Französisch-Polynesien Perlen der Südsee
Manihi - Henri Tauraa greift sich eine Auster, klemmt sie in einen Halter aus Metall und öffnet sie mit einer Zange. Dann macht er mit einem Skalpell innen einen kleinen Schnitt und schiebt mit der Pinzette eine Kugel hinein: ein nur etwa fünf Millimeter großes Stück Perlmutt aus einer Mississippi-Muschel. Rund 400 Austern öffnet der bärtige Polynesier am Tag - immer in der Hoffnung, dass aus dem Nukleus genannten Fremdkörper eine wertvolle Perle wird.
770 Menschen leben auf dem 27 Kilometer langen und acht Kilometer breiten Manihi-Atoll, das zu den nördlichen Tuamotu-Inseln gehört. Seit etwa 30 Jahren spezialisiert man sich hier, 520 Kilometer von Tahiti entfernt, auf die Zucht von Schwarzen Perlen. Rund 700 Perlenfarmen gebe es in Französisch-Polynesien, erzählt Franck Tiaahu von der Marketingvereinigung "Perles de Tahiti". Zwei der 66 auf Manihi können besichtigt werden. Um Henri Tauraa und seinen Kollegen zuschauen zu können, bezahlt man rund 2500 Pazifik-Francs (etwa 21 Euro).
Mit einem flachen Motorboot geht es einmal quer durch die Lagune. Unterwegs werden hölzerne Plattformen passiert, an denen die Austernnetze befestigt sind. "Alle drei Monate werden sie aus dem Wasser geholt und gereinigt", erklärt Touristenführerin Lowana Corrion. Nach drei Jahren werde den Austern der erste Nukleus eingepflanzt. "Die Kugel stammt aus den USA, wird in Japan vorbehandelt und dann importiert."
Bis zu dreimal kann eine Auster der Art Pinctada Margaritifera eine Schwarze Perle in sich heranwachsen lassen. Jedes Mal dauert das 16 bis 18 Monate, und die dabei gewonnenen Perlen werden mit jedem Vorgang größer. So weit die Theorie. Die dabei gewonnenen Schmuckstücke werden mit jedem Vorgang größer. In der Praxis verbirgt sich nur in jeder dritten Auster eine Perle. Davon seien lediglich drei Prozent rund. Und nur 0,5 Prozent würden die höchste Qualitätsstufe erreichen, erläutert Lowana. "Rund 25.000 Nukleus-Einsetzungen ergeben etwa 125 perfekte Perlen." In der Natur enthalten Austern nur in einem von etwa 15.000 Fällen eine Schwarze Perle.
Auf dem Weg zurück zu den Überwasser-Bungalows des Hotel beschäftigt die Touristen die Frage, ob wohl einer der Austern, die Henri heute behandelt hat, eine perfekte Perle produziert. Das warme Lagunenwasser spritzt zur Seite, am Horizont ist das Ufer des Atollrings kaum auszumachen. Dann tauchen die ersten Überwasser-Bungalows des Hotels auf. Urlauber können auf Manihi den ganzen Tag in einer Hängematte unter Palmen liegend verbringen oder zum Angeln und Schnorcheln in die Lagune fahren - sonst ist es absolut ruhig auf der Insel.
Rund sechs Millionen Perlen, das sind 80 Prozent der Gesamtproduktion hat Französisch-Polynesien im vergangenen Jahr nach Japan, in die USA und auch nach Deutschland exportiert, erzählt Franck Tiaahu. "Der deutsche Verbraucher setzt eher auf weiße Perlen, die hier nicht produziert werden", sagt der Experte. Die Farbe der Schwarzen Perlen aus Polynesien ist nicht immer dunkel, sondern liegt zwischen Türkis und einem leichten Rosa.
In der Nähe des Hafens der Inselhauptstadt Papeete steht ein kleines Perlenzucht-Museum. Unter den Nachbildungen von reich mit Perlen verzierten Kronen finden sich auch die von Karl dem Großen und Kaiser Rudolph II. aus dem 16. Jahrhundert. Das Highlight der Ausstellung ist die größte und perfekteste Tahiti-Perle, 2,092 Zentimeter dick und 12,5 Gramm schwer. Sie wurde im Mai 1996 geerntet und trägt den Namen des Perlenkönigs von Tahiti, Robert Wan. Doch vielleicht ist der Rekord ja in Gefahr, weil in einer der Austern von Henri Tauraa gerade ein noch größeres Exemplar heranreifen könnte?
Von Christian Röwekamp, gms