Florida Keys Rebellen der Karibik
Die Fähre "Yankee Freedom II" schunkelt leicht im Hafen von Key West. Nach einem prächtigen Sonnenuntergang wird es dunkel und still auf den Piers, an denen die Hochseeangel-Yachten mit ihren hohen Aufbauten festgemacht haben. Nur Finbar Gittelman brüllt auf der Fähre: "Jetzt kannst du sie haben, Hurensohn!" Der Mann schaut unter seinem Strohhut hervor. Etwas erschrocken sehen ihn 50 Literatur-Fans an, dann brandet langer Applaus auf.
Finbar hat eben während des Hemingway-Festivals in Key West den dramatischen Höhepunkt einer seiner Geschichten vorgelesen: Ein Kapitän muss in einem Hurrikan sein Schiff aufgeben. Als die Mannschaft es in eine Rettungsinsel geschafft hat, verflucht der Kapitän den Sturm. Dann sinkt das Boot, der Hurrikan hat es sich geholt. Viele im Publikum wissen, warum Autor Finbar seine Zeilen so energisch vorträgt: Es ist seine eigene Geschichte.
Vor 26 Jahren ging Finbars Schoner in einem schweren Hurrikan unter, er flüchtete sich mit seiner Mannschaft in eine Rettungsinsel, trieb durch das ruhige Auge des Sturms und wieder hinaus. Drei Tage später wurden sie fast verdurstet aus dem Meer gefischt. "Seither kann ich nicht mehr schlafen, wenn nicht eine Flasche Wasser neben meinem Bett steht", sagt der heute 65-jährige, tiefgebräunte, graubärtige Mann, dem hinten ein langer Zopf aus dem Strohhut baumelt.
Alles dreht sich um das Wasser
Finbar ist eine kleine Berühmtheit in Key West. Und das liegt nicht nur daran, dass der Segler so gute Geschichten erzählt. Er steht auch für das Gefühl vom freien, abenteuerlichen Leben auf See, das die Keys bestimmt. Denn auf den Inseln am Golfstrom zwischen Atlantik und Golf von Mexiko dreht sich alles ums Wasser: Schnorchler und Taucher zieht es hinaus zum Riff, das sich von Miami bis weit über die letzte bewohnte Insel Key West erstreckt; Segler schippern in den Sonnenuntergang, und Angler stellen auf hoher See mächtigen Fischen nach.
An Land zieht besonders das schillernde Key West Aussteiger an: Alt-Hippies flechten am Straßenrand Hüte aus Palmenblättern, in der Amüsiermeile Duval Street reihen sich ungewöhnlich für die prüden USA einträchtig unzählige Kneipen, Schwulen-Bars und ein paar Strip-Lokale aneinander.
Es ist kein Wunder, dass das Meer so eine Bedeutung hat, denn viele der erst seit 1912 durch Brücken mit dem Festland verbundenen, üppig mit Mangroven bewachsenen Inseln sind kaum breiter als der "Overseas Highway". Die Straße führt bis in die heimliche Hauptstadt Key West, und sie spülte über die Jahre immer mehr Touristen auf die Inseln mit dem tropischen Klima und den seltsamen Namen: Key Largo, Upper Matecumbe, Vaca Key, Bahia Honda Key.
Früher dienten sie Piraten und Wrackplünderern als Unterschlupf. Und die Keys-Bewohner, die sich nach der hier heimischen rosafarbenen Ohrmuschel gerne "Conchs" (sprich: Konks) nennen, nehmen noch immer eine tropisch entspannte Rebellenpose ein. Sie fühlen sich trotz Highway als Insulaner: Im "No Name Pub" auf Big Pine Key klebt ein Aufkleber über dem Tresen: "Rettet die Keys", steht darauf, "sprengt die Brücken."
Rebellion auf den Keys
1982 wurde sogar eine "Conch Republic" ausgerufen, nachdem die US-Grenzpolizei auf dem Festland kurz vor den Keys Straßensperren aufgebaut hatte. Sie durchsuchte Autos nach illegalen Einwanderern, schnürte damit aber auch die Lebensader der Inselkette ab. Die "Conch Republic" protestiere, trat aus den USA aus und erklärte den Krieg gegen die Union. Die Rebellen ergaben sich aber sofort, traten den USA wieder bei und baten um Wirtschaftshilfe, die allerdings nie kam.
