El Salvador: Klein - und doch so groß - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

El Salvador Klein - und doch so groß

Kolibris sirren um Hibiskus-Blüten, Wasserfälle donnern - im Osten von El Salvador zieht sich die "Ruta de la Paz" durch die Berge. Ehemalige Guerilla-Kämpfer ebenso wie US-amerikanische Pioniere engagieren sich im Ökotourismus, denn nach dem Bürgerkrieg wächst das Interesse von Investoren und Touristen an dem kleine Land.
Von Bernd Kubisch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Perkin/San Salvador - "Tan pequeña - tan grande", "Klein - und doch so groß". Der neue Slogan, mit dem Mittelamerika auch in Deutschland um Touristen wirbt, ist besonders für El Salvador maßgeschneidert. Surfen, Tauchen, Vulkanwanderungen, auf dem Bergsee zwischen Kratern segeln, über die Plazas von Kolonialstädten flanieren, im Naturreservat Papageien und Orchideen zählen oder Archäologen bei den Ausgrabungen eines historischen Mayadorfes über die Schulter schauen: Alles ist möglich. Und das auf einer Fläche halb so groß wie die Niederlande. El Salvador ist der Festland-"Zwerg" des amerikanischen Kontinents. Neue Hotels, Straßen und Unternehmen zeugen davon, dass nach dem Bürgerkrieg das Interesse von Investoren und Touristen wieder wächst.

José Serafín Gómez zeigt wenige hundert Meter vom Río Sapo entfernt auf den Campingplatz mit Blockhütte, saubere Toilettenhäuschen und auf die neuen Wege. "Das haben wir alles selber gebaut, das Material vom Flussufer auf Eseln und Schultern befördert", sagt der 30-Jährige. Hier im Osten des Landes in der bergigen und flussreichen Region Morazan liegt die "Eco Albergue". Touristen schlafen und campen hier, aber auch Schulkinder, die viel über Umwelt und Geschichte lernen. Die Öko-Herberge liegt in der Nähe von Perkin, im Bürgerkrieg wichtiger Stützpunkt der linken Befreiungsbewegung Farabundo Marti (FMLN). Es gibt nur wenige Asphaltstraßen, aber viele Schotter- und Sandpisten in dieser Region. Wegweiser fehlen häufig. Gastfreundschaft und Nachbarschaftshilfe werden groß geschrieben hier im "fernen" Osten. Jeder Bewohner wird gern zum Wegweiser.

Viele ehemalige FMLN-Kämpfer engagieren sich im Ökotourismus

Selbst auf der "schnelleren" südlichen Route über Usulutan Richtung Osten und später über San Miguel und San Franciso Gotera nach Norden braucht der Bus für die gut 200 Kilometer von der Hauptstadt San Salvador bis Perkin um die sechs Stunden. Bananenhaine, ein paar Vulkane, Viehweiden, Dörfer mit flatternder Wäsche auf der Leine, gackernden Hühnern und ein paar Mangos und Melonen im Garten sowie Berge, Bäche und Flüsse gleiten am Fenster vorbei.

Señor Gómez, drahtig, flink und kaum 1,60 Meter groß, hieß "Capitan Santiago" im Bürgerkrieg, dem zwischen 1980 und 1992 fast 80.000 Menschen zum Opfer fielen. Etliche FMLN-Kämpfer wie Gómez engagieren sich heute in Nichtregierungs-Organisationen (NGO) im Ökotourismus. Manche haben kleine Restaurants, Läden oder Werkstätten. El Salvador hat heute mehr Demokratie, aber nicht weniger Armut. Viele Ex-Rebellen und Kleinbauern, die für gerechtere Landverteilung und gegen die damals von den USA unterstützten Regierungstruppen kämpften, leben weiter am Existenzminimum. Daran konnte bisher auch kaum die FMLN etwas ändern, die im Parlament stärkste Partei ist. Die Mordrate ist einer der höchsten in Lateinamerika. Naturkatastrophen sind keine Seltenheit. Perkin, 1230 Meter hoch unweit der Grenze zum nördlichen Nachbarn Honduras, ist heute "Stützpunkt" für Gäste, die an Natur, Kultur und Geschichte interessiert sind. Ausflüge führen zu Fuß, zu Ross oder mit dem Geländewagen zu Flüssen, Wasserfällen und Wäldern mit üppiger Flora und Fauna. Im Garten des Hotels "Perkin Lenca" flattern Kolibris zwischen Alamanda und Hibiskus. Auf einem Piniengewächs sitzt ein Breitschnabelmotmot. Zwischen Bungalows aus Holz und Felsgestein huschen Lurche durchs Gebüsch. Abwasser rinnt durch einen großen Naturfilter mit diversen Erd- und Pflanzen-Schichten. "Mit dem Öko-Hotel in Perkin habe ich mir einen Traum erfüllt", sagt Ronald Brenneman aus Delaware (USA). Der Mann aus der Baubranche kam als "Pionier", als das Land nach dem Friedensabkommen vom Januar 1992 dringend Investoren brauchte.

