Florida Am Quell des Lebens
Florida ist zauberhaft. Und damit meine ich nicht den künstlichen Zauber der Freizeitparks, des makellosen Grüns der Golfplätze oder der Luxushotels an den Stränden. Nein, ich denke an einen Zauber aus uralter Zeit. An die Magie, die fortlebt an den Gestaden des Ozeans, in uralten Sagen von guten wie bösen Geistern des Meeres und in Abenteuergeschichten über Seefahrer und Piraten.
Ich habe dieses Flair Floridas zum ersten Mal empfunden, als ich in den späten Sechzigern nach Key West kam. Ich wollte dem Geist meines Großvaters nachspüren auf dieser Insel, die er wegen ihrer sanften Schönheit und der ungeschliffenen Art ihrer Bewohner geliebt hatte.
Ich war von zu Hause abgehauen, in einem verbeulten Ford. Nachts schlief ich auf der Rückbank. Ein paar Meilen vor Key West parkte ich, müde von der langen Fahrt, nachmittags am Straßenrand und legte mich an den schmalen Strand. Das rauschende Meer sang mir ein Schlaflied, das ich nie vergessen werde.
Als ich aufwachte, mich aus dem heißen Sand erhob und mein Gesicht im Wasser erfrischte, hatte die Flut den Ozean bis vor meine Füße gespült. Die Sonne stand eben noch über dem Horizont, das letzte Licht des Tages lag silbern auf dem Wasser. Die Wolken im Westen fingen an zu leuchten. Staunend beobachtete ich, wie sich das blasse Pink über dem Golf von Mexiko in Sekundenschnelle in ein tiefes Rot verfärbte.
Die Indianer schöpften mit Muscheln Wasser
Bis zu den Knöcheln im hereinströmenden Wasser stehend, hörte ich dem Meer zu, wie es die knorrigen Wurzeln der Mangroven flutete. Plötzlich spürte ich einen kräftigen Schlag gegen meinen Fuß. Neugierig, was meine Hand berühren würde, bückte ich mich und fischte eine Muschel aus dem Wasser. Ich war überrascht, wie schwer sie war, musste meine Hand weit öffnen, um sie ganz zu umfassen. Aber sie lag dort wie angeschmiegt, so, als hätte sie nie eine andere Bestimmung gehabt.
Wasser und Korallenstückchen flossen heraus. Für einen Augenblick fiel ein letzter, vom Meer reflektierter Lichtstrahl in die Muschel und leuchtete ihr perlmuttenes Inneres aus. Sie wirkte wie ein neu geschaffenes Wesen, ihre Öffnung war wie eine Locke aus geschmolzenem Glas. Dabei war sie alt, die Stacheln, die normalerweise scharf und spitz sind, waren abgeschliffen und nur noch runde Höckerchen. Später erst habe ich gelesen, dass die Indianer mit diesen Muscheln Wasser schöpften, Hammer, Messer und anderes Werkzeug daraus fertigten und sie als Horn nutzten, um sich gegenseitig zu rufen, um Gefahren anzuzeigen oder Heimkehr, Geburt oder Tod.
Auch die weißen Siedler, die später auf den Keys lebten, benutzten die Muscheln. Sie machten Mörtel daraus, und auch sie verkündeten das Kommen und Gehen des Lebens mit dem Muschelhorn. Bereits an diesem ersten Abend auf Key West, lange bevor ich wusste, wie eine einfache Muschel das Leben in der Wasser-Korallenwildnis erleichtert hatte, schien sie mir voller Möglichkeiten zu stecken.
Als ich an diesem Abend allein am Strand stand, legte ich die Muschel an mein Ohr. Und es war mir, als hörte ich aus der Tiefe der Spirale das Rauschen der Schöpfung, einen ewigen Atem, absolut gleichförmig egal wie oft ich sie vom Ohr nahm und wieder ansetzte. Ich verbrachte eine Stunde mit meinem neuen Ritual und fühlte mich lebendig, voll Entdeckerfreude.
