Eiszeit Logbuch vom Ende der Welt
Ob ich aufgeregt bin? Geht so. Im Moment bin ich bloß fertig. Allein die Anreise nach Tasmanien wäre ein Grund gewesen, zu Hause zu bleiben: Hamburg-Frankfurt, Frankfurt-Singapur, Singapur-Melbourne, Melbourne-Tasmanien. Reine Flugzeit: 25 Stunden. Gefühlte Dauer: ewig und drei Tage. Und dabei geht die eigentliche Tour - beziehungsweise Tortur - erst hier in Hobart los. Ich muss wohl bescheuert sein. Ausgerechnet in die Antarktis. Ein kälteres, windigeres, einsameres und ferneres Reiseziel hätte ich mir kaum aussuchen können. Jedenfalls nicht auf diesem Planeten. Einziger Trost: Das gefährlichste Raubtier, das dort lebt, soll eine Milbe sein. Ansonsten wimmelt es ja nur so von Tieren. Um mich während des Fluges einzustimmen und bei Laune zu halten, habe ich ein bisschen in meiner Reiselektüre geschmökert: "The worst journey of the world". Ich habe dabei mühsam verdrängt, der Titel könnte auch nur irgendwas mit meinem Trip zu tun haben. Oder dass dieser möglicherweise Teil zwei der weltschlimmsten Reise werden könnte. Das Buch erzählt aus Sicht eines Expeditionsteilnehmers von Sir Robert Falcon Scotts Versuch, den Südpol als Erster zu entdecken. Wie das ausging, weiß man. Erst tragisch, dann tödlich, weil Amundsen mit seinen Hundeschlitten gut einen Monat vor Scott die norwegische Flagge ins ewige Eis gesteckt hatte. Soweit ich weiß, werden wir im Rahmen unserer Reise Scotts Basiscamp besuchen. Unter anderem. Der Trip, an dem ich hier teilnehme, wird von der Firma Quark Expeditions veranstaltet und nennt sich: "The Great Explorer - Auf den Spuren der großen Entdecker". Doch gemessen an den Leistungen der Polpioniere tue ich mich etwas schwer mit dem großen Wort "Expedition". Ich würde es eher als einen 24-tägigen, wenn auch abenteuerlichen Ausflug in die Antarktis bezeichnen. Der Plan ist, mit einem russischen Eisbrecher, der in Finnland gebaut wurde, in Russland registriert ist und von Amerikanern gechartert wird, in See zu stechen. Und das mit Sicherheit tiefer, als so manchem Passagier lieb sein wird. Stichwort: Nausea oder Kinetose - auch besser als Seekrankheit (deutsch) oder "Shouting for Ralph" (englisch) bekannt. Man kann davon ausgehen, dass die "Kapitan Khlebnikov" ein ehrliches, sehr eisgängiges Arbeitsschiff und kein Operettendampfer wie die "Europas", "Hanseatics", "Aidas" oder "Queen Marys" dieser Welt ist und folglich auch keinen Schnickschnack wie Stabilisatoren hat. Deshalb kann und muss man auch davon ausgehen, dass so mancher Passagier das noch verfluchen wird. Die "Kapitan Khlebnikov" wurde ursprünglich für schwerste Bedingungen in Sibirien gebaut, es hat die höchste Eisklasse, plus 24.000 PS. Beides zusammen ermöglicht, dass man tiefer ins Eis vordringt und an Plätze kommt, die anders praktisch nicht bereist werden können. Wie wird es an Orten sein, wo bisher nur wenige Menschen waren? Ich weiß es nicht, bin aber wild entschlossen, es auf dieser Reise herauszufinden. Bisher weiß ich nur, dass viele, die vor mir den weißen Riesen besucht haben, von der Antarktis als "letztem Paradies" auf Erden sprechen. Leider weiß ich auch, dass es zu keiner Zeit leicht war, ins Paradies zu kommen. Zwischen uns liegt die Tasmanische See und das südliche Polarmeer. The roaring forties, shouting fifties und screaming sixties. Alles dabei. Die Überfahrt bis an die Packeisgrenze dauert von Hobart aus fünf bis sechs Tage. 3500 Kilometer zorniges und kaltes Wasser. Dem Schiff wird das nichts ausmachen. Der Crew wahrscheinlich auch nicht. Schon klar. Aber was ist mit den Passagieren? Man darf gespannt sein.Erstmals werden wir am 10. oder 11. Februar vor Anker gehen: vor der Macquarie-Insel, Weltkulturerbe und Heimat von drei Millionen Hauben- und 100.000 Königspinguinen. Noch zwei Tage weiter, und wir erreichen die Packeisgrenze und die Balleny Islands, die für klassische Kreuzfahrtschiffe unerreichbar sind. Die Chance für Walsichtungen ist im Februar am besten, heißt es. Mit Glück und wohlwollendem Wetter werden dann auch zum ersten Mal die beiden Helikopter an Bord der "Kapitan Khlebnikov" eingesetzt. Hauptsächlich für Anlandungen, die mit einem Schlauchboot nicht möglich wären. Oder um dem Schiff von oben zusehen zu können, wie es sich durchs Eis kämpft. In den nächsten drei Wochen werde ich hier sozusagen live ein Logbuch führen. Sie hören von mir. Mein Gepäck wird in einer Stunde an Bord des Kapitäns gebracht. Kabine 721. Für den Fall, dass doch ein wenig Neid aufgekommen sein sollte, noch ein PS.: Der Preis ins Eis: 28.900 Dollar. Pro Einzelkabine. Echt antarktisch! Oder nicht?