Richtig berühmt wurden die Keys durch den Schriftsteller Ernest Hemingway, der von 1930 an gut neun Jahre in Key West lebte. Von der Insel an der Südwestspitze der Keys fuhr er mit seiner Yacht "Pilar" hinaus zum Hochseefischen und trank sich abends durch die Kneipen. Aber in seinem Haus in der Whitehead Street entstanden auch einige seiner berühmtesten Werke. Der Mythos von Hemingways ungezwungenem Lebenswandel gefällt vielen noch immer ganz gut, die zum Angeln auf die Keys kommen. Es geht dabei um den archaischen Kampf des Menschen gegen die Natur, allein auf dem Meer.
Der nahe gelegene Golfstrom bietet dafür mit einem ungeheuren Fischreichtum beste Voraussetzungen: In der Angel-Hauptstadt Islamorada, die etwa in der Mitte der Keys liegt, werden in den vielen kleinen Häfen noch vor Sonnenaufgang die Charterboote klar gemacht. Obwohl an diesem Tag eine kräftige Ost-Brise weht, die den Atlantik kräuselt, stehen Kapitän Wayne Kvadus im "Whale Harbor" schon ein paar Schweißperlen auf der Stirn.
Seit einer knappen Stunde richtet er die Angeln für den nächsten Tagestrip her, spritzt das Boot mit einem Wasserschlauch sauber und kommt kaum dazu, an seinem bitteren Kaffee zu nippen. Natürlich hat er wie jeder Fischer auf den Keys Hemingways Nobelpreis-prämierte Geschichte "Der alte Mann und das Meer" gelesen und weiß, wie gern das Hochseeangeln verklärt wird. Doch auch er lässt keinen Zweifel daran, dass er eines der letzten Abenteuer betreibt: "Man kann auf dem Pier der perfekte Angler sein, draußen ist dann alles eine andere Geschichte", sagt der 55-Jährige.
"Keine Hunde, keine Katzen, keine Ex-Frauen"
Etwas lockerer sehen das die Kapitäne der unzähligen kleinen Boote, die zum ufernahen "Backcountry Fishing" hinausfahren. Dabei fangen sogar Anfänger immer etwas. Auf den kleinen Booten geht es entspannter zu als auf den aufgemotzten Hochseeangel-Yachten. Man sitzt in der Sonne, öffnet eine Dose Bier und redet über die Familie. Der Ernst des Lebens muss auf dem Pier zurückbleiben: Aufkleber mit dem Hinweis "Keine Hunde, keine Katzen, keine Ex-Frauen" oder "Keine Politik, nur Fischen" sind sehr beliebt bei den Klein-Kapitänen.
"Das, was wir hier machen, ist einfach nur Spaß", sagt etwa Brian Cutchins, der solche Angeltrips am Ufer entlang anbietet, "wir sind Entertainer." Nicht umsonst hat er sein kleines Boot "Laid Back" genannt. Doch wenn dann erst ein mächtiger Tarpon oder Barrakuda am Haken hängt, muss auch der erst mal an Bord gehievt werden. Für die genießbaren Fische findet sich an Land immer ein Restaurant, das den eigenen Fang zubereitet - und ausreichend Gesprächsstoff für den abendlichen Kneipenbesuch bietet so ein Trip allemal.
Eher sprachlos und ergriffen sind dagegen die Schnorchler, die zum Korallenriff vor den Keys hinausfahren. Die farbenprächtigen Fischschwärme, die durch das warme Wasser über die Korallen flitzen, lassen endgültig karibische Gefühle aufkommen. Vor Key Largo wurde 1960 der "John Pennekamp Coral Reef State Park" eingerichtet. Seit 14 Jahren fährt Kapitän Rick Barry von dort hinaus zu den Korallen. "Willkommen auf den Bahamas", sagt er, bevor er Schnorchler ins Meer entlässt. Wenn sie wieder zurück ins Boot klettern, sieht er immer in erstaunte und zufriedene Gesichter. Und seinem Bahamas-Vergleich widerspricht niemand.
Links:
www.fla-keys.com (Keys Tourismusseite)
www.pennekamppark.com (Unterwasserpark Key Largo)
www.laidbackcharters.com (Seite Angler Brian Cutchins)
www.schoonerwolf.com (Seite Finbar Gittelman)
www.hemingwayhome.com (Hem-Museum Key West)