Eiszeit: Wippe oder Hollywoodschaukel - DER SPIEGEL
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Eiszeit Wippe oder Hollywoodschaukel

Zwei Sorten von Passagieren gibt es an Bord des Eisbrechers "Kapitan Khlebnikov": Längs- und Querschiffschläfer. Wobei die erstere Liegeposition wegen der geringeren Knochenbruchgefahr zu bevorzugen ist. SPIEGEL-ONLINE-Autor Jan Jepsen berichtet aus der bewegten Antarktis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ahoi allerseits. Welcome on Bord der "Kapitan Khlebnikov". Auf hoher bis sehr hoher See. Wir fangen an mit einer kurzen Unterbrechung. Praktischerweise kommt in diesem Moment über den Kabinenlautsprecher eine Positionsangabe, so dass ich meine durchgeschüttelten Gebeine nicht selbst zwei Decks höher auf die Brücke tragen muss. Jane, unsere Expeditionsleiterin, gibt gerade die Koordinaten durch. Wir befinden uns 145 Grad und 35 Minuten östlicher Länge und 50 Grad 30 Minuten südlicher Breite. Also ziemlich genau irgendwo unten im Südpazifik. Im Foyer zu den furious fifties, wenn man so will.

Momentan muss man fairerweise von den friendly fifties sprechen. Wenn ich durch mein geöffnetes (!) Kabinenfenster schaue, dann sehe ich helles Blau (Himmel), dunkles Blau (Wasser) und genau dazwischen einen Horizont, der wie mit dem Lineal oder Zirkel gezogen ist. Ein Wetter, um kleine Matrosen zu zeugen. Die "Kapitan Khlebnikov" hat sich mittlerweile auf ein moderates Maß eingeschaukelt. Nicht zu vergleichen mit der ersten Nacht. Fast alle Passagiere, mit denen ich gestern gesprochen habe, und das waren nicht wenige, klagten über Schlafmangel und wandelten entsprechend somnambul auf dem Schiff herum, ganz gleich, ob sie nun Längs- oder Querschiffsschläfer sind. Andere Position gibt es nämlich nicht an Bord - es sei denn, man ist Sitzschläfer und blieb gleich kniend im Badezimmer. Solche gab es wohl auch, aber die hat man logischerweise gestern gar nicht gesichtet.

Da ich meine Kabine allein bezogen habe, konnte ich nachts um 90 Grad variieren. Man hat die Wahl zwischen dem Schlafen beziehungsweise Nichtschlafen quer zum Schiff, also auf einer Wippe. Oder man liegt längs zum Schiff, was schwer in Richtung Hollywoodschaukel geht. Aus Sicherheitsgründen habe ich mich dann für die Wippvariante entschieden, weil man sich in der Hollywoodschaukel nicht anschnallen kann: Von Blessuren bis Frakturen ist alles drin. Jedenfalls hat der Schiffsarzt bei seiner Begrüßungsrede betont: "Forget about seasickness". Die geht vorbei. Aber ein Bruch sei erstens "bloody painful" (echt schmerzhaft) und zweitens langwieriger.

Eine Hand, ganz wichtig, sollte deshalb immer dem Schiff gehören. Im Klo, am Bett, überall sind Griffe angebracht. Und die sind da nicht umsonst. Die sollte man unbedingt benutzen. "Haltet euch fest!", waren seine warnenden Worte, während er selbst freihändig auf der Bühne stand und zum lebenden Metronom wurde. Anschließend konnte man sich anstellen und eine Art Hostie für zu hohe See abholen. Eine Pille gegen Seekrankheit. Nicht bei jedem wirksam. Kann ich bezeugen. Aus meiner benachbarten Kabine, die sich drei Italiener aus Bologna teilen, kamen eindeutige Geräusche. Es sei denn, es gibt hier einen brunftigen Elch an Bord.

Am nächsten Morgen wurde dann das ganze Expeditionsteam vorgestellt. Es gibt für alles einen Experten an Bord. Zoologen, Ornithologen, Biologen, Historiker und so weiter. Der einzige Name, der mir davon hängen geblieben ist: Karl-Heinz, der Hotelchef aus Österreich, der bisher einen exzellenten Job macht. Muss man sagen. Danach konnten wir dann an der ersten Vorlesung zum Thema "Gondwana und Kontinentaldrift" teilnehmen. Man kann es auch sein lassen. Jedenfalls habe ich in guter, alter Schulmanier geschwänzt. Desgleichen das 15-Uhr-Programm: "Mysteries of the ocean wanderes" - eine Dokumentation über Albatrosse. Ich tat stattdessen das einzig Vernünftige, wie ich fand, nämlich an Deck zu gehen und mir die Tiere live anzusehen. Das schien mir irgendwie sinnvoller. Sonst könnte man ja auch sämtliche Mahlzeiten auf Video konsumieren, obwohl sie nur ein Deck tiefer serviert wird. Das macht auch keiner.

Dekontamination gegen Pusteblumen

Wanderalbatrosse sind die Segelflugzeuge unter den Seevögeln. Sie haben eine beeindruckende Spannweite, bis zu 3,50 Metern, und segeln oder sitzen auf und zwischen den Wellen herum. Erst wenn sie sieben Jahre alt sind, hat mir der Vogelkundler gesagt, ziehen sie gen Land und paaren sich. Da Land im Südpazifik ziemlich rar ist, sind die wenigen Plätze gut besucht. Einen dieser Plätze laufen wir morgen früh an: die Macquarie-Insel. Außer den Albatrossen findet man dort die weltweite größte und einzige Königspinguinkolonie, dazu 100.000 Seehunde, Seelefanten, circa 24 Wissenschaftler plus maximal 600 Besucher pro Jahr, die nur für ein paar Stunden zugegen sein werden und sich artig benehmen müssen.

Dazu gehört, dass man kein Essen mit auf die Insel nimmt, nicht raucht, keinen Krach macht, zu den Tieren einen Mindestabstand von fünf Metern hält und lieber wartet, dass sie zu einem kommen. Wie sensibel und schützenswert dieses Ökosystem ist, zeigt sich schon daran, dass unsere Klamotten, die wir morgen tragen wollen, dekontaminiert werden müssen. Es soll verhindert werden, dass wir in Hosentasche oder Klettverschlüssen verflatterte Samen anschleppen und die Evolution verwirren. Das haben schon die Robbenfänger vor uns getan.

Im Programm für den Tagesablauf steht: 16 Uhr Dekontamination. Ich dachte, Wunder was wird das denn, und war dann ehrlich gesagt ein bisschen enttäuscht, dass Hose, Fotorucksack und Jacke mittels einem simplen Staubsauger "dekontaminiert" wurden. Würde mich also nicht wundern, wenn hier nächstes Jahr eine Pusteblume wächst. Bei den durchschnittlichen Windstärken auf Macquarie hätte die ihre helle Freude daran.

Und - schon wieder praktisch - passend zum Ende kommt abermals eine Durchsage. Diesmal von der Brücke. Der Kapitän oder irgendeine Autoritätsperson spricht. Soeben wurde an Steuerbord Aurora Australis gesichtet. Auch besser als Polar- oder Südlicht bekannt. Mit anderen Worten, die Pflicht ruft. Es darf und soll gestaunt werden. Und man kann ja nicht ewig über Seekrankheit und so was schreiben.