Ethnotourismus in Kanada: Wi'la'mola oder Wir reisen gemeinsam - DER SPIEGEL
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Ethnotourismus in Kanada Wi'la'mola oder Wir reisen gemeinsam

Im Tipi schlafen, den alten Geschichtenerzählern lauschen, auf Pow Wows tanzen: Ethnotourismus in Kanada ist im Aufwind. Gastgeber sind die über 900.000 Ureinwohner des Landes, dabei soll die Integrität ihrer Kultur stets im Auge behalten und Besuchsprogramme nur nach Rücksprache mit den Ältesten aufgelegt werden.
Von Ole Helmhausen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Schlüssel quält sich durch das alte Vorhängeschloss. Drinnen ist es duster. Am anderen Ende der Halle schälen sich vier Meter hohe Gestalten mit schrecklichen Fratzen aus dem Dunkel. Auf den Köpfen tragen sie dicke Balken, die ein vor sich hin schimmelndes Dach halten. Durch ein paar Ritzen fallen dünne Lichtspeere auf den Boden. "Dies ist das älteste Big House an der Nordwestküste", flüstert Wayne, der einheimische Führer, "damals kamen die Stämme, um bei uns ihre Zeremonien abzuhalten". Sagt's und streckt sich unwillkürlich um einige Zentimeter, es ist klar: Darauf ist er stolz.

In Kanus seien die Stämme den Fjord hinaufgefahren, und an jeder Biegung hätten seine Leute Posten aufgestellt, die vor den Agenten des Indian Bureau warnen sollten. Das für indianische Angelegenheiten zuständige Ministerium hatte in seinem Zivilisierungseifer alle Rituale verboten. Wer das missachtete, wurde eingebuchtet. "Es gab Zeiten, da standen die Abordnungen der Mamalilikala, Namgis und Mowachat hier Schlange, die Sandbank am Fluss war dann vor Kanus nicht mehr zu sehen." Die Ältesten, sagt Wayne, erinnerten sich noch gut daran.

Wayne lebt in Kingcome, British Columbia, Lichtjahre von den Totempfahl-Imitaten der Souvenirshops in Vancouver entfernt. Kingcome ist echt. Das 100-Seelen-Nest liegt, eingemauert von den steilen Zweitausendern der Coast Mountains, am Ende des Kingcome Inlet, der in die für ihre Orcas berühmte Johnston Strait mündet. Wasserfälle rauschen, Regenwälder dampfen. Eine Straße hierher gibt es nicht, wird es wohl auch nie geben. Die Einwohner, die Dzawada'enuxw, gehören zu den Kwakwaka'wakw First Nations und nennen Kingcome lieber Gwa'yi.

Tanzen auf Pow Wows, schlafen in Tipis

In dieser nebelverhangenen Isolation haben sie bewahrt, was die Obrigkeit bis in die frühen sechziger Jahre auszurotten versuchte: das Potlatch. Jene Zeremonie, zu der sich Familien in Big Houses wie diesem trafen, um Streitfälle zu schlichten, Ehen zu schließen und Geburten zu verkünden. Potlatches waren das kollektive Gedächtnis der schriftlosen Nordwestküsten-Kulturen. Erst seit den späten achtziger Jahren findet eine Rückbesinnung auf die alten Traditionen statt. Weiße Besucher sind bei diesen Veranstaltungen willkommen, seitdem es den sanften, im Einvernehmen mit den Stammesältesten betriebenen Ethno-Tourismus gibt.

Tanzen auf Pow Wows, schlafen in Tipis, schwitzen in Sweat Lodges: "Aboriginal Tourism" ist im Aufwind in Kanada. Gastgeber sind die über 900.000 Ureinwohner des Landes, Indianer, Inuit und Métis, die kulturelle Vielfalt ist enorm. Zehn Sprachfamilien gibt es und vier Hauptgruppen, in die Völkerkundler zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Nordwestküsten-, Plains-, Woodlands- und Saint-Lorenz-Tiefland-Indianer gesteckt haben. Bekannter und auch in Deutschland jedem Kind geläufig sind jedoch Stammesnamen wie Mohawk, Ojibwa, Sioux und Blackfoot. Und die im kanadischen Sprachgebrauch First Nations genannten Ureinwohner haben eines gemeinsam: Sie sind nicht länger damit zufrieden, Fotomotiv für durchreisende Touristen zu spielen und Bleichgesichter für ein Trinkgeld zum Fischen mitzunehmen.

