Florida Auf den Schwamm gekommen
Was von ihm übrig bleibt, sind Blubberblasen. In regelmäßigen Abständen steigen sie hoch an die Wasseroberfläche. Sie kräuseln sich, platzen - dann ist das Wasser wieder ruhig. Die Zuschauer im Boot blicken aufs Meer und suchen nach neuen Blasen. Warten auf das nächste Lebenszeichen, hieß das damals vor 80 Jahren, als noch viele Tauchgänge tödlich endeten. Travis taucht mit dem Equipment von früher für zahlende Touristen. Keine Bewegung, keine neuen Blubberblasen. Der Schlauch, der in Travis' Taucherhelm führt, bewegt sich nicht, und das rote Kommunikationsseil zuckt nicht mehr.
Travis Jewell sucht auf dem Meeresboden vor der Stadt Tarpon Springs nach Naturschwämmen, wie sie hier seit mehr als einem ganzen Jahrhundert gefischt werden.
Im Jahr 1905 brachte ein Schwammkäufer aus New York 500 Männer aus Griechenland in die Stadt nach Florida. Sie sollten für ihn nach Schwämmen tauchen. Es hieß, sie arbeiteten sorgloser und schneller. Und sie trauten sich auch in tiefe Gewässer, wo die Schwämme besser sind und die Gefahr größer ist. So wurde Tarpon Springs Anfang des 20. Jahrhunderts zur Welthauptstadt der Schwammfischerei. Jeder zweite Naturschwamm, den man in Europa kaufen konnte, kam aus dem kleinen Ort in Florida.
Noch heute ist die Stadt griechisch geprägt. Hinter blinden Fensterscheiben sitzen alte Männer, sie trinken ihren dreifach aufgebrühten Kaffee und spielen Karten. Die Häuserfassaden an der Promenade leuchten weiß und hellblau, kantige Schriftzeichen prangen über den verschiedenen Souvenirshop, die neben Schwämmen auch Nachbildungen der Akropolis aus Plastik verkaufen.
Im Hafen liegt die "Hellas Bakery", wo es allerlei türkisch anmutende Süßspeisen gibt, und schließlich der Mittelpunkt griechischen Lebens: die orthodoxe Kirche. Vor etwa 90 Jahren waren 95 Prozent der Einwohner des kleinen Küstenorts in Florida Griechen oder zumindest griechischer Abstammung. Heute stammen noch 12.000 der 25.000 Einwohner ursprünglich vom Mittelmeer. Damit hat Tarpon Springs die höchste Konzentration von Griechen in den gesamten Vereinigten Staaten von Amerika.
Der Taucheranzug wiegt so viel wie der Taucher selbst
Zum Theophaniefest am 6. Januar kommen etwa eine Millionen Griechen aus dem gesamten Land nach Tarpon Springs, um die jungen Männer des Ortes beim Heraufholen eines Kreuzes aus dem Meer zu beobachten eine griechische Tradition. Trotz dieses nasskalten Rituals, das quasi direkt in den Beruf des Schwammtauchers zu führen scheint, gibt es nicht genug willigen Nachwuchs.
Taucher Travis meldet sich zurück. Ein paar Blasen steigen auf. Dann zuckt das rote Kommunikationsseil zweimal schnell. Was übersetzt so viel bedeutet wie: "Weiter rechts". Der Bootsführer, ein Mann mit dreckigem Rollkragenpullover und grauen Haaren unter einer dunkelblauen Schirmmütze, wirft den Motor an. Er steuert langsam nach rechts. Die Blubberblasen wandern langsam hinter dem Boot her. Der orangefarbene Tauchanzug aus festem Kautschuk, den Travis trägt, wiegt beinahe 80 Kilogramm soviel wie er selbst.
Zwei Männer haben ihm beim Anlegen der unbeweglichen Montur geholfen: Die Männer halten die Röhre mit vier Händen auf, und Travis, der bereits in einem gemütlichen Jogginganzug steckt, schlüpft mit einem Bein hinein. Dann das andere Bein. Schließlich wird das schwere Gerät an Travis' Torso hochgezogen. Der Anzug ist auf Höhe der Brust ausgeschnitten. Travis muss mit dem Kopf durch ein Eisenlätzchen, dass nun mit dem orangefarbenen Tauchanzug verschraubt wird. Wieder helfen die Männer: Mit Schraubenschlüsseln ziehen sie so fest an den Flügelmuttern, dass Travis Körper hin und her ruckt. Die Touristen beäugen ihn und machen Fotos. Er sitzt auf einer Holzkiste und lässt sich die 20 Kilogramm schweren Schuhe anlegen. Er atmet schwer, spricht nicht und schaut nach unten. Er sieht wie ein Boxer, der in seiner Ecke des Rings auf den großen Kampf wartet.
