Fes Zauber des alten Maghreb
Fes - Wer den alten Maghreb erleben will, jene Kulturlandschaft im Nordwesten Afrikas, ist hier am richtigen Ort: In der Altstadt von Fes, der ältesten der vier marokkanischen Königsstädte, trotzen die Menschen der modernen Welt. Zum Beispiel die mächtige Zunft der Gerber: Die Handwerker bearbeiten in ihrem Viertel nahe des Fes-Flusses frisch abgezogene Tierhäute zu Leder und färben sie dann per Hand in Steinbottichen - so wie ihre Vorfahren es taten, ungeachtet des für europäische Nasen bestialischen Gestanks. Und die Gewürzhändler im Souk el Attarine hocken in Nischen von der Größe eines Kleiderschranks und verkaufen allerlei Wohlriechendes.
Auch wenn hier und da ein Transistorradio plärrt, Handys klingeln oder der Fernseher kaum beachtet sein Programm ausstrahlt - die Schneider rattern die Nähte noch mit ihren alten, fußbetriebenen Maschinen. Ruft der Muezzin zum Gebet, ruht das Geschäft. Autos sucht der Besucher vergebens - in den etwa tausend engen, verwinkelten Gassen gäbe es für sie auch kein Durchkommen. Wer Lasten transportieren muss, benutzt einen Esel oder mietet einen Träger. "Die Traditionen sitzen noch sehr tief in den Menschen", erklärt Mohamed Saadi, ein Student, der sich gelegentlich als Fremdenführer verdingt.
Fes besteht aus drei Teilen. Es gibt erstens das alte al-Bali, gegründet zu Beginn des 9. Jahrhunderts, zweitens al-Dschedid aus dem 13. Jahrhundert mit seinem Königspalast und drittens die von der damaligen Protektoratsmacht Frankreich ab 1916 auf einem Plateau über den alten Bezirken errichtete Ville Nouvelle nach europäischem Stil. "Besucher sollten ihre Zeit auf al-Bali konzentrieren", rät Saadi. "Hier liegen die interessantesten Stätten." Die Unesco hat dieses historische Kleinod längst zum Weltkulturerbe erklärt. Der Titel und auch bereitliegende Gelder können den fortschreitenden Verfall der Altstadt aber nicht verhindern. Es wird zwar renoviert, doch die Mehrheit der Bewohner will den Bautrupps nicht weichen.
Einen hervorragenden Überblick über die Stadt bietet die steil an den benachbarten Hängen gelegene, "Tour du Fès" genannte 16 Kilometer lange Umgehungsstraße. "Eine Fahrt hier ist ein absolutes Muss", sagt Saadi. Mit Glück und vor allem Geld lässt sich die beeindruckende Aussicht aber auch vor das Hotelfenster zaubern. Das luxuriöse "Palais Jamai" liegt direkt am Rande von al-Bali am Bab Guissa, einem der zahlreichen Stadttore. Bei offenem Fenster hört man hier den frühmorgendlichen Ruf des Muezzin, vom Vogelchor im Hotelgarten lautstark begleitet. Andere Touristenhotels liegen in der Neustadt.
"Engagieren Sie einen der Führer mit staatlicher Lizenz", empfiehlt der Geschäftsmann Khalid Zemmouri, der auf der Bahnfahrt nach Fes mit im Abteil sitzt. "Der bringt Sie durch das Labyrinth der Altstadt direkt zu den wichtigen Sehenswürdigkeiten und hält Ihnen zu aufdringliche Händler vom Leib." Der Tipp erweist sich als richtig, denn schon nach wenigen Schritten durch das enge Gassengewirr geht dem Fremden die Orientierung verloren. Der Führer Saadi, hier aufgewachsen, sagt lachend: "Lassen Sie sich vom unscheinbaren Äußeren der Gebäude nicht täuschen." Er öffnet das schmale Tor zu einem Wohnhaus. In einem kleinen Garten mit Zitrusbäumen plätschert ein Brunnen, die Wände sind mit Kachelmosaiken verkleidet.
Fes war Marokkos Mittelpunkt, bis 1912 die Franzosen das Land unter ihr Protektorat stellten und die Hauptstadt nach Rabat verlegten. Der Hafen Casablanca stieg zum Wirtschaftsplatz auf. "Aber Fes blieb das geistig-religiöse Zentrum", sagt Saadi und lenkt die Schritte zur Karaouine, der Mitte des 9. Jahrhunderts gegründeten islamischen Universität und Moschee. Der Zutritt ist nur Gläubigen gestattet, doch durch die 14 Tore lässt sich ein Blick auf die Pracht werfen. Bis zu 22.000 Menschen finden hier Platz. Die Bedeutung der Karaouine wird mit der der Azhar-Moschee in Kairo verglichen.
Um islamische Baukunst aus der Nähe zu demonstrieren, geht Saadi zur Medersa Bou Inania aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, der größten und auch schönsten Koranschule der Stadt. Der Boden des Hofes besteht aus weißen Marmorfliesen aus Carrara, die Räume sind reich verziert. Etwa drei Jahrzehnte jünger ist die ebenfalls für Besucher geöffnete Medersa Attarine, deren Innendekor noch aufwendiger gestaltet wurde. Hohe maurische Baukunst zeichnet auch die als Wallfahrtsort stark besuchte Grabmoschee des Stadtgründers Moulay Idriss II. aus. Nichtmuslime können von außen einen Blick auf einen Vorraum werfen. Entsprechend dezentes Benehmen und auch Kleidung sind nicht nur in diesem Teil der sehr konservativen Stadt empfehlenswert.
"Fes hat eine Identität bewahrt, die der Zeit, der modernen Welt und jeglichem Willen nach Veränderung trotzt", schrieb der 1944 geborene, in Paris lebende marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun einmal über seine Heimatstadt. Wer sich einmal durch al-Bali treiben lässt, kann das nur bestätigen.
Von Horst Heinz Grimm, gms