Faszination Indien "Du wollen Postkarte? Gans billisch..."
Der Kugelschreiber löst eine Revolution aus: Von nun an schreien und betteln dutzende Kinder mit dunklen Kulleraugen unablässig um das Utensil. "A pen, please, a pen", flehen die Kleinen von Udaipur. Wie Trauben hängen sie fortan an den weißhäutigen Fremden, neugierige Blicke klammern sich fest an Block und Bleistift, Rock und Rucksack.
Ihre Mütter, Tanten und Schwestern sitzen in ihren leuchtend gelben, orangen und grünen Sari auf dem staubig-grauen Boden, flechten Bambuskörbe, und aus ihren lachenden Gesichtern blitzen die weißen Zähne. Am Straßenrand und vor den Häusern verkaufen die Väter, Onkel und Brüder Jalebi, Klebrig-Süßes aus Kichererbsen, weißen Ton zum Haarefärben, Pinsel aus Kamelwimpern, Ingwer, Chili und "Chips" aus Kartoffelhaut.
Über offenen Feuerstellen brutzeln die Männer seelenruhig ihr Mittagsmahl. Alte, magere Männer schieben schwer beladene Karren durch die Menge, knochige Esel mühen sich in den engen Gassen den Berg hinauf, dazwischen klingeln Fahrräder, kurven Mopeds und hupen Autos. Nur die Kühe schauen stumm. Die heiligen Tiere der Hindu leben unbehelligt im Chaos.
Udaipur ist Indien pur. Einzutauchen in den bunten, quirligen Alltag dieser 500.000 Einwohner zählenden Rajputen-Stadt an den Ausläufern der Wüsten begrenzenden Aravalli-Berge rund 700 Kilometer südwestlich von Delhi bedeutet, seine Sinne neu zu schärfen für ein Land mit tausend Gesichtern. Nur 100.000 Touristen besuchen den als "Stadt der Paläste" und "Stadt der Seen" gepriesenen Ort pro Jahr. Die Stadt Agra mit dem Taj Mahal absorbiert diese Menge in einer Woche.
Marmorwerke, Silber- und Goldminen ringsum haben Udaipur zu einem relativen Wohlstand verholfen; trotzdem gibt es noch immer kein Kino und keine internationalen Restaurants. Nur vereinzelt durchbricht der westliche Einfluss den orientalischen Schleier aus Tausendundeine Nacht: Mitten im Altstadt-Gewühle, hinter einem schmutzigen Hauseingang, überspannt unübersehbar ein weißes Transparent die engen Gassen: Es wirbt für ein Internet-Café.
Inkarnation des Reinen
Überall begegnet dem Indien-Reisende der Widerspruch. In Agra, vor und hinter den Toren des mächtigen Taj Mahal, ist dieser besonders extrem. Die Stadt selbst ist ein Slum, aus dem der weiße Marmorpalast herausragt wie die Inkarnation des Reinen.
Entsprechend aggressiv kleben die Souvenirjäger an den Beinen der Taj-Touristen. Organisierte Bettler sind nicht mehr von wirklich armen Kindern und bedürftigen Krüppeln zu unterscheiden. "Hallo, Mister", plappert ein Zehnjähriger in Deutsch los. "Du wollen Postkarte? Gans billisch..." Die Herzlichkeit der Menschen von Udaipur ist in Agra verkäuferischem Kalkül gewichen.
Der oktogonale Grabpalast für die Lieblingsfrau des Großmoguls Shah Jahan spiegelt sich märchenhaft in den Wasserbassins davor, die in der Fassade eingearbeiteten Lapislazuli, Achate, Smaragde und Perlmutt schimmern in der Sonne. Ein faszinierender Ort, wären da nicht die rabiate Handtaschenkontrolle am Eingang und die vielen keifenden Touristen.
Die Massen machen Agra zu schaffen: Unbeachtet flattern am Ausgang des Kulturerbes rote Buchstaben über ein digitales Band. "Pollution Control Board" sagt die Schrift. 500 Meter weiter, vor den Toren des Taj Mahal, atmen alle wieder die gleichen Abgase ein und waten im Müll.
Der Tourismus modelliert mit an Indiens modernem Gesicht. Und immer häufiger kombiniert er die Schönheit des Orients mit dem Entspannungsbedürfnis des Okzidents. Tourismus-Visionäre haben erkannt: Wer tief eintaucht in die Kultur und die Menschen Indiens, braucht nach drei Tagen eine Atempause.
Komfort des Westens
Deshalb entdecken derzeit vor allem internationale Hotelgesellschaften Indien: Die Méridien-Kette plant allein acht Häuser in ganz Indien, Mandarin Oriental Hotels verwandelten einen alten Maharadscha-Palast in Ananda am Fuße des Himalajas in eine Ferienoase. Und die indischen Oberoi-Hotels bauten das Rajvilas in Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans, wie ein 350 Jahre altes Fort.
Sandfarbener Kalkputz, ähnlich jenem an den Palästen der reichen Herrscher, bedeckt die dicken Mauern dieses Hotel-Forts. Die Farbe erinnert an die hohen Mauern in der Altstadt von Jaipur, der legendären "Pink City". Die 60 Elefanten in der Stadt sind einzig dazu da, die Touristen sicher zu dem Sehenswürdigkeiten zu tragen: zum sehr schön erhaltenen Stadtpalast, zum Palast der Winde - der fünfstöckigen, 900 Fenster zählenden Fassade für die Palastfrauen - und dem weltgrößten Observatorium mit seinen immer noch funktionstüchtigen skulpturenhaften Sonnenuhren.
In diesem Umfeld kombiniert das Rajvilas die Wurzeln Indiens mit dem Komfort des Westens. Der Gast lebt in luxuriösen Zelten, unter Spitzdächern aus beigem Stoff mit feinsten Edelstickereien in Braun und Silber.
Und irgendwo, zwischen dem 250 Jahre alten Tempel und dem neuen Pool, zwischen dem Spa mit seinen Ayurveda-Behandlungen und den Luxuszelten, den grünen Palmen und blühenden Bougainvilleas, winkt der "Pigeon Man": Ein junger Inder spaziert den ganzen Tag durch den Hotelgarten, unermüdlich mit einer weißen Flagge winkend.
Bhavar verscheucht Tauben, die sich an den Türmen und Zinnen des Hotelforts niederlassen wollen. Neugierige Gästen möchten gern mehr über die Arbeit des "Pigeon Man" erfahren, und Bhavar hat sich darauf eingestellt: Der junge Inder lernt Englisch.