Australien: Känguru-Sex am Straßenrand
Eyre-Halbinsel in Australien Mit Karacho zum Känguru
Eine Verkehrswarnung im Outback sieht so aus: Tourguide Geoff sitzt am Steuer und funkt seine Frau Reen an, die ihm in einem zweiten Geländewagen folgt. "Zwei fette Echsen voraus, links neben dem Silbergrasbusch."
Geoff bremst ab, umfährt die trägen Tiere. Reen tut es ihm gleich. Dann geht es weiter, der Konvoi schiebt sich durch rostbraunen Staub, Geröll und raue Hügelketten.
Wenig später funkt Reen zurück: "Emu-Familie, rechts am Hang, vier gestreifte Küken". Die Besucher sind entzückt.
Geoff - Typ Hardy Krüger in seinen besten Jahren - lockt die Herde mit Pfiffen, doch vergeblich: Emus sind scheu, sie laufen davon, ihre Gefieder wippen dabei wie die Baströcke einer Hula-Tanzgruppe.
Auf der Eyre Peninsula im Süden Australiens lebt die lokale Tierwelt unbehelligt wie selten. Die Halbinsel ist etwas kleiner als Bayern und im Vergleich zu populären Reisezielen des Kontinents unerschlossen. Fern von den Hotspots um Sydney und Perth ist Highway-Reisenden der Abstecher in die Region oft zu umständlich.
Die wilden Ecken der Landzunge sind nur mit Allradantrieb befahrbar - buckelige Sandpisten sind von Felsbrocken übersät, manchmal geflutet, teilweise überwuchert. Die nächste größere Stadt, Südaustraliens Zentrum Adelaide, ist 600 Kilometer entfernt.
"Wanna have some fun?"
Die Touristen, die sich hierher verirren, verlassen sich auf die wenigen Tourguides der Region - und jene haben ein gutes Nischengeschäft entdeckt. Reen und Geoff kutschieren kleine Besuchergruppen im Geländewagen durch die Gawler Ranges im Norden der Halbinsel, einen der jüngsten Nationalparks Australiens. Konkurrenz gibt es keine.
Das Gebiet ist ehemaliges Farmland, ein amerikanischer Investor wollte es ursprünglich zum Vergnügungspark für Reiche ausbauen, erzählt Geoff. Dass die Regionalregierung das Gelände dann doch zum Naturschutzgebiet erklärte, kommt dem Outback-Profi nicht gerade ungelegen: Sein Geschäft mit den Besuchern blüht, mittlerweile betreibt er auch ein eigenes Safari-Camp im Herzen des Parks - rustikale Holzbetten, nostalgische Zelte und Grillsteak-Dinner inklusive.
Auch Phil und Amanda Porter leben von der Wildnis, sie organisieren Touren durch die Sandhügel des Lincoln-Nationalparks im Süden der Halbinsel. "Sehr unberührt" sei die Region, erklärt Phil, und das Outdoor-Autokino gibt ihm Recht: Im Minutentakt rennen Emus durch die Kulisse, am Pistenrand hockt ein Känguru.
Eigentlich sind es zwei - das eine sitzt auf dem anderen.
Die Reisegruppe beobachtet interessiert. Wie nett, ein Känguru trägt das andere! Dann fällt der Groschen. Man entfernt sich diskret.
"Das ist sogar für uns selten", sagt Amanda beim Lunch, "ein Känguru bei der Paarung zu überraschen." Auf dem Arm trägt sie Oliver, ein Känguru-Baby. Oliver ist verwaist und wohnt jetzt in einer alten Wäschetasche der Porters. Wenn er groß ist, soll er auf ihrem Farmgelände leben.
"Wanna have some fun?", fragt Phil nach der Pause und wartet die Antwort gar nicht erst ab. Mit Karacho fährt er den Wagen auf einen steilen Sandberg, einhändig, auf den Rücksitzen wird gegrölt. Schlingernd geht es die Düne hinunter, und wieder hinauf - so geht Achterbahn-Fahren auf Australisch.
Liebesgrüße von Orlando Bloom
Auf Safari fühlt man sich Lichtjahre von der Zivilisation entfernt - obwohl etwa das nächste Krankenhaus nur 30 Kilometer entfernt ist. Menschen wirken wie Fremdkörper in der derben Natur, etwa am Lake Gairdner, dem gleißend weißen Salzsee im Zentrum der Gawler Ranges, wo Salzkristalle wie Harsch unter den Wanderstiefeln knirschen. Kaum vorstellbar, dass hier schon ein Bollywood-Film gedreht wurde. In Baird Bay am Westufer der Halbinsel tollen Seelöwen mit schnorchelnden Besuchern herum.
Neulich urlaubte Supermodel Miranda Kerr auf einem Privatgehöft in Gawlers, erzählt Reen. Ehemann Orlando Bloom ließ sich per Festnetz ins Safari-Camp durchstellen - Handy-Empfang gibt es in den meisten Nationalparks nicht. Man solle Miranda ausrichten, dass er sie liebe. Ein Seufzen geht durch die Gruppe. Touristen lieben Geschichten wie diese.
Die passionierten Buschkenner Reen und Geoff wissen das für sich zu nutzen. Anders geht es wohl nicht: Jährlich kommen viereinhalb Millionen Touristen nach Australien, Hunderte Nationalparks und Tausende Tourenanbieter buhlen um ihre Aufmerksamkeit.
Das große Plus der Region ist die ungewöhnlich hohe Population von Wildtieren. "Hier muss man Kängurus nicht erst mit Keksen anlocken", sagt Geoff stolz. Ein Seitenhieb auf Wildlife-Parks in Australien, die Tiere in abgesperrten Geländen zeigen und für ihre Werbebroschüren Koalas stümperhaft vor eine Strandkulisse photoshoppen.
Jagd nach Bodenschätzen
Die Halbinsel könnte sich jedoch bald dramatisch verändern: Die Bodenschätze von Eyre gelten längst nicht als ausgeschöpft. Minenfirmen versprechen sich Milliarden an Exportgewinnen und betreiben reichlich Lobbyarbeit, um die magere Infrastruktur auf der Landzunge voranzutreiben.
Im Osten ist eine gigantische Aufbereitungsanlage für Seltenerdmetalle - genutzt etwa in der Produktion von iPods - geplant. Auch nahe der 600-Einwohner-Stadt Wudinna, nicht weit von Gawlers entfernt, sind Probebohrungen im Gange.
Mehr Minen - das hieße mehr Verkehr, mehr Unterkünfte, mehr Geld - und möglicherweise auch mehr Touristen. Geoff sieht es gelassen: "Wir haben sehr viel Platz, mit einer vernünftig geplanten Infrastruktur wird uns das nicht bedrohen."
Eine viel größere Gefahr seien "falsch kontrollierte" Buschfeuer oder ein "irrsinniges Pflanzenmanagement". Ranger und Parkverwaltung würden hauptsächlich "Papiere ausfüllen", anstatt sich mit erfahrenen Einheimischen zusammenzusetzen - "ein weit verbreitetes Problem in australischen Nationalparks".
Das Worst-Case-Szenario für Gawlers seien nicht die Minen, sondern Fremdgewächse, die das natürliche Futter der einheimischen Tiere eliminierten, meint Geoff. "Das, und mehr Tourenanbieter in der Region", sagt er lachend. Und meint es wohl nur halb im Scherz.