (siehe Foto). Sie machen ziemlichen Rabatz dabei und sind durchaus angsteinflößend. Spätestens dann, wenn sie einem frech in den Kopf picken.

Die Rache der Raubmöwe am Vogelforscher

"Du erinnerst dich doch an Macquarie Island", fing Coral an, "die Insel, die wir zuerst angelaufen haben." Da habe es erst kürzlich einen Unfall gegeben. Ein Vogelforscher sei von einer Klippe gestürzt und habe sich dabei das Rückgrat gebrochen. Zwei Tage habe er dort wehrlos, weil gelähmt gelegen, bis man ihn fand. "And you know what?" fragte Carol. Das Schlimmste. Ich schüttelte schon jetzt einigermaßen entsetzt den Kopf.

Der Mann sei später nicht an den Folgen des Sturzes, sondern an einer Infektion der Augenhöhlen gestorben ... An dieser Stelle zögerte Carol (wahrscheinlich, weil sie gerade an Sydney dachte). Also fragte ich: "Wieso das denn?" "You don't want to know!" "Doch!", sagte ich. "Skuas. Sie haben dem Biologen bei lebendigem Leibe die Augen rausgepickt." "Aber Skuas fressen keine Stofftiere", versuchte ich nach einer ganzen Weile die Kurve zu kriegen. "Egal", meinte Carol, "ich komme auf jeden Fall zurück."

Was mich betrifft, ich bin mir da nicht mehr so sicher.

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