Nirgendwo in den USA ist der spanische Einfluss größer
Längst war die Sonne untergegangen, und ich sah, wie das Platinlicht des Mondes die See heiligte. Es ist ein unheimliches, ein altes Licht, wie man es von den Gemälden spanischer Kriegsschiffe kennt, die, ihre Masten vom Gewicht des Windes in den Segeln geneigt, in die Neue Welt fahren. In ein von Hurrikanen abgebürstetes und von der Sonne versengtes Land, das die Spanier nach dem Datum ihrer Ankunft am Ostersonntag spanisch Pascua florida des Jahres 1513 Florida nannten, "die Blühende".
Die Sanftheit dieses Namens täuscht über die Brutalität hinweg, mit der die Spanier Floridas Ureinwohner in weniger als 200 Jahren vernichteten. Nirgendwo in den Vereinigten Staaten ist der Einfluss der spanischen Eroberer so deutlich zu spüren wie in Florida. Der Katholizismus hat dort Schneisen in die Kultur geschlagen, lange bevor an den Rest dessen, das einmal Amerika werden sollte, auch nur ein Gedanke verschwendet worden war. Florida, nah am Wendekreis des Krebses gelegen und nur einen Atemzug von Kuba entfernt, ist Millionen gedankliche Meilen weit weg vom Herzland Amerikas.
In Florida ist selbst die Luft anders als dort. Die Hitze lässt sie zittern, Wetterleuchten zuckt am Himmel, wenn die Atmosphäre wärmer ist als das kalte Wasser des Atlantik, des flüssigen Horizonts, der von phosphoreszierenden Algen grün schimmert. Es ist ein malerisches Leuchten, zahm ist es, verglichen mit den Gewitterblitzen, die vom Golf heranziehen. Hoch über dem warmen Wasser türmen sich Quellwolken, elektrische Brüter, deren Intensität man spürt, lange bevor sie heranziehen. Im Schutz der Seven-Mile Bridge habe ich beobachtet, wie Blitze aus einer fernen Wolke hoch in den blauen Himmel schießen, sich einen Weg brennen, der klar ist wie die Bahn eines Meteors.
Der Mensch sehnt sich nach Wasser
Es ist der berühmte Blitz aus heiterem Himmel, an den niemand glaubt, bevor er ihn nicht gesehen hat. Er sei, schrieb Darwin, eine wesentliche Komponente der Schöpfung. Das Leben entstand, so Darwin, in einem kleinen, warmen Tümpel mit allen möglichen Ammoniak- und Phosphorsalzen, mit Licht, Wärme und Elektrizität.
Hier in Florida, im Dampfbad des Tropensommers, kann man spüren, dass eine solch spontane Schöpfung möglich ist: Ich habe eine Flasche mit Erde, Meerwasser und Korallenstücken von einem verwachsenen Küstenstreifen vor St. Augustine zwei Jahre in die Sonne gestellt und beobachtet, wie das Leben im Wasser erblühte.
Das Wasser ist das große Unbewusste, der Bewahrer dessen, was wir nicht wissen. Es zieht uns Menschen magisch an, wir drängen uns an den Meeresstränden mit eingeölter blasser Haut und denken nicht darüber nach, warum. Es ist der Drang zu unserem Ursprung. Wir werden in Flüssigem empfangen, in Flüssigem genährt und dann in eine schroffe Welt geboren, in der wir uns nach Wasser sehnen.
Oft fühlen sich die Menschen, die diesen Ursprung suchen, besonders stark von den Küsten Floridas angezogen, ohne dass sie den Grund dafür kennen. Sie wollen zurückkommen. Sie wollen nachts den warmen Salzwind fühlen und das Meer hören. Sie wollen hierher gehören, weil das Unbewusstsein hier verstanden wird und Magie eine Form des Lebens ist.