Französisch-Guayana Sprungbrett ins All
Abflugbereit ragt die Ariane-5 ECA mehr als 50 Meter hoch in den Himmel über Kourou in Französisch-Guayana. Rundherum ist nichts als Urwald. Ein paar Kilometer entfernt liegt der Atlantik. Wer sich als Raumfahrtfan und Tourist rechtzeitig angemeldet hat, kann das Erlebnis eines Raketenstarts zu frühabendlicher Stunde ganz aus der Nähe mitverfolgen. Dieses gewaltige Tosen, wenn die Triebwerke gezündet werden, das langsame Abheben des Kolosses mit seinem Rauchschweif und die Erleichterung am Boden, wenn alles geklappt hat - so etwas bleibt in Erinnerung.
Nur ein dichter Mangrovengürtel trennt Europas Weltraumbahnhof, der knapp sechs Grad nördlich des Äquators liegt, vom Meer. Nahe der Palmen am Strand stehen einige Schaulustige, die mit einem Katamaran unterwegs waren und durch das starke Grummeln der startenden Ariane-5 auf das Himmelsschauspiel aufmerksam gemacht worden sind. In einem leichten Bogen verschwindet die Rakete mit ihrer Transportfracht - in aller Regel zwei Satelliten - in den Wolken. Schon seit Ende 1979 starten Ariane-Raketen vom Gelände des Centre Spatial Guyanais CSG, das gut doppelt so groß ist wie das Bundesland Bremen - hier ist viel Platz.
Die kleine Garnisonsstadt Kourou blüht und gedeiht - wegen des Geldsegens, den die europäische Raumfahrtindustrie bringt, aber auch dank der Tausenden von Touristen, die nicht nur das Raumfahrtgelände und sein Museum besichtigen oder einen Start beobachten wollen, sondern auch die Fahrt in eine einstige Hölle nicht scheuen: In gut einer Stunde erreichen sie mit einem Katamaran die "Inseln des Heils". Hier schmachteten ehedem französische Schwerverbrecher und politische Gefangene in Kerkern, wie von Henri Charrière in seinem Bestseller "Papillon" beschrieben und von Steve McQueen in dem gleichnamigen Straflager-Film bekannt gemacht.
Karneval in Cayenne, Kanufahrten zu Schildkröten
Haie wurden hier extra gefüttert, damit sie abschreckend in der Nähe der "Îles du Salut" blieben und die Gefängniswache spielten. Wenn heute in Kourou der bunte Markt stattfindet, dann bieten dort vielleicht Nachkommen der früheren "Gefängniswärter" ihre Ware an. Neben Bergen von Melonen, Papayas, Avocados und Ananas liegen Säckchen mit Cayenne-Pfeffer, Safran und Zimt. Die ganze farbliche und geschmackliche Vielfalt prächtiger exotischer Produkte ist ausgebreitet. Apropos Cayenne: Ein Ausflug in die Hauptstadt dieses französischen Übersee-Départements lohnt vor allem, wenn König Karneval regiert. Zudem bieten sich Kanufahrten tief in den Urwald an, am besten mit einem Kenner seltener Wasservögel oder Schildkröten.
Derweil ist nach dem Start auf dem Weltraumbahnhof auch wieder vor dem Start. Die nächste Ariane-5 wird bereits in ihrer riesigen Halle präpariert und der auf seinen Transport ins All wartende Satellit kontrolliert. Im kommenden Jahr wird das Raumfahrtgelände für interessierte Besucher noch attraktiver - die Europäer wollen 2008 ihre neue Kleinrakete Vega starten. Und mit immensem Aufwand wird außerdem eine Startrampe aus dem Urwald gestampft - für die legendäre russische Sojus-Rakete.
Von Hanns-Jochen Kaffsack, gms