Eiszeit Southic Walking im Packeis
Drogen. Eindeutig. Weder die schlechtesten und noch zu knapp. Der Gedanke drängt sich aus der Ferne auf. Wenn man aber selbst von diesen schwimmenden Skulpturen umzingelt ist, dann begreift man eher, was Worsley gemeint hat. Mit eigenen Augen habe ich heute Morgen schon Moby Dick gesehen, eine Kopie von Schloss Neuschwanstein und eine schwimmende Herrentorte.
Und das alles im nüchternden Zustand wohlgemerkt, weil ich gestern leider leer ausgegangen bin. Die ausgelobte Flasche Wein für den ersten gesichteten Eisberg, der größer als die "Kapitan Khlebnikov" ist, ging leider nicht an mich, sondern an einen Amerikaner. Typ Hemingway, mit Schlapphut und Silberbart, den ich bisher nur mit Buch in der Hand gesehen habe. Keine Ahnung, wie ausgerechnet er es angestellt hat, den ersten Eisberg dieser Expedition zu sichten. Noch dazu in der Dämmerung.
Heute sah die Sache schon ganz anders auf. Eisberg-Spotting für Anfänger. Gegen fünf Uhr zog ich die Gardine auf und sah fast fensterfüllend meinen ersten Eisberg. Ich dachte bloß: Wow und bin sofort raus aus den Federn und rein in die Klamotten. Ein echter Kaltstart. Kurz darauf stand ich allein an Deck - in Demut. Denn da waren sie plötzlich, überall. Wie verstreute Teile eines gigantischen Treib- und Packeis-Puzzles. Was soll ich sagen? Am besten nichts. Man tut sich wirklich schwer, diese von Wind und Wasser modulierten Eisskulpturen zu beschreiben. Und wofür gibt es Kameras.
Buckelwale und Schweinegötter
Im Winter lassen die niedrigen Lufttemperaturen in der Antarktis die Wassertemperatur auf minus 1,8 Grad Celsius sinken. Um den Kontinent bildet sich eine Krause aus Meereseis. Dieser Eisring dehnt sich im Mai und Juni täglich um vier Kilometer nach Norden aus. Im September hat das Eis mit 20 Millionen Quadratkilometern seine größte Ausdehnung erreicht und seine Fläche mal eben verdoppelt. Im Frühjahr fängt der Eisgürtel dann an zu bröckeln. Zurück bleiben riesige Treibeisflächen, die je nach Wind und Wetter für konventionelle Schiffe schnell zur Falle werden können. So wie für die "Endurance" von Ernest Shackleton, von dem noch die Rede sein wird und dessen Hütte wir im Laufe dieser Reise noch besuchen werden. Falls uns nicht das Eis zu dicke dazwischen kommt. Denn selbst ein Eisbrecher hat seine Grenzen.
Im Moment kommen wir jedenfalls gut voran. Offene Wasserfläche und Treibeisfelder halten sich die Waage. Um Diesel zu sparen, wird die "Kapitan Khlebnikov" durch die natürlichen Fahrrinnen navigiert. Das hat den Vorteil, dass bereits erste Walsichtungen gemeldet wurden. Zwei Buckelwale und diverse Zwergwale. Die Folge: Großalarm. Fast alle waren an Deck. Kameras und Digicams im Anschlag. Früher oder später rannten dann alle von einer Seite zur anderen Seite des Schiffes. Nur bei meinen Nachbarn aus der italienischen Kabine wollte so recht keine Freude aufkommen. Mario beklagte: "Porco dio" (Schweinegott), dass seine einzige Kamera den Geist aufgegeben hat. Und ob ich ihm einen leihen kann.
Ein Fremder in meiner Koje
Zum Thema Missgeschicke sollte ich fairerweise von einem berichten, an dem ich ganz aktiv beteiligt war: Gestern Abend. 23 Uhr durch. Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass ich auf meinen Orientierungssinn nichts kommen lasse (außer höchstens mal n' Gläschen). Gestern Abend war ich lediglich müde, während andere bereits schliefen. Die viele frische Luft, das üppige Essen. Ich gehe die Treppe hoch, biege in den Gang ein, bis ans Ende, Tür aufgemacht, Licht angeknipst und siehe da: Porco miseria, ein Fremder in meiner Koje. Erstens das. Zweitens, hatte er auch aufgeräumt, meine Wäsche ungefragt gemacht und aufgehängt und drittens, Gipfel der Dreistigkeit, blinzelte er mich fragend an. Den Bruchteil einer Sekunde dachte ich noch, witzig, was man sich hier an Bord als Späßchen für die Überquerung des südlichen Polarkreises ausgedacht hatte, dann begriff ich und sah am Türschild nach. 821. Statt 721. Ein gewisser Mister England aus, woher wohl, genau.
Und kurz zum Thema Namen: Den besten hatte eindeutig die Meeresbiologin an Bord: Kerstin le Mar. Ich hab sie gefragt, ob das ihr Künstlername ist. Sie hat verneint. Auf Platz zwei kommt Frau Deuschle. Dreimal darf man raten, woher sie kommt. Immer wenn ich Heimweh habe, weil hier sonst alle anderen an Bord Englisch sprechen (außer die drei Italiener und vier Franzosen, versteht sich), kann ich durch einen Plausch mit Frau Deuschle ein bisschen Heimat herstellen. Aber wirklich nur ein bisschen: Sie schwäbelt, dass einem arg schwummerig wird. Und "Ha noi...", da wohne ich nun mal nicht.
Russen im Maschinenraum
Ich würde mich ohnehin viel lieber mehr mit Oleg Vovk, Vasiliy Tatarnikov, Sergej Selmakh oder Antoliy Komysh unterhalten. Aber das haut gar nicht hin. Die russische Besatzung scheint komplett einer anderen Kaste an Bord anzugehören. Man begegnet ihnen häufiger in den unteren Decks. Sie grüßen freundlich, aber das war's dann auch schon. Hin und wieder begegnet man dem ein oder anderen in der Sauna. Oder auf dem Achterdeck. Die Piloten haben mich schon ein paar Mal joggend auf Deck 3 überholt. Andere flanieren stundenlang auf dem Helikopter-Landedeck.
Das erinnerte mich daran, dass man vielleicht auch mal was für seine Figur tun könnte. Und sollte. Ich meine, außer immer nur zu futtern (und sich phänotypisch sukzessive den See-Elefanten oder Weddelrobben anzupassen). Gestern habe ich jedenfalls ein paar stramme Runden "ums" Schiff gemacht. Wie nennt man das noch, so nahe der Antarktis: Southic Walking?!