Ferieninsel Bali Das entzauberte Paradies
Die Sonne brennt auf den Markt von Ubud, und Dayu kann endlich Aufatmen. "Du bringst mir Glück", sagt die Andenken-Verkäuferin mit schiefen Zähnen und strahlendem Gesicht, "Du bist heute mein erster Kunde." Es ist 16 Uhr nachmittags. Früher strömten um diese Zeit Touristen in Massen in das Künstlerdorf, Dayu und ihre vielen Kollegen hatten ein gutes Auskommen. Doch seit dem 1. Oktober 2005 ist auf Bali alles anders.
An diesem Tag sprengten sich am Strand von Jimbaran im Südwesten der Insel zwei Selbstmordattentäter in die Luft. Fast zeitgleich zündete ein dritter Attentäter in einem Steakhouse am belebten Kuta Beach eine Bombe. 19 Menschen wurden getötet, mehr als 130 verletzt. Es war das zweite Mal, dass der Terror Bali traf. Bereits im Jahr 2002 waren Bomben muslimischer Extremisten explodiert. Damals kamen 202 Menschen ums Leben, die meisten stammten aus Australien.
Schlagartig kehrten daraufhin nicht nur Australier der "Insel der Götter" den Rücken. Zwei Jahre brauchte der Tourismus, um sich einigermaßen zu erholen. Jetzt muss Bali schon wieder ganz von vorne anfangen. "Mit Anschlägen muss auch in Zukunft gerechnet werden", heißt es in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amts. Als gefährdet gelten Hotels, Botschaften, Einkaufszentren und touristische Einrichtungen. Zwar ist Hass auf westliche Ausländer, wie er wegen der dänischen Mohammed-Karikaturen auch im bevölkerungsreichsten islamischen Land Indonesien aufkam, auf Bali nicht zu spüren. Mehr als 95 Prozent der 3,5 Millionen Balinesen sind Hindus. Doch das Vertrauen der Urlauber ist weg.
Beispiellose Aufrüstung
Alexander Nayoan rückt seine Brille zurecht und lächelt leicht gequält. "Wir sind zu 25 Prozent belegt", sagt der Manager des "Four Seasons Hotel Sayan". "Vor einem Jahr um diese Zeit waren es 60 Prozent." Die Luxusherberge schmiegt sich an die steilen Hänge einer mit dichtem Grün bewachsenen Schlucht. Im Tal plätschert der Ayung River an Reisterrassen vorbei. 229 Mitarbeiter kümmern sich um die 60 Zimmer. An diesem Abend sitzen im Restaurant "Ayung Terrace" acht zahlende Gäste. "Ich hoffe, dass die Leute schnell vergessen", sagt Nayoan. Gut 80 Prozent der Menschen auf Bali leben vom Tourismus.
Nach Angaben der balinesischen Tourismusbehörde brach die Gesamt-Besucherzahl in der Zeit zwischen Oktober und Dezember 2005 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 40 Prozent ein. Nur noch 220.000 Gäste landeten auf Bali. Im Januar lag das Minus offiziell bei 22 Prozent. Viele halten diese Zahlen noch für geschönt. "Unerfreuliche zweistellige Rückgänge", bestätigt TUI-Sprecher Robin Zimmermann in Hannover.
Touristen muss man jetzt auf Bali regelrecht suchen, viele Hotels wirken wie ausgestorben. Auch in den Tausenden von Billig-Absteigen und privaten Unterkünften ist nichts los. In den Restaurants, Kneipen und den Einkaufszentren bleiben die Einheimischen meist unter sich.
Mit einer bislang beispiellosen Aufrüstung wollen Regierung und Tourismusunternehmen der Flaute Herr werden. Wachleute mit Maschinenpistolen kontrollieren die Hotelzufahrten. So wie früher an der innerdeutschen Grenze, blicken Uniformierte mit Spiegeln unter die Autos. Bevor Hotelgästen zur Begrüßung eine Blumenkette umgehängt wird, beschnüffeln Sprengstoff-Spürhunde ihr Gepäck.
Opferschälchen voller Blumen
"Außer Satellitenüberwachung haben wir hier alles", sagt David Wilson, Manager des "Ritz-Carlton"-Hotels. Auch in Restaurants und Einkaufszentren werden die Besucher am Eingang gefilzt - mal scharf, mal weniger gründlich. Den Strand von Jimbaran Bay, wo zwei der drei Bomben vom Oktober 2005 hochgingen, umspannt jetzt ein mannshoher Metallzaun. Der Zugang ist nur nach einer Tascheninspektion erlaubt. Über Hauptstraßen und öffentliche Plätze wachen Videokameras.
Im Landesinneren dagegen treffen Besucher noch immer auf eine Welt, in der Lebensfreude und Leichtigkeit den Alltag zu bestimmen scheinen. Eine Welt, in der sich die Natur üppig und verschwenderisch zeigt und in der die Zivilisation verblasst. Die Menschen auf Bali, die Reisbauern, die Taxifahrer und auch Souvenir-Verkäuferin Dayu haben ihre eigene Art, mit dem Geschehen umzugehen: Sie stellen Opferschälchen voller Blumen auf. Das soll die Götter gnädig stimmen. Es sind so viele Schalen wie nie zuvor.
Heiko Reuter, gms