George heißt eigentlich Georgius
Jetzt findet der Kampf gerade unter Wasser statt. "Ob er keine Schwämme findet?", fragt ein Mädchen seine Oma. Bootsführer Cal hält in der einen Hand das Ruder, in der anderen ein Mikrofon. "Bei ihm dauert es immer ein bisschen länger", sagt er, "Travis ist aus Wisconsin". Die Amerikaner an Bord lachen. Die Briten verstehen den Witz nicht.
Dem 79-jährigen George Billiris ist der eingekaufte Taucher aus dem Norden ein bisschen unangenehm: "Mir wäre es lieber, das würde ein echter Grieche machen" sagt er und grinst. Aber der Beruf des Schwammtauchers ist eben kein Renner unter dem griechischen Nachwuchs. George, der eigentlich Georgius heißt, ist so etwas wie der Pate der kleinen Stadt. Sein Vater war einer der ersten Griechen in Tarpon Springs, er selbst war auch einmal Schwammtaucher. "Ein sehr guter", sagt der Mann, dessen Augen nicht mehr strahlen, sondern milchig glänzen.
Wenn George das Restaurant "Mykonos" am Hauptplatz betritt, schauen alle von ihren Tellern auf und grüßen ihn: ein paar auf Englisch, ein paar auf Griechisch. George hält sich gerne hier auf. Hier scheint die Zeit still zu stehen. An den Wänden hängen Fahnen aus der Heimat seines Vaters und Drucke von bergigen Landschaften und Ziegen. "Vor zehn Jahren haben wir noch 12 Millionen Schwämme pro Jahr aus dem Golf geholt, jetzt sind es nur noch zwei Millionen im Jahr". An die Stelle der Schwammwirtschaft ist der Tourismus getreten. George Billiris profitiert davon er betreibt ein Museum, und auch sein altes Schwamm-Lagerhaus kann man besichtigen trotzdem hängt er der Vergangenheit nach.
Der Taucher ist ein arbeitsloser Banker
Das Seil zuckt nicht, es spannt sich und bleibt gespannt. "Ich will raus" heißt das. Travis hat genug. Die Blubberblasen nähern sich dem Boot, bis schließlich eine Hacke aus dem Wasser auftaucht und dann der Tauchhelm. Travis hält einen Korb aus dem Wasser, darin liegt ein brauner, schleimiger Haufen: ein Naturschwamm. Die feinen, hellen Exemplare, wie wir sie in Ökoläden kaufen, sind gebleicht. Im Original sind die meisten Schwämme dunkel und riechen muffig. Die zwei Helfer ziehen Travis aus dem Wasser und nehmen ihm den Schwamm ab. Jeder Tourist darf diesen mal anfassen. Travis bekommt den Helm abgenommen und setzt sich wieder auf seine Holzkiste. Er atmet schwer. Die Touristen machen Fotos von ihm und mit ihm: "Travis und ich".
Travis ist eigentlich Banker. "Aber darauf hatte ich keinen Bock mehr. Ich wollte in die Sonne und was anderes machen", sagt der 26-Jährige. Vorhin, als Travis unter Wasser war, hatte Bootsführer Cal noch gelästert: "Wir haben ihm den amerikanischen Traum ermöglicht: vom Arbeitslosen aus Wisconsin zum Schwammtaucher in Tarpon Springs". Und um den Karrieresprung seines Schützlings zu untermauern, hat er Autogrammkarten drucken lassen. Für einen Dollar bekommen Touristen an Bord fünf Postkarten mit Schwammtaucher-Motiven angeboten. Auf einer Karte ist unter dem Bild eines Tauchers ein freies, weißes Feld. "For Divers Autograph" steht darüber.
Travis geht herum und signiert die Karten. Ein paar Omas kichern und verlassen ein Stück Griechenland mitten in Florida mit dem Autogramm eines arbeitslosen Bankers aus Wisconsin.