Mahnmal El Mozote zum Gedenken an Opfer einer Massenhinrichtung

In Perkin wird die Kriegsgeschichte in den Tourismus integriert. Das "Museo de la Revolución" zeigt alte Maschinenpistolen, Mörser und Funkgeräte von Rebellen wie "Capitan Santiago", aber auch eine Wandmalerei, mit der Kinder für Frieden und eine intakte Umwelt werben. Unweit von Perkin liegt El Mozote. Die Gräueltaten der Regierungstruppen in diesem Dorf gingen durch die Weltpresse. "Die Familien aus der Umgebung mussten sich hier nach Geschlechtern getrennt aufreihen. Auch die kleinen Kinder wurden getötet. Das war am 11. Dezember 1981." Der 72-jährige Dorfbewohner bestätigt am Mahnmal in El Mozote, was Chronisten berichteten. Mit gefalteten Händen gedenkt der Mann der fast 800 bekannten Toten. Ihre Namen sind hier an Wandtafeln verewigt. Zum Mahnmal gehört auch die Skulptur einer Familie: Vater, Mutter und zwei Kinder Hand in Hand.

Río Sapo, Perkin, El Mozote und andere Orte der bergigen Region im Osten des Landes, in der die blutigsten Gefechte stattfanden, gehören zur "Ruta de La Paz", "Weg des Friedens". Es gibt keine umfangreiche Beschilderung und keine touristische Vermarktung wie etwa bei der "Deutschen Weinstraße". Eine kleine Broschüre ist ein Anfang. Auch Joateca mit traditionellen Festen, Kostümen und Handarbeiten sowie Cacaopera mit einer Kirche aus dem Jahr 1660 gehören zur Friedensroute.

In El Salvador, mit knapp sieben Millionen Menschen, vorwiegend Mestizen, sehr dicht besiedelt, litt die Natur durch massiven Raubbau. Aber es gibt noch dichte Waldgebiete. Das Bedeutendste ist der Nationalpark "El Imposible". Er liegt im Westen des Landes unweit der Grenze zu Guatemala und Honduras. In dem Urwald haben über 260 Vogelarten ihre Heimstatt. Ozelot und Ameisenbär sind in dem zerklüfteten Gebiet mit Wildbächen und Wasserfällen keine Seltenheit, der Puma schon. Er scheint hier inzwischen fast ausgestorben.

Westlich von San Salvador an der Straße zwischen Sonsonate und der Kolonialstadt Santa Ana erheben sich majestätisch die Vulkane Santa Ana (2363 Meter), Cerro Verde (2030 Meter) und Izalco (1910 Meter). Von weitem sieht es aus, als würden drei grüne Pyramiden auf einer Linie in Reih und Glied stehen. Über den Kratern treiben ein paar weiße Wölkchen. Das Land hat 25 Vulkane, deren Kette mit bergigen Nebel- und Regenwäldern, Kraterseen und fruchtbarer Lavaerde wichtige Teile von El Salvador prägen. Manche Vulkane sind in Tageswanderungen zu ereichen, der Kraterrand einiger gar im Jeep.

Maya-Dorf einfacher Bauern gilt bei Forschern als Sensation

Die Mehrheit der touristischen Highlights ist von San Salvador aus in weniger als zwei Autostunden zu ereichen. Gut 60 Kilometer entfernt im Westen ist der Nationalpark "Cerro Verde" (Grüner Hügel), der sich um den Lago de Coatepeque erstreckt. In gut 2000 Meter Höhe auf dem erloschenen Vulkan Cerro Verde bietet sich ein spektakulärer Blick auf den See mit Fischer- und Segelbooten und den Izalco Volcano. Oft verhüllen Nebel und Wolken Wälder und Bergspitzen.

Tazumal, die Ruinas de San Andres sowie Joya de Cerén zählen zu den wichtigsten Maya-Stätten. Nicht Forscher, sondern Bauarbeiter entdeckten das luftdicht "versiegelte" Dorf Joya 1976 zufällig. Heute steht es als Weltkulturerbe auf der Unesco-Liste und wird von manchen "Pompeji von Amerika" genannt. Das Dorf war vor 1400 Jahren bei einem Vulkanausbruch unter bis fünf Metern hohen Aschebergen "versunken". Heute können Besucher das Freilichtmuseum besuchen und daneben beobachten, wie Archäologen Häuser, Werkzeuge und sogar "versteinerte" Ernteprodukte freilegen. Vieles wird ergänzt und rekonstruiert. Prunkvolle steinerne Paläste der Maya-Adeligen und -Priester gibt es viele. Doch die Reste eines Dorfes der einfachen Bauern - so gut erhalten - gelten bei Forschern als Sensation.

Vielerorts prägen noch Kaffee-, Zuckerrohr- und Bananenplantagen El Salvador. Industrialisierung und Dienstleistung schreiten jedoch schnell voran, vor allem mit Hilfe der 1, 5 Millionen Salvadoreños in den USA, die heute jährlich fast 2 Milliarden US Dollar in ihre Heimat pumpen. "Die Mehrheit von uns ist jedoch weiterhin arm", sagt Luis Alberto Canas in Izalco. Der Chef der "Barberia Luis" klagt über geringes Einkommen und über die Wirtschaftslage. Nach der gründlichen Rasur verteilt er diverse Düfte und Puder auf die Haut des Kunden, massiert Stirn und auch die Nase. Die belebende 30-Minuten-Prozedur kostet rund zwei US Dollar, heute die offizielle Währung des Landes.

Mehr lesen über