Fotograf Steve McCurry Der Gesichtersammler
Ein dunkelhäutiger Junge sitzt mit nacktem Oberkörper auf einem morschen Holzboot und spielt Karten. Die Hose ist fleckig, die Planken von Vogelkot verdreckt. So sehr scheint die Pik sieben in der Hand seine Aufmerksamkeit einzunehmen, dass er weder die Kamera wahrnimmt, noch das spektakuläre Gebäude im Hintergrund. Im stillen Wasser spiegeln sich die berühmten Marmorkuppeln des Taj Mahal, doch sie bilden nur den Rahmen für den nach vorne gebeugten Spieler.
Menschen, und nicht Landschaften oder Gebäude sind das Thema des neuen Bildbandes "Augenblicke" von Magnum-Fotograf Steve McCurry. Die Sammlung beinhaltet Porträtfotos aus Indien, Afghanistan, Kroatien, Birma, Jemen, Mali und einigen weiteren, hauptsächlich asiatischen Ländern. Sämtliche Motive sind im Querformat aufgenommen. Da der Band jedoch im Hochformat gedruckt ist, blättert der Leser nicht wie bei einem Roman von links nach rechts, sondern wie bei einem Wandkalender senkrecht durch die Seiten.
Auf seinen Reisen ist der 59-Jährige ständig auf der Suche nach Gesichtern, "die etwas ausdrücken, eine Geschichte erzählen", wie er einmal sagte. Besonders eindrucksvoll gelang ihm das mit einem der bekanntesten Fotos des 20. Jahrhunderts: Sharbat Gula, das afghanische Flüchtlingsmädchen mit den leuchtenden grünen Augen, das im Juni 1985 den Titel von "National Geographic" zierte, wurde dank McCurry zum Symbol der Tragödie Afghanistans im Konflikt mit Russland in den achtziger Jahren.
Wie so viele seiner Kollegen bei der Fotoagentur Magnum hat auch McCurry schonungslos das Elend blutiger Konflikte gezeigt, die Verstümmelungen von Kriegsopfern, die brennenden Ölquellen in Kuwait, die schrecklichen Folgen von Waffengewalt in Krisenregionen. Doch am besten ist er, wenn er als Fotograf ruhiger Beobachter sein darf anstatt von Aktualität getriebener Berichterstatter.
In "Augenblicke" zeigt er betende Mönche in Tibet, indische Bauern auf dem Feld, Schuhverkäufer und Näherinnen bei der Arbeit. Zur hohen Kunst werden diese Alltags-Momentaufnahmen dank des virtuosen Umgangs mit Farbkontrasten und der bis ins Detail durchdachten Bildkomposition des geduldigen Kamerachronisten. Die Bilder sind Erfolgsbeispiele aus 30 Jahren des Ringens, seine Fotoobjekte so natürlich und authentisch wie möglich darzustellen, ohne sie durch die klobige Kamera zu irritieren.
"Ich wollte dem Leser ein bis ins Innerste gehendes Gefühl für die Schönheit und Wunder vermitteln, denen ich auf meinen Reisen begegne, wenn das Überraschende des Fremdartigen sich an der Freude über das Vertraute reibt", schreibt McCurry im Vorwort. So fremd oft die Gewänder und Aufenthaltsorte der Abgelichteten wirken, so vertraut sind die Emotionen, die sich in ihren Gesichtern spiegeln. Nur zu einigen Fotos gibt der Bildband kurze Informationen, ansonsten muss der Betrachter die Lebensgeschichten der Porträtierten in seinem Kopf entstehen lassen.
Doch genau das kann auch das große Vergnügen sein, das "Augenblicke" bietet: eine Phantasie-Begegnung mit Menschen, deren Kultur so anders und deren Wünsche und Träume so gleich sind.
Steve McCurry: "Augenblicke", Phaidon-Verlag, 156 Seiten, 59,95 Euro. Bestellen Sie diesen Titel hier im SPIEGEL-Shop !