Eiszeit: Schnappschuss von Shackletons Socken - DER SPIEGEL
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Eiszeit Schnappschuss von Shackletons Socken

Laborinstrumente, Schlafsäcke, Kakaodosen - in der Hütte des Polarforschers Ernest Shackleton am Cape Royds ist alles original. Den Südpol erreichte der Brite nie, seine beeindruckendste Leistung war der Entschluss, kurz vor dem Ziel die Expedition abzubrechen. Jan Jepsen berichtet aus der Antarktis.
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77° 33' 10" Süd, 166° 10' 6,5" Ost. Die "Kapitan Khlebnikov" steckt fest im Eis. Vor uns liegt Cape Royds auf Ross Island. Gerade wurde die Gangway heruntergelassen, damit die Expeditionsleitung den Weg zur Hütte des Helden abstecken kann. Das Eis ist dick genug und trägt. Trotz allem sollen wir unsere Schwimmwesten tragen, dem Parcours übers Packeis folgen und immer dran denken: Pinguine haben Vortritt. Egal ob von links oder rechts.

Keine Frage, sondern Fakt: Eine gewisse Aufregung hat sich an Bord breit gemacht. Ich komme mir plötzlich vor wie ein Pilger. Man ist wirklich da. An einem der entlegensten Winkel der Welt, bei den Basiscamps der wahren Eisheiligen. Nur noch einen Kilometer übers Eis zu Shackletons Hütte. Jetzt kann nur noch ein Blizzard dazwischenkommen. Aber danach sieht es absolut nicht aus. Es sieht eher so aus, als hätte man mal wieder ein Fleece zu viel angezogen, noch dazu für den Schweinsgalopp, um als einer der Ersten bei der Hütte zu sein. Strebermäßig. Gerade so, als ginge es darum den geografischen Südpol ein zweites Mal zu erobern.

Kurz vorm Ziel

Aber das ist es nicht. Es ist vielmehr der Versuch, einen Hauch der Einsamkeit zu erahnen, der die Männer hier vor fast hundert Jahren monatelang ausgesetzt waren. Von Cape Royds ist Shackleton seinerzeit zu seinem Rekordmarsch gen Südpol aufgebrochen, um unterwegs eine der monumentalsten Entscheidungen zu treffen: Angesichts knapper Vorräte und einer Verschlechterung des Wetters entschied er, nur 156 Kilometer vom Ziel entfernt, besser umzukehren. Shackleton wollte um des Ruhmes Willen weder sein eigenes Leben, noch das seiner Männern Jameson Adams, Eric Marshall und Frank Wild gefährden (siehe Zitat).

Immerhin hatten sie Scotts ersten Versuch um stolze 589 Kilometer geschlagen und mit ihrer Route über den Beardmore-Gletscher allen Nachfolgenden den Weg gewiesen. Im Rahmen der Nimrod-Expedition wurde außerdem der Mount Erebus zum ersten Mal bestiegen, der magnetische Südpol erreicht, ein Automobil ausprobiert und das erste in der Antarktis verfasste und gedruckte Buch publiziert: "Aurora Australis".

Shackletons Hütte liegt versteckt in einer Lavasenke, am Rande einer Pinguinkolonie. Eine von Wind und Wetter gräulich gebeizte Holzhütte, die perfekte Eremitage im ewigen Eis. Einzig bewacht von ein paar Pinguinen, die mit ihrem Brutzyklus ein wenig gebummelt haben. Die Hütte wurde seinerzeit in London aus Pinienholz vorgefertigt und in nur zehn Tagen am Cape Royds aufgestellt. Die Isolation dauerte weitere drei Wochen. Von 1907 bis 1909 hausten hier 15 Männer. Anders als bei Scott gab es bei Shackletons Expedition keine Offiziershierarchie. Shackleton selbst wurde von allen nur respektvoll "Der Boss" genannt. Den einzigen Luxus, den sich der Boss erlaubte, ist ein kleiner mit Leinen und Kisten abgetrennter Privatraum neben der Eingangstür, der gleichsam als Bibliothek und Arbeitsraum diente. Am Kopfende einer Schlafpritsche befindet sich noch Shackletons Unterschrift.

Schwarze Bohnen und ein Autorad aus Holz

Bevor man zur Hütte kommt, passiert man die kleine Mülldeponie. Reste von Rost, zerbrochene Flaschen, ausgeblichene Knochen. Alles ungetrennt. An der Südflanke der Hütte befinden sich eine offene Stallung, ein Autorad aus Holz, ein Hundeskelett und die ehemalige Latrine. Auf der anderen Seite des Hauses stapeln sich ungeöffnete Dosen, deren Label nicht mehr zu erkennen sind. Aus einer Holzkiste sind Bohnen in den schwarzen Sand gerieselt.

Harry und J.R., die beiden Neuseeländer vom Antarctic Heritage Trust haben das Heiligtum aufgeschlossen. Sie achten darauf, dass sich die circa 400 Besucher, die es im Jahr hierher schaffen, die Füße abtreten und keine Rucksäcke mit ins Innere nehmen. Man fürchtet weniger den Devotionalien-Diebstahl als eine unbedachte Bewegung, die auf so engem und vor allem historisch hochträchtigem Raum reichlich Schaden anrichten könnte. Und es dauert eine Weile, bis der Besucher begreift, dass man sich nicht in einem Nachbau befindet. Und dass die Laborinstrumente, Medizinfläschchen, Kakaodosen, Schlafsäcke, Kochtöpfe, Wäscheleinen, Socken keine Duplikate sind.

Einen Moment lang überlegt man, wieso das nicht alles längst geplündert worden ist. Auf einer Sotheby-Auktion in London wären die Sachen eines Nationalhelden sicher Millionen wert. Eher liegt es wohl aber daran, dass es nur sehr wenige Schiffe auf der Welt gibt, die relativ risikolos jenseits des 77° südlicher Breite navigieren können. Jegliche Piraterie in dieser Gegend hätte wahrscheinlich einen noch höheren Preis: das Leben der potenziellen Langfinger.

Shackletons Expeditionsmitglieder verließen Cape Royds alle lebend und offenbar sehr fluchtartig. Als zwei Jahre später Mitglieder von Scotts Terra-Nova-Expedition die Hütte aufsuchten, fanden sie volle Teller auf dem Tisch und Socken, die zum Trocknen aufgehängt waren. Ganz besondere Socken: Shackletons. Wahrscheinlich die ersten und letzten in meinem Leben, die ich ohne zu zögern fotografieren kann.

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