Französisch-Guyana: Europa in der Ferne - DER SPIEGEL
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Französisch-Guyana Europa in der Ferne

Französisch-Guyana ist französisches Staatsgebiet und als solches auch Teil der Europäischen Union. Das Land hat mehr zu bieten als nur die weltbekannte europäische Raumfahrtstation in Kourou.
Von Niels Gründel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das kleinste der drei Guyanas ist ein Land der bizarren Gegensätze. Das ehrgeizige europäische Weltraumprogramm hat weite Teile des Urwaldes urbar gemacht und andere aus Angst vor Sabotage zum militärischen Sperrbezirk.

Während in Kourou die Raketen starten, bestellen die aus Laos eingewanderten Hmong das von ihnen kultivierte Land, dinieren Franzosen aus dem Mutterland in schicken Restaurants in der überschaubaren Hauptstadt Cayenne, und die Indianer am Grenzfluss Maroni zu Surinam, dem ehemaligen Niederländisch-Guyana, leben so abgeschottet von der modernen Zivilisation wie eh und je. Soziale Spannungen treten bis heute immer wieder auf.

Früher bedeutete der Aufenthalt im Land meist das Todesurteil. Seit Ende des 17. Jahrhunderts versuchten weiße Siedler und schwarze Sklaven vergeblich, in Französisch-Guyana dauerhaft für einen wirtschaftlichen Aufschwung zu sorgen und dabei zu überleben. Von den 10.000 angeworbenen Kolonisten lebten nach ein paar Jahren nur noch 2000. Das Wort vom Grab des weißen Mannes machte die Runde in Paris.

Später machte sich Frankreich Gedanken darüber, wie man zukünftig mit Dieben, Betrügern und unbequemen Personen des Mutterlandes verfahren sollte, welche die bürgerliche Ordnung gefährdeten. Und so wurden 70.000 Menschen noch bis Ende des zweiten Weltkrieges in die berüchtigte Strafkolonie Guyana deportiert.

Ein paar Tausend konnten fliehen, und einige durften sogar legal ins Mutterland zurückkehren. Doch mehr als 50.000 sind in Französisch-Guyana gestorben. Sie wurden Opfer von Hunger, Seuchen und psychischer wie physischer Vernichtung. Viele überlebten nicht einmal ihre ersten fünf Jahre im unerbittlichen südamerikanischen Sumpfklima.

Vor der Küste Kourous liegen die heute paradiesischen "Iles du Salut", die auf den ersten Blick nichts von der Folter ahnen lassen, der auch der berühmte Hauptmann der französischen Armee Alfred Dreyfus ausgesetzt war. 1894 wurde er wegen Hochverrats angeklagt.

Man beschuldigte ihn, Armeegeheimnisse an das deutsche Kaiserreich verraten zu haben. Sein einziges Verbrechen aber bestand darin, Jude zu sein, und so log man und fälschte Beweise zurecht. Nach seiner Verurteilung zu lebenslänglichem Freiheitsentzug wurde er in Einzelhaft auf der "Ile du Diable" gehalten.

Um sich täglich über seinen Gesundheitszustand unterrichten zu lassen, errichtete man einen Signalturm auf der Insel, einen zweiten auf der Hauptinsel des Archipels, der "Ile Royale", und einen dritten auf dem Festland in Kourou.

Als die Affäre außer Kontrolle und die Dritte Republik an den Rand des Zusammenbruchs geriet, gehörte Dreyfus zu den wenigen Gefangenen, die ins Mutterland zurückkehren durften.

Andere aber wurden in auf den Urwaldboden gestellten Käfigen wie wilde Tiere monatelang, manchmal gar über Jahre gehalten. Ihre Leichen wurden ins Meer geworfen. Gräber waren den Aufsehern vorbehalten.

In Saint-Laurent-du-Maroni befand sich das größte Deportationslager dieser Zeit. Heute ist es ein schläfriger, kleiner Ort im Dschungel mit überbreiten Straßen und ein bedeutender Posten der Fremdenlegion. Der Ort eignet sich aber auch als idealer Ausgangspunkt für mehrtägige Touren in den traditionellen Pirogen auf dem gleichnamigen Grenzfluss Maroni in die entlegensten Urwaldregionen.

Für Reisende mit weniger Abenteuerlust bietet die Arche Noah in Saint-Jean-du-Maroni ein seltenes Erlebnis: Dort erhält der interessierte Besucher einen Einblick in die fast unerschöpflich scheinende Artenvielfalt des angrenzenden Urwaldes. Viele Tiere haben ein Gebrechen und bekommen dort ihr Gnadenbrot, oder sie stammen aus Beschlagnahmungen der Zollfahnder.

Wer sich nicht ängstigt, darf den Pumakäfig betreten, sich eine Boa Constrictor um den Hals legen und mit einem Nasenbären Freundschaft schließen.

Wer weniger Wert auf ein hautnahes Erlebnis mit der Tierwelt legt, wird bestens bedient im Tierpark Amazonica in Matoury. Dort haben ehemalige Fremdenlegionäre auf einem riesigen Gebiet einen Tierpark mit 3.000 Tieren aus 250 verschiedenen Arten angelegt, der jedem Tier genügend Auslauf lässt. Vom Besucher aber wird eine gute Kondition verlangt.

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