Heute geben sie Rentabilitätsstudien in Auftrag und schreiben Geschäftspläne: 2003 sorgten von Ureinwohnern betriebene Tourismusunternehmen in Kanada für 13.000 Arbeitsplätze und erzielten Umsätze in Höhe von fünf Milliarden Dollar, Tendenz steigend. Dabei wird die Integrität der Kultur stets im Auge behalten und ein Besuchsprogramm nur nach Rücksprache mit den Ältesten aufgelegt. Welche der heiligen Orte dürfen preisgegeben werden und welche nicht? An welchen Zeremonien will man den Besucher teilnehmen lassen, an welchen nicht? Worüber darf gesprochen werden, was soll tabu bleiben?

Great Spirit Circle Trail auf Manitoulin Island

Auf Manitoulin Island im Huron-See verbindet der Great Spirit Circle Trail acht Anishnabe-Gemeinden, der Wanderer schläft in traditionellen Jagdcamps und lauscht abends den alten Geschichtenerzählern. In Nunavik, dem Inuit-Territorium der Provinz Québec, begibt man sich auf Kajak-Expeditionen und kontrolliert mit Inuit-Trappern die Netze in der Hudson Bay. In Alberta zieht man mit Pferd und Tipi in die Wildnis, geführt und bekocht von indianischen Guides, die am Lagerfeuer von Ahnen und Geistern erzählen. Auf Vancouver Island wandert man mit Namgis-Indianern auf dem Grease Trail, der uralten Handelsroute quer durch die Insel zum Pazifik.

Das touristische Angebot der kanadischen First Nations, buchbar wie jedes andere Tourismusprodukt, spiegelt ihre kulturelle Vielfalt, allen gemeinsam: das enge Band zum Land und zu den Lebewesen, die es bewohnen. Raum für Verbesserungen gibt es dennoch reichlich. In einer 2001 durchgeführten Studie empfahl das Aboriginal Tourism Team Canada den indianischen Touristikunternehmen, verstärkt Partnerschaften mit "weißen" Touristikern zu suchen, um von deren Knowhow zu profitieren.

Eben dies passiert derzeit in Kingcome. Um das Stück unverbogener Nordwestküsten-Kultur zu erleben, braucht man nicht zu paddeln, sondern kommt per Hubschrauber. Möglich gemacht hat das Craig Murray. Der End-Fünfziger mit der Tom-Waits-Stimme ist Besitzer des luxuriösen Nimmo Bay Resort ein paar Fjorde weiter. Gemeinsam mit den Kwakwaka"wakw First Nations hat er das Wi'la'mola-Projekt aus der Taufe gehoben. Das Ziel der Partner ist die Etablierung eines sanften Tourismus in dieser ebenso entlegenen wie strukturschwachen Fjordlandschaft. Murray hat dazu sein Resort und seine A-Star-Hubschrauber zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug haben seine First-Nations-Partner dem Projekt in der Gemeinde den Weg geebnet. Jeder Empfang gestaltet sich daher freundlich. Älteste werden besucht, das Programm ist flexibel genug, um auch spontanen Einladungen zu folgen, wie der der Namgis-Indianer nach Alert Bay.

Tänzer mit Donnervogel-, Orca- und Adlermasken

"Jeder Tänzer dreht sich einmal links herum, bevor er die Tanzfläche betritt", erklärt Andrea Sanborn, eine Namgis. Im Big House des Stammes, einer weitläufigen Halle mit Totempfählen und heiligem Feuer in der Mitte, treten Tänzer mit Donnervogel-, Orca- und Adlermasken auf. Die Drehung stellt die Verbindung zu den Vorfahren, den spirits, her. Ein sich wild schüttelnder, fratzenschneidender Bursche im Bastumhang folgt. Mit gespanntem Bogen und fletschenden Zähnen droht er den Anwesenden. "Das ist der Wilde Mann aus den Bergen. Mit ihm drohen wir unseren Kindern, wenn sie nicht schlafen wollen."

Andrea, eine Namgis, leitet das U'Mista Cultural Centre. Hier werden jene Potlatch-Masken und Regalia aufbewahrt, die einst von Polizisten und Indianer-Agenten konfisziert wurden. Die Staatsdiener verschoben sie gegen harte Dollars an Sammler und Völkerkunde-Museen. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis sie in wieder in Alert Bay waren. "Es gab keinen besseren Weg unsere Kultur zu demontieren, als das Potlatch zu verbieten", sagt Andrea. Dabei klingt sie überhaupt nicht nachtragend. "'Wi'la'mola' heißt nicht umsonst 'Wir reisen gemeinsam'."