"Everest"-Produzent David Breashears im Interview - DER SPIEGEL
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Bergsteiger-Drama "Everest": Chaos auf dem Achttausender

Foto: Universal Pictures

"Everest"-Produzent David Breashears Achttausender-Feeling in den Alpen

Selten zeigte ein Film eine Achttausender-Expedition so realitätsnah wie "Everest", obwohl er größtenteils in den Alpen gedreht wurde. Co-Produzent David Breashears über moderne Filmtechnik - und Entscheidungen, die zu Tragödien führen.
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Foto: Oliver Walterscheid

David Breashears, 59, ist ein amerikanischer Filmemacher und Abenteurer. Unter anderem arbeitete er an den Erfolgsfilmen "Sieben Jahre in Tibet" und "Cliffhanger" mit. Fünfmal stand er auf dem Gipfel des höchsten Berges der Erde, sein "Everest - Gipfel ohne Gnade" (1998) wurde zum bis dahin erfolgreichsten Film in Imax-Technik.

Stau am Hillary Step. Bergsteiger in dicken Hightech-Overalls harren aus, frieren, ihre Hände werden immer gefühlloser. Mit jeder Minute, die sie hier verlieren, bringen sie sich in größere Gefahr, denn spätestens um 14 Uhr sollte der Gipfel erreicht sein, damit noch ein halbwegs sicherer Abstieg möglich ist.

Wer sich für den Mount Everest interessiert, kennt solche Bilder, wie sie der neue "Everest"-Film zeigt, kennt Fotos von viel zu vielen Menschen, die sich auf einer engen Route tummeln. Alle müssen für ihren Gipfeltraum durch dasselbe Nadelöhr.

Der Film zeichnet die Ereignisse im Frühjahr 1996 nach, der bis dahin katastrophalsten Saison am höchsten Berg der Erde. Acht Menschen starben in einem Unwetter, darunter die erfahrenen Bergführer Rob Hall und Scott Fisher.

Kinozuschauer können die Tragödie, die speziell durch den weltweiten Erfolg des Buches "In eisige Höhen" von Jon Krakauer eine enorme Aufmerksamkeit erregt hat, ab Donnerstag in 3D nacherleben. Wohl noch nie ist es einem Spielfilm gelungen, die Umstände einer Everest-Expedition so realitätsnah darzustellen. Dazu wurden Bilder der Schauspieler, die in den Dolomiten gedreht wurden, in Aufnahmen vom höchsten Berg der Erde montiert.

David Breashears war für die Filmarbeiten am Mount Everest verantwortlich, außerdem gab er den Schauspielern einen Crashkurs darin, wie sich Höhenbergsteiger bewegen. Der 59-Jährige ist Experte: Er stand fünfmal auf dem höchsten Gipfel der Welt und war im Katastrophenjahr 1996 selbst am Berg, um einen Imax-Film zu drehen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Breashears, in "Everest" können Kinobesucher torkelnde Gestalten beim Höhenkoller in die Todeszone begleiten und miterleben, wie ein plötzlicher Wetterumschwung zu einer tödlichen Katastrophe führt. Wird der Film bewirken, dass weniger Bergsteiger auf den höchsten Berg der Erde wollen? Oder mehr?

David Breashears: Ich glaube nicht, dass ein Film viel ändern wird. Der Mount Everest ist sowieso sehr präsent in allen Medien und wird immer eine große Anziehungskraft haben. Sicher werden einige Kinobesucher sagen: "Das ist genau die Herausforderung, die ich gerne hätte." Andere dagegen werden denken: Wenn die Erfahrung so ist, wie man dort sehen kann, ist das nichts für mich.

SPIEGEL ONLINE: Generell hat der höchste Berg der Erde keinen Bedarf an zusätzlichen Gipfel-Aspiranten.

Breashears: Der Everest hat seine Kapazitätsgrenze erreicht. Bei Filmarbeiten 1983 waren wir das einzige Team dort, 1996 waren mehr als 200 Menschen im Basecamp, dieses Jahr 1200. Das ist kein temporäres Camp mehr, sondern ein temporäres Dorf mit Discozelt. Eine der Expeditionen dieses Jahr bestand aus 70 Bergsteigern und 250 Helfern.

SPIEGEL ONLINE: Sie präsentierten 1983 als Erster Live-Filmmaterial vom Mount Everest, 1996 drehten Sie einen sehr erfolgreichen Imax-Film, nun "Everest 3D". Wie hat sich die Technik über die Jahrzehnte verändert?

Breashears: 1983 hatten wir noch Kameras mit einer Bildaufnahmeröhre. 1996 hatten wir modernere Sensoren, aber noch kein digitales Speichermedium. Für die Imax-Technik brauchten wir 115 Meter Film pro 90 Sekunden, allein durch die Filmrollen ergab sich ein großes Gewicht. Was heute wirklich besser ist, sind die Möglichkeiten bei optischen Effekten: Wir konnten für den Hintergrund Bewegtbilder vom Everest verwenden, während im Vordergrund Schauspieler zu sehen sind, die ihre Einstellungen in viel niedrigeren Höhenlagen gedreht haben.

SPIEGEL ONLINE: War es schwierig für die Schauspieler, über einen Alpengletscher zu stapfen und dort so zu tun, als seien sie in der Todeszone auf dem höchsten Berg der Erde unterwegs?

Breashears: Es sollte so realistisch wie möglich aussehen. Besonders wichtig war deshalb, die Schauspieler zu schulen, wie man auf 6300 Höhenmetern läuft, wie auf 7000 und wie auf 8000.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man aus einer Bergkatastrophe lernen, wie sie nun der Film zeigt?

Breashears: Vielleicht eines: Dass gerade dann, wenn wir besonders gut sind in einer Sache, wir manchmal eher anfällig sind für Fehler. Der Bergführer Rob Hall wollte unbedingt, dass sein Kunde Doug Hansen zum Gipfel kommt…

SPIEGEL ONLINE: …ein Postbote, der im Vorjahr schon einmal kurz vor dem Gipfel umgekehrt war und sich einen weiteren Versuch wohl niemals hätte leisten können. Obwohl es längst sehr spät war und Doug kaum noch bei Sinnen war vor Erschöpfung, brachte Hall ihn nach oben - beide kamen kurz darauf ums Leben.

Breashears: Es ist so schwer, jemanden um seinen Lebenstraum zu bringen. Rob Hall hatte ein gutes Herz und gute Absichten, aber in dem Moment hat er als Bergführer die falsche Entscheidung getroffen.

Im Video: Die Filmkritik zu "Everest"